Waymo gibt in Sachen Ride-Sharing Gas

Avatar-Foto

VonStefan Grundhoff

21. Juni 2026

Endlich Fahrt aufnehmen

Von den einstigen Ankündigungen, wie schnell das autonome Fahren und speziell die führerlosen Taxis unseren Alltag bereichern sollten, ist speziell in Europa nicht viel geblieben. Die Ankündigungen sind vager denn je – die Fortschritte auch. Doch Unternehmen wie Waymo, Baidu und Hyundai wollen die Fahrdienste in den kommenden Jahren endlich weltweit durchstarten lassen.

In San Francisco sieht man die weißen Jaguar i-Pace seit Jahren autonom herumfahren – wenn ihnen nicht defekte Ampelanlagen oder überflutete Straßen einen Strich durch die Rechnung machen. In US-Städten wie Phoenix, Austin, Atlanta oder Los Angeles haben Unternehmen wie Zoox und insbesondere Waymo ihr Ride-Share-Angebot mittlerweile ausgebaut und auch in chinesischen Millionenagglomerationen wie Wuhan, Guangzhou oder Peking erweitert Tech-Riese Baidu sein Angebot autonom fahrender Taxis. Tesla hinkt hinterher und testet sein geplantes Autonom-Taxi aktuell in Austin / Texas, um Erfahrungen für den Serieneinsatz zu sammeln. 

In Europa und speziell Deutschland sieht es mit autonomen Taxis bisher düster aus. Bei uns sorgen höchstrichterliche Entscheidungen dafür, das in die Jahre gekommene Taxi-Gewerbe zu stärken und Fahrdienstanbieter wie Uber oder Grab nicht zu groß werden zu lassen. „Inzwischen betreibt Waymo allein in den USA eine Flotte von circa 2.500 autonomen Fahrzeugen in fünf Metropolen. Diese Robotaxis kommen auf etwa 250.000 bezahlte Fahrten pro Woche, das sind 14 Millionen Fahrten pro Jahr“, erläutert Professor Andreas Herrmann, Direktor des Instituts für Mobilität der Uni St. Gallen, „schon ist die Rede davon, dass nicht nur weitere US-Cities erschlossen werden sollen, sondern auch London, Tokyo und einige deutsche Städte. Je mehr dieser selbstfahrenden Taxis im Einsatz sind und je häufiger sie gebucht werden, desto günstiger werden die Fahrtkosten.“

Die Autohersteller stehen seit Jahren zwischen den Fronten und haben mit den juristischen Rahmenbedingungen hierzulande ebenso zu kämpfen wie mit Infrastruktur und der zähen Regulierung durch Behörden. Doch der internationale Druck wird speziell aus den Vereinigten Staaten und China immer größer. Europa hat den Anschluss beim Thema Ride Sharing und führerlose Taxis längst verloren. Während hier zaghafte Testbetriebe auf Entwicklungsniveaus laufen, startet der Alltagsbetrieb in Nordamerika und China gleichermaßen durch. Besonders Waymo will durch seine groß angelegte Kooperation mit der Hyundai Motor Company nunmehr die nächste Stufe zünden. Sind in Austin oder San Francisco zumeist in die Jahre gekommenen Jaguar i-Pace mit dem bekannten Sensorornat unterwegs, um führerlos durch den Alltag zu kommen, so steigt Waymo nunmehr schrittweise auf die aktuellen Hyundai Ioniq 5 um. Dafür wird die sechste Generation der sogenannten Waymo Driver in die Elektromodelle der Südkoreaner implantiert – heißt, die Fahrzeuge sind vollautonom im Alltag unterwegs und können die Fahrgäste nach entsprechender Buchung per Smartphone an ihr Wunschziel bringen – ohne Fahrer. 

Aktuell werden die Ioniq-5-Modelle im amerikanischen Metaplant-Werk der Hyundai Motor Group in Georgia gefertigt und dann schrittweise die Jaguar-Modelle ergänzen, die der indisch-britische Autobauer längst aus seinem Programm gestrichen hat. Erste Ioniq 5 sind bereits seit dem Jahreswechsel im Testlauf on Tour. „Wir freuen uns sehr über die Partnerschaft mit Hyundai, während wir unsere Mission, der vertrauenswürdigste Fahrer der Welt zu sein, vorantreiben“, sagt Tekedra Mawakana, CEO von Waymo, „der Fokus von Hyundai auf Nachhaltigkeit und eine starke Roadmap für Elektrofahrzeuge macht sie zu einem großartigen Partner für uns, da wir unseren vollständig autonomen Service mehr Fahrern an mehr Orten zugänglich machen können.“

