Der endlose Nebel
Das 24-Stunden-Rennen von Daytona ist nicht nur der Jahresauftakt der internationalen Langstreckensaison, sondern auch Motorsportlegende und US-Fantreff zugleich. Die 2026er-Auflage blieb nichts schuldig; der Hauptdarsteller war der nicht enden wollende Nebel.
Florida steht für Sonne und warme Temperaturen? Nicht so in Daytona – zumindest nicht im Januar. Über Nacht hüllte dichter Nebel den International Speedway ein und hielt das Feld sechseinhalb Stunden lang hinter dem Safety-Car fest – eine so lange Zeit, dass sie surreal wirkte. Doch weder das Wetter noch die Wartezeit konnten den spannenden Kampf an der Spitze stoppen. Porsche siegte letztlich mit seinem 963er mit der Startnummer 7 (Fahrerbesetzung Julien Andlauer, Laurin Heinrich und Felipe Nasr) – der dritte Daytona-Sieg in Folge. Im Ziel betrug der Vorsprung gerade einmal 1,5 Sekunden vor dem Cadillac mit der Startnummer 31 in der Besetzung Aitken, Bamber, Vesti, Zilisch und dem BMW M Hybrid V8 mit der Startnummer 24 (D. Vanthoor, S. van der Linde, Frijns, Rast).

Der Zauber der 24 Stunden von Daytona lag noch nie in schicken VIP-Logen, prickelndem Champagner oder den Unmengen an Mac & Cheese. Die wahre Geschichte eines der großen Langstreckenklassiker spielte sich schon immer woanders ab: im Infield. Das ist nicht nur Teil der legendären Rennstrecke, sondern eine knappe Woche lang Campingplatz und Lebensraum der echten Fans. Kinder sitzen mit gigantischen Ohrschützern auf den Schultern ihrer Eltern und können ihre Augen nicht von den bunten Boliden nehmen, die wenige Meter vorbeidonnern – 24 Stunden lang. Eine Wagenburg der Neuzeit bestehend aus Campern, Pick Ups, Kinderwagen und Kühlboxen ist ein paar Tage lang der Lebensraum der echten Fans – während zwischendrin seelenruhig Hunde schlummern. In den USA sind die Langstreckenrennen Motorsportspektakel und Familienausflug zugleich. Tesla Cybertrucks stehen neben Rolls-Royce Cullinan, Corvette-Generationen und Pick-Ups umrahmt von riesigen Wohnmobilen, die auch Kontinente durchqueren könnten. All das durchzogen von Zeltstädten, Lichterketten, Markenlogos und einem Fahnenmeer der Markensignets. Zwischen den einzelnen Parzellen knistern Lagerfeuer, qualmen Grills und provisorische Holzkonstruktionen bieten ungewöhnliche Aussichtsmöglichkeiten.
Diese Verbundenheit erstreckt sich auch auf die Autos selbst. Die Daytona-Zuschauer haben ihre Favoriten und tragen ihre Treue mit Stolz. Sie brüllen, winken und klatschen herunter von Tribünen, Böschungen, Wohmobildächern oder improvisierten Plattformen, beschimpfen Gegner und Rennkommissare. Um 0:15 Uhr wurde der Nebel dichter als dichter und das Safety-Car wurde zum Hauptdarsteller – bis zum Sonnenaufgang. Mehr als sechseinhalb Stunden später waren 121 Runden in Folge mit reduzierter Geschwindigkeit absolviert – die längste ununterbrochene Gelbphase in der Geschichte des Rennens.

„Ich habe mich noch nie so gelangweilt hinter dem Steuer gefühlt“, gab Connor Zilisch zu, der den Cadillac mit der Startnummer 31 vier Stunden lang hinter dem Safety-Car fuhr. Und doch blieb die Stimmung nahezu unverändert. Die Feuer brannten länger, die Leute hüllten sich in warme Decken, bevor die Gespräche im Sande verliefen. Manche schliefen, andere schlenderten umher und kehrten um drei oder vier Uhr morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand und müden Augen, aber ungebrochener Laune, zum Zaun zurück. Das Rennen war noch immer präsent, schwach durch den Nebel hindurchscheinend, eine ständige Präsenz, aber nicht der alleinige Fokus.
Nebel hin und Fantreff her – die IMSA-Rennserie boomt. Daytona macht dies unübersehbar. Das Engagement der Hersteller ist so groß wie seit Jahren nicht mehr, die Startfelder sind voll und die Zuschauermassen sind längst Selbstverständlichkeit. Die Serie strahlt nun ein Selbstvertrauen aus, das global und doch bodenständig, seriös und doch zugänglich wirkt. Langstreckenrennen, einst eine Nische, sind fester Bestandteil der amerikanischen Sportkultur. Diese Bedeutung spiegelte sich perfekt in der GTD Pro-Klasse wider, wo BMW einen bemerkenswerten Sieg errang. Der Nordire Dan Harper holte sich zusammen mit Max Hesse, Neil Verhagen und Connor De Phillippi den Sieg im BMW M4 mit der Startnummer 1, nachdem er nach einer Disqualifikation im Qualifying wegen eines Reifenverstoßes vom letzten Startplatz ins Rennen gegangen war. Nach 24 Stunden betrug sein Vorsprung nur 2,223 Sekunden auf den Mercedes mit der Startnummer 75. „Ich kann es nicht fassen, was für ein Rennen!“, freute sich Harper anschließend.

Doch was mehr in Erinnerung bleibt, als Sieger und Platzierungen ist die Stimmung. Typisch Daytona – typisch USA. Die Kinder, die auf den Schultern schlafen, während die Motoren vorbeibrüllen. Supercars und Luxuslimousinen, die neben Wohnmobilen und Zelten parken. Die Lagerfeuer, die Grillabende, das Feuerwerk, die Fremden, die für ein Wochenende zu Nachbarn werden. Das Gefühl, dass das Rennen genauso sehr den Menschen rund um das Rennen gehört wie den Fahrern in den Autos. Deshalb ist das 24-Stunden-Rennen im floridianischen Winter so legendär – trotz Nebel.



















