Oberstes Regal
VW feiert den Golf GTI mit einer potenten Edition-50-Ausgabe. Optional gibt es das Performance-Paket dazu. Das macht seinem Namen alle Ehre und diesen Golf zum Agilitäts-Monster. Der Preis für diese Kombination ist allerdings auch dementsprechend gesalzen.
Kurven, glatter Asphalt und Nässe! Für ein Auto mit Vorderradantrieb ist das das Worst-Case-Szenario. Und dann noch mit Semislicks! Da ist das Geradeausfahren bei Richtungsänderungen quasi vorprogrammiert. Schon kommt eine Kurve rasend schnell näher. Wir sitzen am Steuer eines Golf GTI Edition 50 mit Performance-Paket. „Ist ja alles wunderbar, aber …“ schießt es uns noch durch den Kopf. Dann übernehmen die Streckenführung und der Überlebensinstinkt das Kommando! Bremsen. Hart. Die rotlackierten Sättel und mit ihnen die Beläge packen zu. Herzhaft! Der Gurt fixiert unseren Oberkörper, der nach vorne drückt. Jetzt einlenken. Wir rechnen mit dem unvermeidlichen Schicksal eines Frontkratzers: Den Ausflug in das Kiesbett rechts neben dem Linksknick. Hoffnungsvoll blicken wir dennoch auf den Scheitelpunkt. Dann passiert es. Wie mit dem berühmten Zirkel gezogen, folgt der VW Golf dem Lenkradbefehl und steuert auf die Mitte der Kurve zu.

Das Heck meldet sich zu Wort. Nicht störrisch, sondern unterstützend dreht das Hinterteil ein. Jetzt rauf aufs Gas! Auch diese Aufgabe meistert der Top-GTI. Kein Zucken, kein Scharren der Vorderräder. „Du willst, also mache ich!“, lautet die Devise des Autos. „Sauber …“, attestieren wir. Zu mehr ist keine Zeit. Die Leichtfüßigkeit, mit der der Golf um die Ecken pfeift, ist beeindruckend. „Beim Performance-Paket haben wir ins oberste Regal des MQB-Baukastens gegriffen“, erzählt Florian Umbach, Leiter der Fahrdynamik. Das war auch nötig, denn das Fahrwerk des Golf GTI Edition 50 ist identisch mit dem, das in der Clubsport-Version verbaut ist. Mit dem Performance-Paket wollen die VW-Techniker nun noch eine Stufe draufsetzen. Mission erfüllt! Dieser GTI macht es einem einfach, schnell zu sein. Sauschnell.
Das fängt mit klassischen Tuningmaßnahmen an. Die 235er-Pneus sind auf 19-Zoll-Schmiedefelgen aufgezogen, und die Abgase werden durch die Performance-Titan-Auspuffanlage des Golf R geleitet. Das bringt unterm Strich eine Gewichtsersparnis von rund 25 Kilogramm. Auf Knopfdruck klingt dieser GTI wie ein Asphalt-Raubtier. Bei der MacPherson-Vorderachse fällt der negative Sturz der Räder mit minus zwei Grad ins Auge, der stärker ausfällt als beim Basis-50er mit minus 1,33 Grad. Ein stärkerer negativer Sturz vergrößert die nutzbare Aufstandsfläche des äußeren Vorderrads in der Kurve. Der Reifen arbeitet homogener über die Lauffläche, was die Kurvengeschwindigkeit und die Einlenkpräzision erhöht. „Der zusätzliche Grip an der Vorderachse ist der Grundstein für hohe Kurvengeschwindigkeiten, wenig Untersteuern und ein neutrales Handling“, erklärt Florian Umbach. Das Schlüsselwort lautet „Grundstein“. Als Einzelmaßnahme würde diese Veränderung wenig bringen.

