Wieso bunte Klassiker immer beliebter werden

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VonStefan Grundhoff

16. März 2026

Mut zur Farbe

Die Zeiten, in denen die Autos im täglichen Straßenverkehr kunterbunt waren, sind lange vorbei. In den 1970er Jahren war eine Innenstadtkreuzung beinahe so farbenfroh wie die Aufkleber auf der Rückseite der Pril-Flasche. Dann wurde es immer grauer und düsterer. Doch so langsam kommen bunte Autokolorationen wieder in Mode – zumindest auf dem Markt der Klassiker.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten beherrschen graue und silberne Farbschattierungen unseren Autoalltag. Wer einen Neuwagen kauft, der entscheidet sich in mehr als 60 Prozent aller Fälle für einen Farbton aus dem Spektrum grau, silber oder schwarz. Da weiß bei vielen Autoherstellern die einzige aufpreisfreie Außenlackierung ist und somit auch eine große Bedeutung im kostensensitiven Flottengeschäft hat, machen weiße Fahrzeuge mit einem Verkaufsanteil von rund 20 Prozent ebenfalls ein großes Stück am Lackierkuchen aus. Alle anderen Farben, von blau über grün, beige oder braun bis zu gelb oder gold kommen gemeinsam gerade einmal auf einen Verkaufsanteil von 20 Prozent. 

Die Gründe für die visuelle Monotonie liegen auf der Hand, denn zum einen geht es vielen Autofahrern um einen ebenso klassischen wie eleganten Auftritt; auf der anderen Seite zahlt der Eigentümer bei Wiederverkauf oder Inzahlungnahme einen hohen Preis, wenn er sein Fahrzeug mit einer extravaganten Farbe veräußern will. Zumindest dieser Trend scheint sich gerade umzudrehen, denn während sich Oldtimer aus den bunten 1970er Jahren schon lange in ihren klassischen Farben einer nennenswerten Nachfrage auf dem Gebrauchtwagenmarkt erfreuten, weitet sich der Trend nunmehr auf Modelle als den 1990er und frühen 2000er Jahren. 

Bestes Beispiel ist der Porsche Carrera GT, der vor zwei Wochen beim Klassikevent von Amelia Island an der Küste Floridas versteigert wurde. Hier wechselte bei der Versteigerung des Auktionshauses Broad Arrow ein Porsche Carrera GT aus dem Jahre 2005 für mehr als imposante 6.715.000 US-Dollar seinen Besitzer. Der Grund für die hohe Summe, die deutlich über den erwarteten rund drei Millionen US-Dollar lag, war neben der geringen Laufleistung von knapp 3.000 Meilen die ungewöhnliche Lackierung. Das Los mit der Nummer 184 war schon aufgrund seiner hellblauen Farbe (Gulf Blue) mit braunen Ledersitzen ein exklusives Einzelstück. 

Der Edeltrend der exklusiven Versteigerungshäuser im Kleinen lässt sich auf den generellen Markt der Gebrauchtmodelle durchaus ausdehnen. Jahrelang standen sich zeitgemäß lackierte Porsche 911 der Baureihe 964 aus den frühen 1990er Jahren in Violett (Farbcode Amethyst Perlcolor) oder im RS-Farbton Sternrubin – am besten noch mit Magenta-farbenem Lederinterieur die Sportreifen platt, während blaue, silberne und schwarze Modelle eiligst den Eigentümer wechselten. Wer wollte schon einen speedgelb lackierten Porsche 968 aus dem Baujahr 1994 im Alltag bewegen? Selbst wenn dies eine der begehrten Clubsport-Versionen war? Nicht anders sah es bei Mercedes aus. Die Schwaben führten ihren Klappdach-Roadster vom Typ SLK der Baureihe R 170 im Jahre 1996 insbesondere im kräftigen Post-gelb namens Yellowstone auf den Märkten ein. Auffallen um jeden Preis war das eine, doch die Gebrauchtwagenpreise brachen mit dem unifarbenen Gelblack schnell zusammen. Jetzt sieht es zumeist ganz anders aus, denn wer ein automobiles Zeitzeugnis aus den 1990ern im Alltag bewegen will, der möchte dies nur allzu gerne in einer zeitgenössischen Lackierung wie zum Beispiel Yellowstone, Amethyst oder das Calypsorot, mit dem BMW in den 1990er Jahren nur allzu gerne seine Modelle der 5er-Reihe überzog. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt war dies ebenso lange ein optischer Makel nebst Minderpreis wie ein BMW 3er der Generation E36 in Veilchenblau oder ein E21 in Phoenix Orange. Schlugen die Händler bei Inzahlungnahmen und Leasingrücknahmen seinerzeit nur die Hände über dem Kopf zusammen, so sieht das mittlerweile ganz anders aus. 

Wenn Pflegezustand und Historie passen, erfreuen sich die zeitgenössischen Lackierungen bei Autofans großer Beliebtheit und sind mindestens ebenso hoch im Kurs wie ein liebloses schwarz, ein blasses silber oder ein kräftiges blau. Volkswagen hat seinen ID3 in der sportlichsten GTX-Variante sogar in einer Lackneuauflage des VW Golf II Fire & Ice und dessen Lackierung „Dark Violet Perleffekt“ neu aufgelegt, die 1990 nicht allein in der Kompaktklasse neue Farbmaßstäbe setzte. Anzunehmen, dass sich dieser Trend weiter aufschaukelt und Old- und Youngtimer gerade mit typischen bunten Lacken ihrer Zeit in der Gunst der Käufer weiter steigen. 

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