Mercedes-Maybach S 680 Limousine

Avatar-Foto

VonWolfgang Gomoll

7. Juli 2026

Goodbye V12

Wo eine Mercedes S-Klasse ist, da ist auch ein Maybach. Die Luxusvariante ist und bleibt ein Erlebnis. Auch wenn ein markantes Merkmal mittlerweile fehlt. 

Luxuskunden sind im Grunde eine dankbare Klientel. Sie wollen einfach das Beste und alles, was ihrem Geschmack entsprechend. „Das Fahrzeug entwickelt einen eigenen Kosmos für die Kunden“, bringt Andreas Rothuß die Attitüde der Mercedes-Maybach S-Klasse auf den Punkt. So gesehen kann sich der freundliche Schwabe glücklich schätzen, denn das Facelift der Mercedes S-Klasse, auf dem die Maybach-Variante basiert, ist keine Revolution, auch wenn die Manager immer wieder betonen, wie umfangreich das Auto überarbeitet wurde. Zum Beispiel, dass der Kühlergrill jetzt 20 Prozent größer und der Rahmen beleuchtet ist oder die neuen Schmiederäder mit beweglichem Mercedes-Benz Stern. Wo erlaubt, erstrahlen auch der Maybach-Schriftzug sowie der Mercedes-Stern. Allerdings werden wir nie verstehen, warum sich das Emblem des schwäbischen Herstellers auf der Motorhaube und dem Lenkrad befindet. Wer den Luxusaufschlag bezahlt, will auch auf das Luxus-Signet blicken.

Also stört es die eher konservative Maybach-Käuferschaft wenig, dass ihr Gefährt trotz eines Preises von mindestens 187.606,48 Euro nicht mit dem Hyperscreen, sondern lediglich mit dem Superscreen als Darstellungsfläche für das Infotainment ausgestattet ist. Schließlich lässt man sich ja fahren. Wichtiger ist dann schon, dass man den Innenraum fast vollständig mit Leder verkleiden kann. Oder jetzt eben auch tierhautfrei. Mit dem Manufaktur-Programm „Made to Measure“ (Deutsch: maßgeschneidert) kann man den Mercedes-Maybach nach eigenem Gusto individualisieren: 150 Lack- und mehr als 400 Interieurfarben stehen zur Auswahl. Nur wenn es um Sicherheitsfragen und offensichtliche Design-Fails geht, schwingen sich die Maybach-Kunden zur Stilpolizei auf. So ist die Kombination aus Matt- und Metalliclack beim Two-Tone-Look ein „No-Go“. Apropos: Für uns ist die zweifarbige Lackierung bei einem Maybach ein Muss. Sie dauert eine Woche und der Lack wird in mehreren Schichten von Hand aufgetragen. Wir haben uns für die Kombination aus Emerald Green und Mojave Silver Metallic entschieden.

Hinten rechts kommt First-Class-Atmosphäre auf, und man kann sich richtig ausstrecken. Bei einer Länge von 5,48 Metern und einem Radstand von 3,40 Metern ist das auch kein Wunder. Ganz flach hinlegen geht aus Sicherheitsgründen nicht, aber auch so kann man im Fond wirklich entspannen – inklusive Wadenmassage. In einem solchen Gefährt legt man die Strecke von München nach Hamburg gerne auf Achse zurück. Bei uns geht es entlang der Côte d’Azur. Auch nicht der schlechteste Ausblick. Wir bitten den Fahrer, den Maybach-Fahrmodus zu aktivieren, bei dem das Anfahren und die Schaltvorgänge betont geschmeidig sind, um das Vorankommen für die Fahrgäste im Fond so angenehm wie möglich zu gestalten. Die serienmäßige Airmatic-Luftfederung antizipiert die Beschaffenheit der Straße anhand von Daten anderer Mercedes-Fahrer, die in der Cloud gesammelt werden, und passt sich elektrisch an. Zwar werden auch die Nickbewegungen reduziert, aber die Mercedes-Maybach S-Klasse gleitet wie ein Schoner über die Meere, über den Asphalt und wiegt den Passagier in den Schlaf. Selbst Bremsschweller verlieren ihren Schrecken. Der Maybach überwindet sie geschmeidig, das man sich unwillkürlich fragt: „War da was?“

