Das Wunder der Skalierung
Es sieht aktuell nicht gut aus für den Stellantis Konzern. Um wieder in die Spur zu kommen, will sich CEO Antonio Filosa auf die vier Kernmarken Jeep, Ram, Peugeot und Fiat konzentrieren. Dazu kommt die Kooperation mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor, der aktuell wohl interessantesten Marke im europäischen Stellantis-Paket. Wir haben hinter die Kulissen der neuen Erfolgsmarke geschaut.
Erst 2015 ist Leapmotor aus einer spontanen Idee entstanden. Firmengründer Zhu Jiangming sah auf einer Reise nach Valencia das elektrische Citymobil einen Renault Twizzy im Straßenverkehr und beschloss über Nacht, die Produktion von Überwachungskameras einzustellen und so schnell als möglich auf Autos zu setzen. Die gigantische Transformation dauerte gerade einmal vier Jahre. Anfangs müde belächelt, wurde Leapmotor praktisch über Nacht zur Erfolgsmarke mit Potenzial. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Umsatz und der chinesische Hersteller strebt nach mehr. In diesem Jahr soll die Marke von einer Million verkauften Autos fallen.

Es ist kein Geheimnis: Wer eine gute Produktidee hat und eine Zielgruppe von über 1,3 Milliarden potenziellen Kunden anspricht, hat bessere Chancen auf Erfolg als in einem kleinen Land. Dabei ist die Lage auf dem Heimatmarkt alles andere als einfach, denn hier kämpfen aktuell mehr als 140 Autohersteller einen heißen Preiskampf. Auch wenn auf dem Heimatmarkt China nach Angaben der Analysten von Alix Partners derzeit nur Branchenriese BYD und im kleinen Rahmen Li Auto überhaupt Geld verdienen, ist Zhu Jiangming zuversichtlich, dass es für Leapmotor in den kommenden Jahren aufwärts geht. Der Chinese hatte die Vision, ein Unternehmen mit angepassten Kosten und einer ebenso hoch effizienten wie kontrollierten Wertschöpfungskette zu schaffen – zusätzlich zu einer attraktiven Modellpalette, die den Markt erobern soll.
Der Gründer von Leapmotor hatte zudem die geschäftliche Weitsicht, einen internationalen Partner von der Größe der Stellantis-Gruppe zu finden, die 2023 für 1,5 Milliarden Euro immerhin 20 Prozent der Unternehmensanteile erwarb und damit die Firma Leapmotor International gründete, an der Stellantis 51 Prozent hält. Wichtige Voraussetzungen, die Vertriebskanäle von Stellantis für eine schnellere internationale Expansion in 30 neue Märkte zu nutzen, was sonst kaum finanzierbar gewesen wäre. Doch damit nicht genug, denn um seine Position bei den chinesischen Aufsichtsbehörden zu stärken, ging Jiangming Ende letzten Jahres zudem eine Partnerschaft mit dem staatlichen Hersteller FAW ein und gab dafür 5 Prozent seines Aktienkapitals im Wert von 500 Millionen Euro ab. Derweil startet der Expansionsplan zügig voran und Leapmotor verfügt bereits über 950 Vertriebs- und Servicestellen in 300 chinesischen Städten, wo aktuell der Großteil des Umsatzes erzielt wird.

Im Jahr 2025 erreichte der Absatz weltweit fast 600.000 Fahrzeuge – eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen ist bereits in anderen asiatischen Ländern, Australien und Europa vertreten. Dieses Jahr sollen eine Million Fahrzeuge abgesetzt werden, doch langfristig sind die Ziele noch ambitionierter: „Unser Ziel ist es, innerhalb eines Jahrzehnts vier Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu verkaufen und uns einen komfortablen Platz unter den Top 10 der globalen Automobilhersteller zu sichern“, so Zhu Jiangming. Sollte sich dieser exponentielle Absatzanstieg bestätigen, wäre Leapmotor das erste chinesische NEV-Startup (mit voll- oder teilelektrischen Fahrzeugen), das diese Marke übertreffen kann – nach sieben Jahren Marktpräsenz. Damit würde Leapmotor andere renommierte Startups wie Xiaomi und Nio überholen, die in diesem Jahr etwa die Hälfte dieses Absatzvolumens erreichen dürften. Noch wichtiger: Leapmotor würde schneller als geplant in die Gewinnzone wechseln.
Trotz des Fokus auf Märkte in Europa, Australien, Südafrika oder Südamerika beliefen sich Leapmotors Verkäufe außerhalb Chinas im Jahr 2025 auf lediglich 67.000 Einheiten – und genau darauf liegt derzeit die Priorität. In Europa, wo Leapmotor aktuell die viertmeistverkaufte chinesische Marke hinter MG, BYD und Chery ist, dauert es nur noch fünf Monate bis zum Produktionsstart des SUV B10 im Stellantis-Werk in Saragossa, wo auch der Opel Corsa gefertigt wird. Der Leapmotor B05, ein Konkurrent von Elektromodellen wie dem VW ID.3, Kia EV4 oder Renault Megane, soll kurz darauf folgen. Dabei werden die ungenutzten Produktionskapazitäten von Stellantis genutzt; ein Trend, der sich in ganz Europa bei verschiedenen Marken abzeichnet. Dadurch können die von der Europäischen Kommission eingeführten protektionistischen Zölle (10 plus 20,7 Prozent im Fall von Leapmotor) umgangen werden, und die Preise von Leapmotor werden wettbewerbsfähiger, obwohl aufgrund höherer Lohnkosten im Vergleich zu China höhere Kosten anfallen.

Das aktuelle Angebot in China umfasst die Modelle T03, Lafa 5 (B05 auf ausländischen Märkten), B01, C01, A10 (B03X in Europa), B10, C10, C11 und C16 und deckt damit die Segmente Stadtautos, Kompaktwagen und SUVs verschiedener Größen ab. In den kommenden Monaten wird die Modellpalette durch die Markteinführung des Top-SUV D19 und des ersten Minivans mit Namen D99 erweitert. Auf dem europäischen Markt erzielte der T03 als erschwingliches Modell im Segment der Kleinstwagen beachtliche Verkaufszahlen und war eines von nur zwei Elektroautos unter 20.000 Euro.
Die SUVs B10 und C10 – jeweils mit Elektroantrieb oder Range Extender – sind qualitativ besonders attraktiv, auch wenn der Preis für viele Kunden das größte Lockmittel ist. Der neue B03X ist ein vier Meter langer Crossover, der Ende März in China (als A10) auf den Markt kam und noch in diesem Jahr in Europa erhältlich sein wird. Er wird hier jedoch nicht wie in China umgerechnet 9.000 bis 12.000 Euro kosten, sondern soll knapp unter 20.000 Euro liegen. Der B05 wird dem Opel Astra, dem VW ID.3 und Co. ernsthafte Konkurrenz machen: Als fünftürige Elektro-Limousine mit einem Startpreis von 27.000 Euro ist er für europäische Kunden sehr attraktiv, obwohl er mehr als doppelt so viel kostet wie in China.













