Die neue Welt der Edeltuner
Als der Elektrotrend vor Jahren die Automobilwelt im Sturm einzunehmen versuchte, sah es düster aus für deutsche Edeltuner wie Abt, Brabus oder Alpina. Doch mittlerweile hat sich das Blatt gedreht, denn die Tuner von einst wurden zu Nobelmarken – mit vielversprechenden Aussichten.
Als Brabus, der wohl renommierteste Tuner mit Nobelkunden in aller Welt, sich vor Jahren die ersten beiden Elektro-SUV vom Typ Mercedes EQC 400 zu Testzwecken vornahm, gab es in der Bottroper Firmenzentrale lange Gesichter. Der EQ-Innenraum mit seinen nur mäßig wertigen Materialien ließe sich mit überschaubarem Aufwand auf Brabus-Luxusniveau bringen, aber dann war da noch der Elektroantrieb, dem die Ingenieure ein stärkeres Leben einhauchen wollten – alles andere als einfach. Als der erste Mercedes EQC 400 mit technischen Problemen zwischen Düsseldorf und Bottrop liegenblieb, nahm man Abschied von dem geplanten Leistungsnachschlag. Die in Stuttgart neu ausgerufene Elektromobilität mit Stern erschütterte die eigene Brabus-Firmenkultur rund um exklusivste Mercedes S-Klassen und bullig motorisierte G-Klassen in den Grundfesten. Kein Platz für Starkstrom made in Bottrop.

Ein paar hundert Kilometer weiter im bayrischen Buchloe sah es kaum anders aus. Alpina hatte gerade erst seinen 50. Geburtstag gefeiert und es lief prächtig, doch der Edeltuner, der immer wieder auch Entwicklungsarbeiten für BMW übernahm, sah den Trend zur Elektromobilität ebenfalls als große Gefahr. Die Kernkompetenz der Allgäuer, leistungsstarke Straßentourer im Kleid von BMW-Serienmodellen wie D3, B5 oder XB7 zu produzieren, passte nur schwerlich mit elektrischen Antrieben zusammen. Was sollte man in Zukunft anstellen? Schließlich hatte Plattformgeber BMW immer wieder Interesse an dem Kleinserienherstellern aus Buchloe geäußert und mit einer ähnlichen Übernahme wie einst von AMG durch Mercedes geliebäugelt. War das rechte Zeitpunkt?
Ganz ähnlich Gedanken gab es eine Stunde südwestlich in Kempten bei Abt. Hier hatte man lange Jahre darauf gehofft, dass Audi sich den sportlichen Ableger, der so häufig die aufwendigen Rennsportaktivitäten der Ingolstädter übernommen hatte, einverleiben würde. Doch die von vielen erhoffte Übernahme gab es nicht. Mit einer eigenen Elektroabteilung namens Abt E-Line wollten die Allgäuer ein neues Geschäftsfeld rund um leichte Nutzfahrzeuge erschaffen. VW Transporter, Caddy und Crafter wurden für den Kurzstreckendienst elektrifiziert, während der sportliche Anspruch durch Versuchsträger wie der Abt RS6-E mit einem über 1.000 PS starken Hybridantrieb unterstrichen werden sollte. Die Kunden wollten jedoch unverändert die Power-Modelle für die linke Spur.

Längst hat sich das Blatt gewendet, denn auch wenn immer mehr Neufahrzeuge mit einem Elektroantrieb unterwegs sind, steht fest, dass Verbrenner gerade in den exklusiven Fahrzeugklassen erhalten bleiben – insbesondere weltweit. So hat sich für die einstigen Edeltuner ein völlig neues Geschäftsfeld ergeben. Kaum ist das besser zu beobachten als bei Brabus. Einst veredelten die Bottroper fast ausschließlich Mercedes-Modelle, doch nach einigen Startech-Eskapaden rund um Jeep- und Chrysler-Modelle wollte man unter dem neuen CEO Constantin Buschmann in andere Sphären aufsteigen und sich als echter Luxushersteller in Szene setzen. Ein Modell wie der Brabus Rocket GTS basierte zwar technisch auf einem Mercedes SL, bekam als Shooting Brake jedoch einen völlig anderen Charakter. Zudem veredelt der Hersteller aus dem Ruhrgebiet mittlerweile Modelle von Porsche, Jaguar Land Rover, Lamborghini und sogar Rolls-Royce. In diesem Frühjahr dann der große Auftritt mit dem Brabus Bodo, einem Luxus-GT mit 1.000 PS starkem Zwölfzylinder auf Aston-Martin-Basis. Ein Traumwagen mit komplett eigenständiger Karbon-Karosse auf 77 Modelle limitiert und mehr als eine Million Euro teuer, hatte als Gran Tourismo große Auftritte auf Luxusevents in aller Welt. Brabus-CEO Constantin Buschmann: „Dieses Fahrzeug hier repräsentiert eine Vision, die meinem Vater viele Jahre lang am Herzen lag und über die wir oft gesprochen haben. Diese Vision zum Leben zu erwecken, war ein höchst emotionaler Prozess.“
Etwas anders sieht es in Buchloe aus, denn BMW hatte 2022 die Markenrechte an Alpina gekauft und will den Nobelzuwachs als BMW-Alpina nunmehr zu einem Maybach-Gegner mit Fokus auf den chinesischen und den US-Markt aufbauen. Doch die umtriebigen Bovensiepen-Brüder ließen es sich im Rahmen der Vertragsausgestaltung mit BMW verbriefen, unter dem neuen Markennamen Bovensiepen Automobile auch weiterhin eigene Modelle auf BMW-Platzform anbieten zu dürfen. Was viele BMW-Fans irritiert, bekam mit den ersten beiden Fahrzeugen Bovensiepen Zagato und 05GT ein gewohnt leistungsstarkes Gesicht. Weitere Modelle sind fest eingeplant, während BMW Alpina ab Herbst 2027 besonders exklusive Versionen von 7er und X7 als Powerhybriden anbieten will. „BMW Alpina schließt in unserem Portfolio die Lücke zwischen BMW und Rolls-Royce und eröffnet zusätzliches Potenzial im Top-End-Segment. Mit BMW Alpina bauen wir auf einem substanziellen Erbe und einer globalen Community auf – ohne dabei den Markenkern aus den Augen zu verlieren: Geschwindigkeit, Komfort und Raffinesse“, erklärt Oliver Viellechner, Leiter BMW Alpina.

Abt konzentriert sich derweil auf sein Bestandsgeschäft und die leistungsstarke Veredelung der zunehmend neuen Audi-Palette. Im Bereich der Elektromobilität hat man das Engagement mittlerweile deutlich zurückgefahren und ist auch nicht mehr in der Formel E aktiv. Stattdessen stehen besonders exklusive Versionen von Audi R8, RS6 / RS7 und Lamborghini Urus im Vordergrund, die nicht nur mehr Leistung, sondern auch aufwendige Karosserie- / und Aerodynamikkits bekommen. Während in Kempten für Hybridversionen Leistungssteigerungen angeboten werden, sieht es für aktuelle Elektromodelle wie Audi A6 Etron, Q6 Etron oder Etron GT bisher schlecht aus. Doch egal, ob Bottrop, Buchloe oder Kempten – für die Tuner läuft es eben auch ohne Starkstrom besser als je zuvor.
