Waymo hatte sich bei einer Vielzahl von Autohersteller nach einem neuen Trägerfahrzeug erkundigt und dabei deutlich mehr Auswahl als vor sechs Jahren, als kaum Firmen ein entsprechendes Elektromodell zur Verfügung stellen konnten. Vor zwei Jahren entschied sich das Tochterunternehmen des Alphabet-Konzerns schließlich für die Südkoreaner, die ihre Ioniq 5 mit spezifischen Modifikationen wie elektrischen Türen oder einer redundanten Hardware versehen. „Die transformative Technologie von Waymo verbessert die Verkehrssicherheit dort, wo sie tätig sind und der Ioniq 5 ist das ideale Fahrzeug, um dies weiter zu skalieren“, unterstreicht Hyundai-CEO José Muñoz, „das Team in unserer neuen Produktionsstätte ist bereit, eine beträchtliche Anzahl von Fahrzeugen für die Waymo One-Flotte bereitzustellen, während diese weiter wächst. Wichtig ist, dass dies der erste Schritt in der Partnerschaft zwischen den beiden Unternehmen ist, und wir prüfen aktiv zusätzliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit.“

Durch die neue Plattform und Sensortechnik gibt es nicht allein mehr Möglichkeiten bei der Echtzeit-Vernetzung, sondern auch ein 800-Volt-Bordnetz, das Lade- und damit Standzeiten deutlich reduziert. Im Innern bietet der elektrische Hyundai Ioniq 5 zudem mehr Platz für Gepäck und Personen als der bisherige Jaguar i-Pace. „Wir haben kürzlich den Start des Geschäftsbereichs Autonomous Vehicle Foundry der Hyundai Motor Company angekündigt, um globalen Unternehmen für autonomes Fahren Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen, die in der Lage sind, autonome Fahrtechnologie der SAE-Stufe vier oder höher zu implementieren“, erläutert Chang Song, verantwortlich für die Advanced Vehicle Plattform von Hyundai, „es gibt keinen besseren Partner für unsere erste Vereinbarung in dieser Initiative als den Branchenführer Waymo.“ Waymo setzt jedoch nicht allein auf Hyundai und den Ioniq 5. Auch General Motors will autonome Fahrzeuge in die Waymo-Flotte einbringen, die sukzessive auf immer mehr US-Städte ausgeweitet werden soll.  

In Europa tut sich derweil wenig und speziell in Deutschland tun sich Behörden schon schwer, den ÖPNV um Car Sharing und Ride Sharing zu öffnen. Zu streng sind die Rahmenbedingungen für einen Fahrdienst wie Uber X, wie jüngst der Bundesgerichtshof entschied. Anfang Juni entschied der für das Wettbewerbsrecht zuständige erste Zivilsenat des BGH, dass die sich aus dem Personenbeförderungsgesetz für Mietwagen ergebende Verpflichtung zur unverzüglichen Rückkehr zum Betriebssitz nach Ausführung des Fahrt nicht in den Anwendungsbereich des Unionsrechts fällt. Das macht es dem preisgünstigen Konkurrenten von Taxis hierzulande spürbar schwerer wettbewerbsfähig zu sein und hat darüber hinaus eine Signalwirkung für neue Anbieter, nicht in Deutschland zu investieren. 

Kein Wunder daher, dass sich in deutschen Metropolen wenig tun, wenn es um das führerlose Fahren zum Schnäppchenpreis geht. In Hamburg ist bei der VW-Tochter Moia nach wie vor ein Sicherheitsfahrer an Bord und in München startet erst aktuell ein Projekt, mit dem Uber, Nvidia und das Start-Up Autobrains gemeinsam autonome Taxidienste testen. Professor Andreas Herrmann: „Da Robotaxis keinen Fahrer benötigen, sind sie bei den variablen Kosten von traditionellen Taxis sowieso kaum zu schlagen. Daher gilt: Sofern es gelingt, die Robotaxis möglichst gut auszulasten, entsteht eine Kostendynamik, die diesen Service besonders attraktiv macht. Kein Wunder also, dass Waymo Gas gibt.“ 

China fährt auch hier vorweg, denn bereits vor Jahren unterstrich die chinesische Regierung unter Präsident Xi Jinping, dass man nicht allein bei alternativen Antrieben, sondern gerade auch beim Thema Fahrerassistenz und autonomen Fahren die weltweite Führung übernehmen wolle. Das ist nicht zuletzt durch milliardenschwere Investitionen in Infrastruktur sowie der Unterstützung heimischer Unternehmen, die in Bereichen wie Software und Sensorik arbeiten, längst geschehen. Marktführer sind aktuell mit großem Abstand Didi Chuxing, die 2016 das China-Geschäft von Uber übernommen haben sowie Amap, die in verschiedene Ride-Share-Dienste in einer App kombinieren. T3 Chuxing ist in vielen der Metropolen vertreten und arbeitet dabei ähnlich wie Hyundai / Uber mit den Autoherstellern FAW, Dongfeng und Changan zusammen. Cao Cao geht noch einen Schritt weiter und gehört als Fahrdienst allein dem Autokonzern Geely, der auch an Marken wie Mercedes, Volvo, Lotus oder Polestar beteiligt ist. 

Kommentar verfassen