Selbst im Sportprogramm sind die Bewegungen des Aufbaus vorhanden und stören hinter dem Lenkrad mehr als im Fond. Wer diese noch weiter reduzieren möchte, muss die E-Active Body Control für einen Aufpreis von 7.735 Euro ordern. Dass dieses Extra bei einem Testwagenpreis von 310.097,34 Euro nicht enthalten ist, überrascht ein wenig. Apropos „nicht enthalten“: Trotz der roségoldenen Applikationen in den Scheinwerfern ist auch beim Maybach nicht alles Gold, was glänzt. Ein Leben ohne einen Zwölfzylinder ist möglich, aber sinnlos! Dieses Mantra war und ist bei Luxuslimousinen seit jeher ein ehernes Gesetz. Nicht mehr bei Mercedes-Maybach. Die edle Sternen-Tochter hat mit der Modellpflege der Mercedes-Maybach S-Klasse den prestigeträchtigen V12 in Europa aus dem Programm genommen. Den Abgasnormen sei „Dank“. „Aktuell“, fügen die Maybach-Verantwortlichen lächelnd hinzu. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass man in Sindelfingen bereits an der Renaissance des markendefinierenden Motors tüftelt. Wer mehrere Hunderttausend Euro für sein Fortbewegungsmittel hinlegt, erwartet auch die ultimative Laufruhe und lebt nach dem Motto: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Hubraum.

Damit die kubikzentimeterverwöhnte Klientel möglichst weich fällt, rollt der Mercedes-Maybach S 680 mit einem Vierliter-Achtzylinder in die Auffahrt des Anwesens. Moment mal. Diesen Motor (M177 Evo V8)  gibt es seit der Modellpflege in der „normalen“ S-Klasse, man wird doch nicht ein Triebwerk eines derart gewöhnlichen Fortbewegungsmittels in einen Luxuskreuzer verpflanzen? Natürlich nicht, das versteht sich doch von selbst. Zumindest was die Leistung angeht, denn der Maybach S 680 hat 450 kW / 612 PS und 850 Newtonmeter Drehmoment. Das sind 55 kW / 75 PS und 100 Nm mehr als im Mercedes S 580. Standesgemäß. Damit ist nicht nur die Kraft des Zwölfzylinders egalisiert, es kommt sogar noch ein leichter Stromschlag dazu. Der Startergenerator liefert noch 17 kW / 23 PS sowie 205 Nm extra – bei beiden Versionen.

Die Rechnung geht auf. Dank der zusätzlichen Dämmung herrscht auch im modellgepflegten Maybach eine nahezu traumhafte Ruhe. Die Kehrseite der Dezibel-Diät ist das Gewicht von knackigen 2.430 Kilogramm. Aber mit mehr als 600 PS kommt man damit gut klar. Schließlich steht nicht die Rennstrecke, sondern der Komfort an erster Stelle. Ein Mercedes-Maybach entschleunigt. Und wie! Wir sitzen, nein, residieren hinter dem Lenkrad und betrachten die Drei- und Vierzylinder-Hornissen, die das Schiff umkreisen, mit souveräner Gelassenheit. 

Wie man es auch dreht und wendet. Wo man auch sitzt. Am Ende ist die modellgepflegte Mercedes-Maybach S-Klasse S 680 ein faszinierend klassisches und gerade deshalb überzeugendes Auto. In einer Welt, in der selbst Luxusautos oft sportlicher, digitaler, lauter oder auffälliger werden wollen, pflegt dieser Maybach eine andere Disziplin: Er kann Stille. Er kann Distanz. Er kann Tempo, ohne Eile auszustrahlen. Und er kann seinen Insassen das Gefühl geben, dass Reisen kein notwendiges Übel ist, sondern ein Zustand. Rechts hinten ist dieser Maybach mehr als nur die edlere S-Klasse. Er ist der vielleicht luxuriöseste Widerspruch zum modernen Mobilitätsstress.

Datenblatt Mercedes-Maybach S 680 Limousine

  • Typ: Luxuslimousine
  • Motor: V8-Biturbo-Benziner mit Elektromotor
  • Hubraum (cm3): 3.982
  • Leistung in PS (kW) bei U/min-1: 612 (450) bei 5.500-6.100
  • Max. Drehmoment (Nm) bei Umin-1: 850 bei 2.500-4.500
  • Höchstgeschwindigkeit (km/h): 250
  • Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 4,0
  • Getriebe: 9G-Tronic Automatik
  • Antrieb: Allrad
  • Treibstoffsorte: Benzin
  • Tank (L): 76
  • Verbrauch EU-Drittelmix (l/100 km): 11,0 bis 11,7
  • CO2-Ausstoß (g/km): 252 bis 267
  • Gewicht, Herstellerangabe (kg): 2.430
  • max. Zuladung (kg): 485
  • Abmessungen (L/B/H): 5.484 / 1.921 / 1.510
  • max. Ladevolumen (L): 480
  • Preis (Euro): 310.097,34
  • Basismodell: 243.814,94
  • Abgasnorm: nicht offiziell angegeben
  • Effizienzklasse: G

Kommentar verfassen