Reportage: Ladestationen hinken hinterher 2022

Längst hat der Elektrotrend Fahrt aufgenommen und immer mehr Autos in Europa sind mit einem Elektroantrieb unterwegs. Doch der europäische Verband der Autohersteller schlägt Alarm – die Anzahl der Ladestationen hinkt den Zuwächsen beim Autoabsatz deutlich hinterher.
Foto: press-inform / Tank & Rast
Ionity-Ladesäulen an dem Tank & Rast-Rastplatz Brohltal-Ost (Foto: press-inform / Tank & Rast)

Zähes Geschäft

Längst hat der Elektrotrend Fahrt aufgenommen und immer mehr Autos in Europa sind mit einem Elektroantrieb unterwegs. Doch der europäische Verband der Autohersteller schlägt Alarm – die Anzahl der Ladestationen hinkt den Zuwächsen beim Autoabsatz deutlich hinterher.

Trotz der anhaltenden Chipkrise sind viele Autohersteller nicht unzufrieden. Die Nachfrage ist größer als das Angebot und so gehören stattliche Rabatte nicht nur bei Elektroautos und Plug-In-Hybriden der Vergangenheit an. Die mitunter hohen Subventionen für Elektromodelle und immer höhere Kraftstoffpreise sorgen derweil dafür, dass viele bei der Suche nach einem neuen Fahrzeug auf den Elektrogeschmack kommen. Doch es gibt nicht nur strahlende Gesichter. Der Verband der europäischen Automobilhersteller (ACEA) macht die politischen Entscheidungsträger in der EU auf ein doppeltes Problem mit der Ladeinfrastruktur für Elektroautos aufmerksam: Es gibt nicht nur einen eklatanten Mangel an Ladestationen in Europa, sondern nur sehr wenige davon können Fahrzeuge tatsächlich mit einer akzeptablen Geschwindigkeit laden. Zur ACEA gehören die europäischen Autohersteller BMW Group, CNH Industrial, DAF Trucks, Daimler, Ferrari, Ford of Europe, Honda, Hyundai, Jaguar Land Rover, Renault Group, Stellantis, Toyota, der Volkswagen Konzern und Volvo.

Der ACEA-Verband schlägt Alarm, da die nationalen Regierungen und das Europäische Parlament ihre Stellungnahmen zu der von der Europäischen Kommission im Juli vorgeschlagenen Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe (AFIR) vorbereiten werden. Die AFIR ist ein zentraler Bestandteil des europäischen Klimapakets „Fit for 55“, das auch neue CO2-Ziele für Autos beinhaltet. Von den rund 225.000 öffentlichen Ladestationen, die derzeit in der EU zur Verfügung stehen, sind nur 25.000 für das Schnellladen geeignet. Mit anderen Worten: Nur einer von neun europäischen Ladepunkten ist ein Schnellladegerät (eine Leistung von mehr als 22 kW). Zu den übrigen Ladepunkten gehören viele gewöhnliche Steckdosen mit geringer Leistung.

Ladesäule Aldi (Foto: press-inform)
Ladesäule EnbW (Foto: EnBW)
Ladesäule EnbW (Foto: EnBW)
Ladesäule EnbW (Foto: EnBW)
Ladesäule Ionity (Foto: Ionity)
Ladesäule Ionity (Foto: Ionity)
Ladesäule Ionity (Foto: Ionity)
Ladesäule Ionity (Foto: Ionity)
Ladesäule Ionity (Foto: Ionity)

Das Aufladen eines Elektroautos an einer dieser 200.000 Low-Tech-Steckdosen kann mitunter schon einmal mehrere Stunden oder eine ganze Nacht dauern. Problem: an vielen Ladestationen darf man jedoch nur 60 bis 240 Minuten während des Ladevorgangs parken. Mit einem Schnellladegerät mit hoher Kapazität kann diese Zeit auf weniger als eine Stunde verkürzt werden. Schnellladegeräte machen jedoch nur einen Bruchteil (elf Prozent) des europäischen Infrastrukturnetzes aus. „Um mehr Bürger davon zu überzeugen, auf Elektroautos umzusteigen, müssen wir die mit dem Aufladen verbundenen Schwierigkeiten beseitigen“, sagt der Generaldirektor des ACEA, Eric-Mark Huitema, „die Menschen müssen in ihrem täglichen Umfeld viele Ladestationen sehen, und diese Ladestationen müssen schnell und einfach zu benutzen sein – ohne lange Warteschlangen. Das Aufladen sollte so bequem und einfach sein, wie das Tanken heute ist. Leider ist der AFIR-Vorschlag bei weitem nicht ehrgeizig genug, um dieses Ziel zu erreichen. Darüber hinaus ist er völlig falsch auf die vorgeschlagenen neuen CO2-Ziele für Autos abgestimmt.“

ACEA fordert daher das Europäische Parlament und den Rat auf, den Vorschlag der Kommission deutlich zu verschärfen, um sicherzustellen, dass Europa bis 2030 ein dichtes Netz von Lade- und Betankungsinfrastrukturen aufbauen kann, einschließlich einer ausreichenden Anzahl von Schnellladegeräten in jedem EU-Mitgliedstaat. Der Druck durch die immer höher werdende Zahl von Neufahrzeugen wird größer.

Autor:

Patrick Solberg, Stand: 2021-11-03 16:57:00
Fotos: press-inform / Tank & Rast