Wenn ein Kleinwagen plötzlich Rennstrecken-Ambitionen zeigt
Opel bringt mit dem Corsa GSE eine elektrische Sportversion seines Kleinwagens auf den Markt, die Fahrdynamik und Alltagstauglichkeit verbinden soll. Mit 207 kW (281 PS) Leistung und umfangreich überarbeitetem Fahrwerk tritt der Corsa GSE an, um dort zu liefern, wo der Mokka GSE zuletzt nicht ganz überzeugen konnte.
Aller Anfang ist schwer, das gilt offenbar auch für Sport-Kleinwagen unter der Stellantis-Konzernregie. Der Mokka GSE, technisch dem Corsa GSE eng verwandt, hatte mit einem hohen Schwerpunkt und einem für seine Fahrwerksabstimmung relativ kurzen Radstand zu kämpfen, was ein geschmeidiges Fahrverhalten erschwerte. Beim Corsa GSE haben die Techniker aus Rüsselsheim offenbar nachgebessert.
Fahrwerk: Überarbeitung an beiden Achsen sorgt für spürbare Unterschiede
Das Fahrwerk des Corsa GSE ist mehr als eine tiefergelegte und straffer gefederte Variante des Corsa Electric. Vorne kommen weiterhin MacPherson-Federbeine zum Einsatz, allerdings wächst die Spur um 54 Millimeter, die Karosserie sinkt um 24 Millimeter ab und die Federrate steigt um 67 Prozent. An der Hinterachse verbreitert sich die Spur um 20 Millimeter, die Tieferlegung beträgt 11 Millimeter, die Federn sind 29 Prozent straffer ausgelegt. Hinzu kommen speziell abgestimmte, an der Hinterachse steifere Fahrwerksbuchsen.

Ein weiteres zentrales Element der Fahrwerksüberarbeitung sitzt an der Hinterachse: Ein neuer, hohler Querstabilisator erhöht deren Wanksteifigkeit um 153 Prozent, die des gesamten Fahrzeugs um 23 Prozent. Dadurch stützt sich der Corsa in Kurven stärker über die Hinterachse ab, was der für Fronttriebler typischen Untersteuerneigung entgegenwirkt. Im Sportmodus lässt das ESP dem Heck zudem mehr Freiheit, bevor es eingreift. Stoßdämpfer mit hydraulischen Anschlägen sollen verhindern, dass der GSE trotz höherer Steifigkeit und kurzem Radstand über jede Bodenwelle hoppelt.
Lenkung und Antrieb: Direkter ansprechen, gezielter Kraft übertragen
Auch die Lenkung wurde überarbeitet: Das Lenkverhältnis sinkt von 16,2:1 auf 14,5:1, neue Achsschenkel und kürzere Lenkhebel unterstützen eine direktere Reaktion. Zum Fahrwerkspaket gehört zudem ein mechanisches Torsen-Sperrdifferenzial an der Vorderachse, das beim Beschleunigen eine maximale Sperrwirkung von 38 Prozent, beim Verzögern von 28 Prozent erreicht. Dadurch lässt sich das maximale Drehmoment von 345 Newtonmetern früher aus der Kurve heraus auf die Straße bringen.

Die Bremsanlage wurde ebenfalls an die höhere Leistung angepasst: Vorn arbeiten feststehende Alcon-Monoblock-Sättel mit vier Kolben auf 355 Millimeter große Scheiben, hinten kommen 268-Millimeter-Scheiben zum Einsatz. Im Sportmodus verzögert der Corsa grundsätzlich über die Reibungsbremse, was der Vorhersehbarkeit der Bremswirkung zu Gute kommt und auf der Rennstrecke durchaus Sinn macht.
Auf Autobahn, Landstraße und durch Ortschaften zeigt sich, dass die straffere Abstimmung nicht zulasten des Komforts geht. Federn und Dämpfer sind zwar deutlich strammer als bei den zahmeren Varianten des Corsa Electric, stecken grobe Unebenheiten, Risse und Querfugen aber gut weg. Das Fahrwerk wirkt insgesamt harmonischer abgestimmt als jenes des Mokka GSE. „Der im Vergleich zum Mokka GSE etwa um 40 Millimeter tiefere Schwerpunkt hilft uns schon sehr“, sagt Fahrdynamiker Christian Hartweg.

