Reportage: Renault Vel Satis 2001

Die Zeiten, in denen die Franzosen noch echte Luxusmodelle kreierten, sind lange vorbei. Nicht nur Peugeot und Citroen haben sich aus der Nobelliga längst verabschiedet, sondern auch Renault. Der letzte und bisher spektakulärste Versuch war vor 20 Jahren der Renault Vel Satis.
Foto: Renault
Renault Vel Satis (Foto: Renault)

König von Frankreich

Die Zeiten, in denen die Franzosen noch echte Luxusmodelle kreierten, sind lange vorbei. Nicht nur Peugeot und Citroen haben sich aus der Nobelliga längst verabschiedet, sondern auch Renault. Der letzte und bisher spektakulärste Versuch war vor 20 Jahren der Renault Vel Satis.

Der Renault Vel Satis war dabei kaum weniger spektakulär als der nahezu zeitgleich vorgestellte Avantime aus gleichem Hause. Beide Modelle patzten insbesondere wegen ihres allzu polarisierenden Designs, doch auch bei der Technik haperte es bisweilen. Als ob der Vel Satis mit seinen vertikalen Xenonleuchten nicht bereits von vorn ungewöhnlich genug dreingeschaut hätte – an Seitenlinie und Heck lief es vielen potenziellen Kunden nur kalt den Rücken herunter. Wilde Kanten und mutige Schnitte – die Karosserie des Vel Satis hatte nichts von dem, was die internationale Konkurrenz in der Oberklasse mit ihren Luxuslimousinen anbot. Die große und insbesondere hohe Fahrgastzelle sorgte im Innenraum auch Dank des 2,84 Meter langen Radstandes für eine angenehme Atmosphäre auf langen Fahrten, doch das kurze Stummelheck mit der kanzelartigen Heckklappe war alles andere als massentauglich. Mit diesen Proportionen ließ sich kaum ein Kunde der bekannten Luxus- und Premiumhersteller zu Renault herüberholen – auch weil die Sechszylinder der Konkurrenz nicht nur bei den Fahrleistungen hinterherfuhren. Da half auch der deutsche Verkaufsslogan – „Statusumdenken“ – nichts.

Die starke Seite des 4,86 Meter langen Renault Vel Satis war nicht das spektakuläre Äußere, sondern der ebenso luxuriöse wie wohnliche Innenraum. Die Sitze vorn waren eher Lümmel-Lounge-Sessel denn eine gewöhnliche automobile Bestuhlung. Auf den Sesseln ließ es sich auch ohne nennenswerten Seitenhalt allzu vortrefflich reisen. Auf den Seitenhalt konnte man dabei getrost verzichten, denn der Vel Satis ein nicht nur ein lässiger Cruiser, sondern vielmehr eine coole Sänfte, ohne sportliche Ambitionen. Jedoch gab es ausreichend Leistung, um entspannt von A als Ziel seiner Träume zu kommen. Neben den knautschweichen Sesseln gab es ein üppiges Platzangebot, Dreizonen-Klimaautomatik, Navigationssystem, beheizte Ledersitze und einen schlüssellosen Zugang nebst Chipkarte, der bei der Premiere des Fahrzeugs auf dem Genfer Salon im März 2001 keinesfalls selbstverständlich war. Die ebenso direkte wie leichtgängige Lenkung war typisch französisch und der Entwicklungsaufwand für die patentierte Trigon-Hinterachse für maximalen Reisekomfort groß.

Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)
Renault Vel Satis (Foto: Renault)

Leider war der Reisekomfort im Fond nicht so opulent wie auf den Sesseln in der ersten Reihe. Abgesehen von einigen speziell individualisierten Luxusmodellen in Frankreich gab es im Fond keine Einzelsitzanlage und auch keine Sitzverstellung oder -heizung. Vorne blickten die Insassen nicht nur auf ein ausladendes Cockpit mit lieblosen Runduhren, Digitalanzeige und Navigationsbildschirm, sondern auch auf schicke Holzverkleidungen und eine breite Mittelkonsole, auf der sich ergonomisch weit hinten wenig sinnvoll der Bediensatellit für Navigation, Bordcomputer oder Soundsystem befand.

Billig zu bekommen

Bereits 1998 hatte das Vel Satis Konzept als Coupé mit denselben spektakulären Proportionen auf die spätere Luxuslimousine aufmerksam gemacht. Hier gab es jedoch nur zwei gigantische Türen und ein mächtiges Panoramadach, das sich bis weit über die Vordersitze spannte. Der Kunde des späteren Serienmodells hatte die Wahl zwischen verschiedenen Benzinern und Dieselmotoren zwischen 139 und 241 PS. Besonders beliebt waren die Selbstzünder, die mit 2,0, 2,2 und 3,0 Litern verfügbar waren. Die beiden Vierzylinder mit 139, 150 und 173 PS waren dabei kaum träger als die nur 177 / 181 PS starken Dreiliter-V6-Diesel. Der Fronttriebler hatte 400 Nm maximales Drehmoment und schaffte 212 km/h. Dabei lag der Normverbrauch bei 8,7 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Bei den Benzinern konnten sich die frankophilen Kunden für einen 170-PS-Vierzylinder oder einen deutlich standesgemäßeren V6-Benziner mit 177 kW / 241 PS erwärmen, der obligatorisch an eine Fünfgangautomatik gekoppelt war, während der 3.0 dCi bereits sechs Schaltstufen besaß. Zwischen Anfang 2011 und Ende 2009 wurde von der französischen Luxuslimousine gerade einmal 61.822 Fahrzeuge verkauft. Danach schwor Renault der Oberklasse ab und zog sich zurück in die Volumensegmente.

Wer heute einen Renault Vel Satis sucht, hat auf dem nationalen Markt nicht allzu viel Auswahl. Besser sieht es wenig überraschend auf dem Heimatmarkt Frankreich aus. Um die Topversion mit dem 3,5 Liter großen V6-Motor kommt man nicht umhin und auch die Luxusausstattung Initiale sollte gesetzt sein. Selbst gut gepflegte Fahrzeuge mit Komplettpaket und weniger als 125.000 Kilometern kosten kaum einmal 5.000 Euro. Immer wieder hatte der Renault Vel Satis jedoch mit Elektrik- und Elektronikproblemen zu kämpfen. Daher sollte man sich die zahlreichen Kontrollleuchten ebenso genau anschauen wie das Serviceheft und den Innenraum. Dann kann man sich für kleines Geld fühlen wie der König von Frankreich – zumindest fast.

Autor:

Stefan Grundhoff, Stand: 2021-12-22 12:41:25
Fotos: Renault