Reportage: Giorgetto Giugiaro

Er entwarf umwerfend schöne Autos, aber auch Kameras oder Nudeln. Giorgetto Giugiaro ist ein Tausendsassa unter den Automobil-Designern.
Foto: press-inform / Alfa Romeo
Alfa Romeo Giulia Sprint GT 1963. (Foto: press-inform / Alfa Romeo)

Tausendsassa

Er entwarf umwerfend schöne Autos, aber auch Kameras oder Nudeln. Giorgetto Giugiaro ist ein Tausendsassa unter den Automobil-Designern.

„Einen Ferrari zu zeichnen ist vergleichsweise einfach“, sagte Giorgetto Giugiaro einmal. Und wer den Italiener kennt, weiß, dass bei diesem Satz ein spitzbübisches Lachen seine Mund- und Augenwinkel umspielt hat. Jeder, der die hohen Ansprüche des Sportwagenbauers aus Maranello kennt, weiß, dass ein solches Vorhaben für einen der bedeutendsten Automobildesigner des 20. Jahrhunderts nichts Besonderes sein mag, aber viele Kollegen Giugiaro, die schon vom Hof des Cavallino Rampante in der Emilia-Romagna gejagt wurden, erzählen eine andere Geschichte.

Diese schelmenhafte Spitzbübigkeit hat sich der italienische Signore von Beginn seiner Karriere an erhalten. Allerdings sollte man sich von dem freundlichen Auftreten Giugiaros nicht täuschen lassen. Der Formenmeister wusste stets genau, was er wollte und vor allem, was nicht. So räumte er seinen Direktorensessel bei Ghia, als Alejandro de Tomaso das Designstudio übernahm, weil ihm dessen herrischer Führungsstil nicht gefiel. Nach dem freiwilligen Abgang gründete Giorgetto Giugiaro gemeinsam mit dem ehemaligen Fiat-Cheftechniker Aldo Mantovani die Designschmiede Italdesign, aus der nicht nur Automobile hervorgingen, sondern auch Nikon-Fotokameras, Entwürfe für Hochgeschwindigkeitszüge und sogar schwungvoll gezeichnete Nudeln.

Giorgetto Giugiaro (Foto: press-inform / VW)
Lamborghini Calá (Foto: press-inform / Italdesign )
VW Golf 1 (Foto: press-inform / Italdesign )
BMW 3200 CS (links) und BMW 2000 CS (Foto: press-inform / BMW)
Maserati Ghibli (Foto: press-inform / Maserati)
VW Porsche Tapiro (Foto: press-inform / Italdesign )
Lancia Delta Integrale 16v 1989 bis 1991 (Foto: press-inform / Lancia)
VW Scirocco (Foto: press-inform / Italdesign )
Alfa Romeo Alfasud (Foto: press-inform / Italdesign )

Giorgetto Giugiaros Weg in das Herz der italienischen Automobilindustrie war keinesfalls vorgezeichnet. Allerdings war dem gebürtigen Piemonteser (in Garessio) die Kunstfertigkeit in die Wiege gelegt. Der Vater war ein Maler, der die Decken und Wände der Villen wohlhabender Italiener in prächtigen Glanz erstrahlen ließ. Aber Automobile? „Ich wusste ja nicht einmal, wie ein Auto aussieht“, bekannte der Star-Designer ehrlich. Aber zeichnen, das konnte Giorgetto – und zwar so gut, dass sein Lehrer, bei dem er in der Abendschule in Turin technisches Zeichnen belegte, den talentierten Jüngling seinem Neffen ans Herz legte. Der hieß Dante Giacosa und war Fiat-Chefkonstrukteur. Der wollte sich dieses Talent gleich unter den Nagel reißen und in die Dienste des italienischen Autobauers holen.