Damit dieser Kniff nicht wirkungslos verpufft, kommt noch ein ganzes Agilitätspaket hinzu. Vorne sind das steifere Domlager sowie ein steiferes hinteres Querlenkerlager. In Verbindung mit der elektrisch gesteuerten mechanischen Quersperre entsteht beim Herausbeschleunigen eine leichte Eigenlenkbewegung in Richtung Kurveninnenseite: Die Sperre „zieht“ das kurveninnere Rad stärker mit. Durch die geringere Nachgiebigkeit des Querlenkerlagers bleibt die Spur stabiler. Dadurch entsteht die leichte Eigenlenkbewegung nach innen, also das genaue Gegenteil vom klassischen „Fronttriebler-Schieben“.
An der Vierlenker-Hinterachse haben die Techniker hingegen deutlich weniger verändert. Beim Standard-Radträger ist die Spurstange nur einseitig befestigt. Mit dem Performance-Paket kommt eine doppelseitige Anbindung. Dadurch wird die Spurführung deutlich steifer, da sich der Radträger unter Querkräften weniger verwinden kann. Zudem unterstützt die Hinterachse die Lenkbefehle der Vorderachse präziser. Zusätzlich erhält die Hinterachse ebenfalls steifere Federn und Dämpferlager, sodass die Eigenfrequenz analog zur Vorderachse steigt und Wank- und Nickbewegungen reduziert werden. „So etwas kostet bei Manthey mehrere zehntausend Euro“, schmunzelt Florian Umbach. VW verlangt für das Performance-Paket 4.200 Euro, die zum Grundpreis von 54.540 Euro der Edition 50 noch dazukommen. Viel Geld für einen Golf GTI und 1.000 Euro weniger als ein Golf R. Doch der Spaßfaktor macht den Budgetschmerz wieder wett. Der Vergleich mit den Rennwagenbauern aus der Eifel kommt übrigens nicht von ungefähr: Testpilot Benjamin Leuchter hat auf der Nordschleife des Nürburgrings eine Zeit von 7:46,125 Minuten in den Asphalt gebrannt – die schnellste eines VW mit Straßenzulassung.

Apropos Straße: Das Sportfahrwerk legt die Karosserie um fünf Millimeter tiefer, als das bei der Basis-Edition-50-Version der Fall ist. In Summe sind das also 20 Millimeter. Das ist schon nicht ohne. Dank der serienmäßigen adaptiven Dämpfer malträtiert der aufgepeppte Golf GTI auch auf Landstraßen und in der Stadt die Bandscheiben der Insassen nicht. Wir waren zumeist im Komfort-Modus unterwegs und damit recht bequem. Klar: So ein dynamisch aufgerüsteter VW GTI ist keine Sänfte, aber auch Langstrecken sind kein Problem. Das liegt aber auch an den guten Sportsitzen – mit Karomuster, versteht sich. Innen wirkt der GTI ein wenig archaisch. Der Touchscreen hat einen dicken Rahmen, das Head-up-Display ist nicht monströs, und die Anmutung der Grafik hat noch den Hauch des Cariad-Desasters, als VW seine Infotainment-Software selbst schreiben wollte. Aber wenn ein Auto nicht absolut zeitgemäß sein darf, dann ist es ein Golf GTI. Dieser GTI.
Zumal man in dieser Version, egal in welchem Fahrprogramm – sei es Eco, Comfort oder Sport –, beim Asphalt-Spaß ziemlich weit vorne dabei ist. Kein Wunder, bei 239 kW / 325 PS und einem maximalen Drehmoment von 420 Newtonmetern. Damit sprintet der Golf von null auf 100 km/h in 5,3 Sekunden und ist bis zu 270 km/h schnell. Ex aequo mit einem Golf R. Den Verbrauch gibt VW mit 7,74 Litern pro 100 km an, bei uns waren es laut Bordcomputer 8,3 Liter pro 100 km. Ein Schmankerl haben sich die Entwickler beim Sport-Fahrmodus noch einfallen lassen: Drückt man lange auf die Kachel, erscheint die Nordschleife des Nürburgrings und man kann diese Einstellung anwählen. Dann ist der VW Golf GTI Edition 50 für diese legendäre Rennstrecke optimiert. Dann hält das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe in Kurven den Gang noch länger, um mit voller Kraft herausbeschleunigen zu können. Wenn Sie also auf der Landstraße von einem VW Golf Edition 50 mit Performance-Paket überholt werden und dessen Fahrer laut „Pflanzgarten“ jubelt, dann wissen Sie, welches Fahrprogramm er eingeschaltet hat.

Datenblatt VW Golf GTI Edition 50 mit Performance Paket
- Typ: Kompaktklasse-Schrägheck (5-Türer
- Motor: Vierzylinder-Turbo-Benziner
- Hubraum (cm3): 1.984
- Leistung in PS (kW) bei U/min-1: 325 / 239 bei 5.500 bis 6.500
- Max. Drehmoment (Nm) bei Umin-1: 420 bei 2.000 bis 5.500
- Höchstgeschwindigkeit (km/h): 270
- Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 5,3
- Getriebe: 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
- Antrieb: Vorderradantrieb
- Treibstoffsorte: Super
- Tank (L): 50
- Verbrauch EU-Drittelmix (l/100 km): 7,74
- CO2-Ausstoß (g/km): 176
- Gewicht, Herstellerangabe (kg): 1.470
- max. Zuladung (kg): 460
- Abmessungen (L/B/H): 4.292 / 1.789 / 1.463
- max. Ladevolumen (L): 374 bis 1.230
- Preis (Euro): 58.740
- Basismodell (Euro): 54.540)
- Abgasnorm: Euro 6e
- Effizienzklasse: G













