Kraxeln und Reisen im Amboss
Das Jeep Wrangler Anvil 715 Concept zitiert optisch die Vergangenheit und weist zugleich in die Zukunft. Der legendäre Hemi-Motor verleiht dem Prototyp eine gelassene Souveränität.
Die Steigung ist knackig. Zwar sind es keine 100 Prozent, aber ein 08/15-Lifestyle-Allradler hätte da schon seine Schwierigkeiten. Wir haben selbst gesehen, wie einige Besucher der Jeep Easter Safari in Moab mit ihren Vehikeln an diesem Trail schon gescheitert sind. Doch wir sitzen in einem waschechten Jeep. Sperren, Untersetzungsgetriebe und monströse Stollenreifen – alles da. Da geht die Chance des Scheiterns gegen null. Zumal der größte Trumpf unter der Motorhaube sitzt: ein legendärer 6,4-Liter-Hemi mit 346 kW / 470 PS und 637 Newtonmeter Drehmoment. Oder wie die Jeep-Enthusiasten kurz sagen: „Ein 392er“. Das entspricht dem Hubraum in der US-Maßeinheit Kubikzoll, eben 392.

Die Achtzylinder-Ikone wummert mit ihrem charakteristischen Bass dumpf im Leerlauf und lässt die Karosserie leicht zittern. Wir schieben den Wählhebel der ZF-Achtgang-Automatik auf D und schon ruckt der Geländewagen an. Langsam und unwiderstehlich. Ein Blick auf den zweiten Ganghebel bestätigt, dass die Getriebeuntersetzung eingelegt ist. Passt also. Vor uns türmt sich eine steile natürliche Stein-Pyramide auf. Als wenn das nicht genug wäre, ist sie noch mit rotem Sand übersät ist. Die roten Sandsteinfelsen sind für typisch für die Gegend um Moab. Sie ist das Mekka für Offroad-Fans und Austragungsort der Jeep Easter Safari, die dieses Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum feiert. Die meisten chinesischen Autobauer waren damals noch nicht einmal als Gedankenspiel geboren.
Jetzt geht es zur Sache. Eine wichtige Regel des Geländefahrens lautet: Stets leicht Gas geben, damit Differenziale, Untersetzungsgetriebe und Reifen arbeiten können. Der Stunt gelingt. Langsam, wie ein gigantischer Blechkäfer, schiebt sich das Vehikel die steile Anhöhe hinauf – unwiderstehlich, souverän, routiniert. Angetrieben von dem Triebwerk mit den hemisphärischen Brennräumen. Wir sind oben angekommen und schauen uns den Amboss (englisch: Anvil) genauer an. Denn das Vehikel, das wir bewegen, ist keine gewöhnliche Jeep-Version, sondern eine Studie, ein Konzeptauto. Es ist voll fahrbereit mit allem Pipapo. Das ist kein Wunder, denn die Basis ist der Wrangler Unlimited Rubicon. Also der Geländekünstler.

Der Name Amboss ist mit Bedacht gewählt, denn er steht für Unzerstörbarkeit und der Farbton Anvil im Jeep-Kosmos für Retro-Look sowie Understatement. Das demonstriert die Front mit dem Rhino-Kühlergrill, die die SJ-Jeep-Modelle aus den 1960ern zitiert. „Wir haben bei den Konzept-Fahrzeugen so viele Retro-Designs gemacht. Jetzt wollten wir ein Design entwerfen, das von der Vergangenheit inspiriert, aber zukunftsorientiert ist“, erklärt Jeep-Formgeber Vince Galante. Wir finden: Mission erfüllt. Beim Anvil 715 ist alles vor der Windschutzscheibe neu. Die leicht nach vorne geneigte Nase, orientiert sich an den Rhino-Grills des Kaiser Jeep M715 und ragt mit den eckigen Scheinwerfern rund vier Zoll weiter nach vorn als die bekannte Wrangler-Front. Schnittig, modern, aber dennoch den Jeep-Wurzeln verbunden.
Auch das fest montierte Dach unterscheidet sich von dem des klassischen Wrangler und baut vier Zoll höher. Hinzu kommen Oberlichter (Skylights) und einem, nicht abnehmbarer Dachträger. Die zusätzliche Höhe verbessert das Raumgefühl für die Passagiere, schafft mehr Luft über den Köpfen und verschiebt die Proportionen in ein rustikales kantiges Erscheinungsbild. Dadurch wirkt der Anvil weniger wie ein puristischer Kraxler mit Accessoires aus dem Zubehörkatalog und mehr wie ein Reise-Wrangler mit eigener Silhouette. „Wir beschäftigen uns schon länger mit dem Overland-Thema“, sagt Vince Galante. Also mit den langen Fahrten auf den Highways. Der Weg ist das Ziel, ohne die Kernkompetenz der Off-Road-Marke zu verwässern. Das klappt. Auch weil der mächtige Hemi-V8 ist auch für geschmeidigen Vortrieb sorgt.
Die Modifikationen des Jeep Wrangler Anvil 715 Concept entsprechen genau dieser Philosophie. Der Prototyp verfügt über ein bordeigenes Luftsystem mit Schnellkupplungen für den Reifendruckwechsel, Zusatzscheinwerfer nach vorn und hinten, schwere Stahlstoßfänger, ein separates Trail-Offroad-Display im Cockpit, neu bezogene Sitze, ein Dachstaufach im Innenraum sowie einen auswaschbaren, robust beschichteten Boden. Aktuell bildet noch ein Tablet die Infotainment-Kommandozentrale. Doch das würde im Serienauto nicht der Fall sein. Apropos Serie: Bitte Jeep, baut dieses Auto!
