Schlechte Bezahlung

Doch Giorgetto Giugiaros Begabung fiel auch anderen auf. Seine Skizzen gelangten über Freunde in die Hände des Designers Nuccio Bertone, der damals auch für Alfa Romeo tätig war. Bertone bat Giugiaro um eine Bewerbung, war begeistert und ging mit den Entwürfen schnurstracks zu dem Sportwagenbauer. Wie die Entwürfe ausgesehen haben, sieht jeder, der vor einem Alfa Romeo 2000 Sprint steht. Jetzt nahm das Schicksal seinen Lauf, aber erst rief der Vater Staat den Rekruten zur Fahne. Aber auch da half ihm seine künstlerische Begabung: Als der Kommandant seiner Einheit Bilder von seiner Gattin und sich wollte, fand sich Giugiaro schnell hinter einer Staffelei mit Pinsel und Palette wieder.

Der Commendatore war so angetan, dass er dem Soldat eine Stube zuwiesen ließ, in der er die Aufträge des Offiziers umsetzen sollte. Der gewiefte Designer nutzte die Zeit, um „nebenbei“ weiter für Bertone Autos zu entwerfen. Eines davon ist die Alfa Romeo Giulia Sprint GT, die Kenner nur „Bertone“ nennen. Aber nicht nur diese italienische Sportwagenmarke kam in den Genuss der gestalterischen Fähigkeiten Giugiaros. Neben solchen wunderschönen Autos wie dem BMW 3200 CS, floss dem Designer auch das Simca Coupé aus der Feder.

Immer noch aktiv

Viel Arbeit für vergleichsweise wenig Geld. Also trieb es den Künstler weiter zu Ghia, wo der aufstrebende Stern solche ansehnliche Fahrzeuge wie den Maserati Ghibli zu Papier brachte, aber dann folgte 1967 die Übernahme Ghias durch de Tomaso und die Abnabelung Giugiaros, der endlich auf eigenen Beinen stehen wollte. Mit seiner eigenen Firma Italdesign erlebte der italienische Formgeber nicht nur die Blütezeit, sondern konnte endlich selbst die Früchte seiner Arbeit ernten. Los ging es mit dem Alfa Romeo Alfasud, der nicht beim rostanfälligen Blech, sondern auch bei der Entstehung schwierig war. Doch irgendwann einmal kam der erlösende Anruf aus Wolfsburg und Giorgetto Giugiaro erhielt den Auftrag einen neuen Kompaktwagen zu entwerfen. Das Resultat hieß VW Golf I und schrieb Automobilgeschichte. Dabei beeindruckte der Italiener die Manager des deutschen Automobilbauers mit technischem Detailwissen.

Giugiaro ging das Großprojekt VW Golf zuversichtlich an: „Ich war gelassen, weil das Ergebnis auch unter wirtschaftlichem Aspekt ausgewogen war. Der Grund, warum der Golf so einen Erfolg hatte: Weil das Ganze stimmte“, erklärte er später. Was nur wenige wissen, der VW Passat und der VW Scirocco tragen ebenfalls Giugiaros Handschrift. Auch der Fiat Panda und der Fiat Uno stammen von Italdesign. Die Sportwagen ließen den Designer nicht los. Neben einigen extravaganten Konzeptstudien half er dem Maserati 3200, dem Lotus Esprit und später dem Alfa Romeo Brera zur Serienreife.

Im Jahr 2010 verkaufte er 90 Prozent seiner Firma an VW und fünf Jahre später die restlichen Prozent an Audi. Damit erfüllte sich auch ein Wunsch des VW Patriarchen Ferdinand Piëch, der einen Sommer bei Italdesign arbeitete und seit 1972 mit Giorgetto Giugiaro befreundet war. Doch ganz ohne Autos und Design kann der umtriebige Italiener dann doch nicht, auch wenn er sich langsam aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzieht. Zusammen mit seinem Sohn Fabrizio Giugiaro betreibt er in Turin das Designstudio GFG Progetti und arbeitet unter anderem für chinesische Automarken.

Autor:

Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-04-13 10:55:00
Fotos: press-inform / Alfa Romeo