Außerhalb geschlossener Ortschaften zeigt der Corsa GSE seine dynamische Seite: Kurven werden souverän genommen, wobei das Auto klar für den Landstraßen- und Kurveneinsatz ausgelegt ist und nicht für hohe Reisegeschwindigkeiten. Jenseits der 100-km/h-Marke lässt der Durchzug spürbar nach, bei 180 km/h ist Schluss. Die Sprintzeit von 0 auf 100 km/h in 5,5 Sekunden fällt dagegen ordentlich aus – den Entwicklern war dies offenbar wichtiger als eine hohe Höchstgeschwindigkeit.
Auf dem Handlingkurs, gefahren mit Michelin-Pilot-Sport-4S-Reifen im Format 215/40 R18, zeigt der 1.554 Kilogramm schwere Kleinwagen sauberes Kurvenverhalten unabhängig vom Radius. Die Vorderachse greift spürbar zu, ohne an der Lenkung zu zerren, und auch Lastwechselreaktionen werden gut abgefangen. Die für Fronttriebler typische Untersteuerneigung muss der Fahrer nahezu erzwingen – ein Verdienst auch der montierten Reifen; bei optional erhältlichen rollwiderstandsärmeren Pneus dürfte sich das Verhalten unterscheiden.

Ein feiner Historienbezug sind die Sportsitze mit klassischem Karo-Stoffbezug. Sie bieten viel Seitenhalt und sind auch langstreckentauglich. Kritisch fällt der hohe Hartplastikanteil im Innenraum auf, zudem baut sich die Navigationskarte im Instrumenten-Display nur langsam auf. Klassische Rundinstrumente in digitaler Ausführung sucht man ebenfalls vergeblich.
Ladetechnik und Verbrauch
Der Corsa GSE lädt mit maximal 100 kW Gleichstrom, ein Ladevorgang von 0 auf 80 Prozent dauert 27 Minuten. Wechselstromseitig sind 11 kW serienmäßig. Opel gibt den Verbrauch nach EU-Drittelmix mit 17,0 kWh/100 km an, auf der ersten Fahrt haben wir 19,4 kWh/100 km ermittelt. Die Batterie fasst 54 Kilowattstunden (51 kWh netto), was für eine WLTP-Reichweite von 374 Kilometern reicht.
Preis des Opel Corsa GSE
Der Corsa GSE startet bei 39.900 Euro, womit er um gut 5.000 Euro günstiger ist als der Peugeot E-208 GTi. Der Cupra Raval leistet mit 166 kW (226 PS) zwar weniger, kann fahrdynamisch aber durchaus mit dem Opel mithalten und kostet mit 39.990 Euro ähnlich viel, allerdings bei geringerem Ausstattungsumfang.
Fazit
Der Opel Corsa GSE zeigt, dass sich Fahrdynamik und Alltagstauglichkeit in einem elektrischen Kleinwagen durchaus vereinen lassen. Wer über die Materialanmutung im Innenraum und die eher gemächliche Software hinwegsehen kann, bekommt ein Fahrwerk, das dem GSE-Kürzel spürbar gerechter wird als beim Mokka.
Technische Daten: Opel Corsa GSE
- Typ: Elektro-Kleinwagen
- Motor: Synchron-Elektromotor
- Leistung: 207 kW (281 PS)
- Max. Drehmoment: 345 Nm
- Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
- Beschleunigung 0–100 km/h: 5,5 s
- Getriebe: Einstufengetriebe
- Antrieb: Front
- Batterie: 54 kWh (51 kWh netto)
- Verbrauch (EU-Drittelmix): 17,0 kWh/100 km
- CO₂-Ausstoß: 0 g/km
- Gewicht (Herstellerangabe): 1.554 kg
- Abmessungen (L/B/H): 4.082 / 1.773 / 1.426 mm
- Ladevolumen: 267 bis 1.042 l
- Ladeleistung DC/AC: 100 kW / 11 kW
- Ladezeit 0–80 % (DC): 27 min
- Preis: ab 39.900 Euro
- Effizienzklasse: A












