Reportage: Ian Callum

Ian Callum hat mit seinen Designs die britische Automobilindustrie maßgeblich mitgeprägt. Seine Entwürfe reichen von einem Aston Martin DB7 bis hin zu einem Jaguar I-Pace. Doch bei allem Können und Erfolg ist der Schotte immer sich selbst treu geblieben.
Foto: press-inform / Jaguar
Die Studie Jaguar C-X75 spielt im James Bond Film Spectre mit (Foto: press-inform / Jaguar)

Tausendsassa

Ian Callum hat mit seinen Designs die britische Automobilindustrie maßgeblich mitgeprägt. Seine Entwürfe reichen von einem Aston Martin DB7 bis hin zu einem Jaguar I-Pace. Doch bei allem Können und Erfolg ist der Schotte immer sich selbst treu geblieben.

Mit Orden haben es die Briten. Es gibt kaum einen öffentlichen Anlass, bei dem nicht mindestens bei einigen Anwesender ein paar Edel-Metallstücke am Hals oder an der Brust (die dann dementsprechend stolz geschwellt ist) baumeln. Der schottische Designer Ian Callum hat einige Meriten erhalten und wurde 2019 zum „Commander of the Order of the British Empire“ ernannt. Ein beachtlicher Werdegang für einen Jungen aus dem Süden Schottlands, der sich nach seinem Abschluss auf der „Lanchester Polytechnic’s School of Transportation Design in Coventry“ entschloss, Automobildesigner zu werden.

Die nächsten akademischen Stationen waren auch dementsprechend zielgerichtet und führten ihn bis zum akademischen Master-Grad der Fachrichtung Fahrzeugdesign auf dem „Royal College of Art in London“. Seine Entwürfe fielen Ford-Managern ins Auge und so entschloss sich der Automobilbauer 1979 den Designer in seine Reihen zu holen. Natürlich wuchsen für den kreativen Jungspund die Bäume nicht sofort in den Himmel und er kümmerte sich zunächst um Lenkräder. Aber Ian strebte damals schon nach Höherem und war schnell an Autos wie dem Ford Puma oder den sportlichen Fahrzeugen wie den Ford RS200 und den Escort RS Cosworth beteiligt.

Ian Callum (Foto: press-inform / Jaguar)
Aston Martin Vanquish ab 2001 (Foto: press-inform / Aston Martin)
Ford Puma 1997 (Foto: press-inform / Ford)
Volvo C70 Coupé ab 1996 (Foto: press-inform / Volvo)
Aston Martin DB9 2003 bis 2012 (Foto: press-inform / Aston Martin)
Jaguar XK (Foto: press-inform / Jaguar)
Der Jaguar XE SV Project 8 hat 600 PS (Foto: press-inform / Jaguar)
Jaguar XF MJ 2011 (Foto: press-inform / Jaguar)
Jaguar XK (Foto: press-inform / Jaguar)

Bald folgte die Beförderung zum Design-Manager und Ian Callum kümmerte sich um wichtige Brot-und-Butter-Fahrzeuge wie den Ford Fiesta und den Ford Mondeo. Doch nach elf Jahren im engen Korsett eines Großkonzerns pressen lassen und schloss Peter Stevens sowie Tom Walkinshaw an, um TWR-Design zu gründen. Dort übernahm Callum die Geschäftsführung und entwarf solche Klassiker wie das Aston Martin-Duo DB7 sowie die wegweisende Studie Aston Martin Project Vantage oder den Volvo C70. „Meine Kollegen bei Ford hielten mich für verrückt, als ich das schöne Studio gegen die Klitsche in Kidlington eingetauscht habe, aber ich war glücklich“, erinnert sich der Schotte.

Neue Aufgabe

Der nächste Schritt seiner beruflichen Laufbahn sollte ein entscheidender sein. Als die britische Edelmarke Jaguar einen Nachfolger für den Chefdesigner Geoff Lawson suchte, fiel der Blick auf den talentierten Schotten, dessen Arbeit von vielen Automobil-Kritikern goutiert worden war. Ian Callum entschloss sich, in den Schoß eines Herstellers zurückzukehren und diese Entscheidung sollte sich als Glücksgriff für beide Parteien erweisen.

Für Ian Callum diese Aufgabe genau die Richtige. Er gab den Raubkatzen eine neue, sehr ansehnliche Form und ließ sich dabei von dem Firmengründer William Lyons beeinflussen. „Ich stand stundenlang vor dem Original-XJ und habe die Formen förmlich in mich aufgesogen“, erzählt der Schotte. Auch wenn die ersten Autos wie der XK, noch Ähnlichkeiten mit den von Callum entworfenen Aston Martins hatte, schmiss der Formgeber bald einige Konventionen des Jaguar-Designs kurzerhand über Bord. „Weil William Lyons genau das getan hätte“, so die knackige Begründung mit Bezug auf den Gründer der Marke.

Auszeichnungen

Bald schwamm sich Callum frei und verschaffte der Raubkatzenmarke einen gänzlich neuen, sehr gelungenen Auftritt. Schon die Studie Jaguar C-X75 kündigte die neue Ägide des Jaguar-Designs an. Zwar schaffte es der potente Hybrid-Sportwagen nicht in die Serie, aber immerhin in den James Bond-Film „Spectre“, wo der Bösewicht in dem Jaguar den Aston Martin des britischen Geheimagenten durch das nächtliche Rom jagt. Ian Callum konnte sich nicht mit jeder Idee durchsetzen, so sagten die Manager bei seinem Plan, den F-Type als Mittelmotorsportwagen zu konzipieren, „No“. Dennoch wurde der ansehnliche Sportwagen sowohl als Coupé als auch als Cabriolet ein Erfolg – vor allem ein optischer.

Die neue, von Ian Callum eingeschlagene Designlinie fand überall Beifall und durchdringt bis jetzt das Portfolio des britischen Autobauers. Fahrzeuge wie der Jaguar XF, der Jaguar XJ und der Jaguar XE tragen das ansehnliche Raubkatzengesicht ebenso wie das Elektro-SUV Jaguar I-Pace für den Callum im Jahr 2019 stolz die Auszeichnung „Auto des Jahres“ erhielt. Im Juni des gleichen Jahres legte Ian Callum nach 20 Jahren Jaguar den Bleistift zur Seite, um wieder seine eigenen Wege zu gehen.

Der Schotte ist sich trotz des Erfolgs treu geblieben und erzählt bei einem Glas Rotwein gerne von seiner Profession, die für ihn auch Leidenschaft ist. „Ich bin genauso ein Car Guy wie ein Designer. Ich liebe einfach Autos“, sagt Ian Stuart Callum (so sein vollständiger Name), der einen aufwendig restauriertes Ford Modell B Coupé, Baujahr 1932 mit einem 456 PS V8-Motor unter der Haube sein Eigen nennt. „Da ging ziemlich viel Geld drauf, aber das wollte ich machen, seitdem ich 14 Jahre alt bin“, strahlt der Designer. Der sich auch gerne hinter das Lenkrad eines Prototypen schwingt und diesen auf Herz und Nieren prüft. „Die Ingenieure erzählen dann immer, dass ich die Autos ziemlich rannehme. Das kann ich bestätigen“, schmunzelt Callum.

Autor:

Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-04-27 15:43:00
Fotos: press-inform / Jaguar