
Wanderer zwischen den Marken
Er war der Meister der Linien und ein begeisterter Porsche-Fahrer. Der Franzose Paul Bracq prägte das Design von Mercedes und BMW gleichermaßen und drückt so der deutschen Automobilindustrie seinen Stempel auf.
Ja, mein Bruder ist ein Maler, sang einst Udo Jürgens. Ein Maler ist mittlerweile auch der französische Designer Paul Bracq. Seine Kunstwerke zeigen oft Autos und manchmal eine Frau dazu. Bei einem Bild betrachtet eine unbekleidete weibliche Schönheit einen Mercedes 300 SL Coupé, den berühmten Flügeltürer. Der feine Strich verrät den Meister der Linien, wie Paul Bracq aufgrund der klaren Formen seiner automobilen Kreationen auch schon genannt wurde.
Auch wenn Paul Bracqs malerische Meisterwerke vor allem bei Automobil-Enthusiasten gefragt sind, seine Blech-Kreationen bleiben unvergesslich. Denn Bracq bescherte der Automobilwelt legendäre Fahrzeuge wie den Mercedes W113, „Pagode“ und legte im Jahr 1972 mit dem Konzeptauto BMW Turbo X1 die Blech-Physionomie des grandiosen BMW M1 fest. Anders als die meisten Formengeber der Automobil-Industrie wechselte Paul Bracq mehr als einmal die Fronten. Auf Citroën und danach Mercedes folgte BMW, ehe es den Franzosen wieder zurück in die Heimat zu Peugeot zog.
„Seitdem ich denken konnte, wollte ich Automobildesigner werden“, erzählte der Franzose einmal. Aufgewachsen in Bordeaux bekam der gallische Feingeist schon qua Geburt den Sinn für das Genießen durch die Muttermilch verabreicht. Schon als Heranwachsender malte er in jeder freien Minute Automobile und so war es kein Wunder, dass er sich 1950 an der École Boulle für Design in Paris einschrieb, wo er drei Jahre später auch den Abschluss machte. Noch im selben Jahr schloss sich Bracq als Assistent dem Automobildesigner Philippe Charbonneaux an, um weiter an seine Fähigkeiten zu feilen.
Legendäre Mercedes
Bald war er auch für Citroën tätig, doch dann rief das Militär. Statt Zeichenbrett und Kreativität hieß es „Monsieur le Général“ und Antreten zum Exerzieren auf dem Truppenübungsplatz. Doch der Kommiss verschaffte Bracqs Karriere eine entscheidende Wendung. Denn der junge Franzose war im Schwarzwald stationiert und als der Dienstwagen des Kommandanten zur Inspektion nach Stuttgart gebracht werden musste, riss sich der junge Soldat förmlich um die Aufgabe. Aus gutem Grund, denn Bracq hatte eine Bewerbungsmappe im Gepäck, mit der er sich beim Autobauer vorstellen wollte.
Geplant, getan. Bracq wurde in der Konzernzentrale vorstellig und gab seine Entwürfe ab. Zunächst wunderten sich die Mitarbeiter, was denn der junge Franzose wolle, nahmen aber dann die Unterlagen an und das Schicksal seinen Lauf. Karl Wilfert schaute sich die Entwürfe an und holte Paul Bracq kurzerhand in die neugegründete Stilistikabteilung, in der Bracq mit solchen begabten Automobildesignern wie Bruno Sacco und Friedrich Geiger zusammenarbeitete. Schon 1957 erfolgte die Beförderung zum Leiter der Abteilung. Schon bald sollte sich das Engagement des jungen Franzosen für die Sternenmarke auszahlen und nicht beim Bestellen für den Vorstand in einem Pariser Restaurant, als der junge Franzose übersetzen musste und Austern als „Fisch mit Karosserie“ erklärte. Eine Anekdote, die zum geflügelten Spruch „beim Daimler“ wurde.
Auch beim TGV beteiligt
Doch Bracq schenkte Mercedes nicht nur Schmonzetten, sondern auch einige der schönsten Autos, die den Stern trugen: Los ging es mit dem Mercedes 600, der schnell zum Inbegriff des automobilen Luxus avancierte, dazu kamen solche Klassiker wie der „Strich-Achter“ (Baureihen W114 / W115) und der Mercedes SL „Pagode“ (W113). Zeitgenossen berichten von einem Arbeitstier, der immer auf der Suche nach Details war, die seine Kreationen unvergleichlich machten. Für Paul Bracq waren die rund zehn Jahre bei Mercedes nach eigenem Bekunden die „glücklichste Zeit“. Im Jahr 1967 ging es für ein paar Jahre zurück nach Frankreich, wo er am Design des Hochgeschwindigkeitszug TGV beteiligt war.
Dann folgte der zweite Teil des Abenteuers Allemagne und Bracq folgte dem Ruf nach München zu BMW, wo er Wilhelm Hofmeister als Designchef beerbte. Obwohl Bracq nur rund vier Jahre in München wirkte, schaffte er es dank seines unvergleichlichen Arbeitseifers als einzige Designer für BMW vier verschiedene Baureihen zu entwerfen: Den ersten 5er (E28), den ersten 3er (E21), den ersten 7er (E23) und den ersten 6er (E24). Keines der Fahrzeuge hat auch nur den Hauch von Massenware, sondern brachten eine neue Leichtigkeit in die Formensprache des Münchner Autobauers. Vor allem Fahrzeuge wie die schmucke 6er Reihe und vor allem der 635 CSi haben heute noch viele Fans. Damit nicht genug: So ganz nebenbei schenkte der Franzose seinem bayerischen Arbeitgeber auch mit dem BMW Turbo X1 einen Prototypen, aus dem nicht nur der legendäre Sportwagen BMW M1 hervorging, sondern in dem auch erstmals das zum Fahrer geneigte Cockpit verbaut war. Doch der Bruch mit den Bayern kam genauso plötzlich, wie die Verbindung zustande gekommen war. Hartnäckigen Gerüchten zufolge wollte Bracq ein schnittiges Oberklasse-Modell auf die Reifen stellen, doch die Chefs bestanden auf einen großen Kofferraum und eine rustikalere Form, um gegen die S-Klasse antreten zu können. Paul Bracq, ein Mann von Prinzipien, packte seinen Koffer und kehrte 1974 nach Frankreich zurück.
Mit dem Thema Innenraum beschäftigte sich Paul Bracq dann auch bis zu seiner Pensionierung 1996 bei Peugeot und verlieh Autos wie dem Peugeot 305, dem 505, dem 106, dem 406 sowie dem flotten 206 ein Schöner-Leben-Ambiente. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Peugeot-Verantwortlichen den bekannten Designer nicht auch nach seiner Meinung zum Exterieur gefragt haben. Doch dazu schweigt Paul Bracq und setzt einen Pinselstrich bei einem seiner Bilder.
Autor:Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-04-11 18:00:00
Fotos: press-inform / BMW










