Fahrbericht: Mercedes-Benz EQS 450+

Der Mercedes-Benz EQS 450+ bekommt 800 Volt, Steer-by-Wire und mehr Reichweite. Wir haben den runderneuerten Luxusstromer exklusiv getestet und ordnen den Preis ein.

Neue Technik für den Zauderer unter den Elektro-Flaggschiffen

Der Mercedes-Benz EQS gilt bislang nicht als Selbstläufer im Markt der elektrischen Luxuslimousinen. Mit einem umfassenden Technik-Update aus 800-Volt-Bordnetz, neuer Batteriezellchemie und optionalem Steer-by-Wire-System will Mercedes-Benz nun nachlegen. Wir haben uns auf einer erste Testfahrt angeschaut, was sich beim EQS 450+ konkret ändert.

Wer sich die Verkaufszahlen des EQS ansieht, könnte auf die Idee kommen, dass Understatement manchmal eben doch am Markt vorbeigeht. Nach einer optischen Überarbeitung im vergangenen Jahr folgt nun der technische Teil der Aufholjagd. Und der hat es in sich.

Batterie und Reichweite: über 920 Kilometer als starkes Argument

Das Akkupaket im Unterboden wurde spürbar vergrößert. Dank neuer Zellchemie steigt die nutzbare Kapazität von zunächst 118 auf nun 122 kWh. Beim Mercedes-Benz EQS 450+ ergibt sich daraus eine maximale Reichweite von über 920 Kilometern bis zum nächsten Ladestopp.

Ein Wert, der sich durchaus mit dem Aktionsradius eines sparsamen Diesels messen kann. Ob sich dieser Wert im Alltag unter realistischen Bedingungen vollständig bestätigt, bleibt naturgemäß abzuwarten, da es sich um einen Herstellerwert handelt.

Ladeleistung: 800 Volt sorgen für deutlich kürzere Pausen

Noch relevanter für den Alltag dürfte der Umstieg auf ein 800-Volt-Bordnetz sein. Er beschleunigt das Nachladen an einem Hypercharger spürbar: Mit bis zu 350 kW Ladeleistung lassen sich in etwa zehn Minuten rund 300 zusätzliche Kilometer Reichweite nachladen.

Diese Kombination aus großer Batterie und hoher Ladeleistung dürfte einer der stärksten Trümpfe des überarbeiteten EQS sein und relativiert die vergleichsweise zurückhaltenden Leistungswerte der Antriebe.

Antriebsvarianten: vom sparsamen Einstieg bis zur starken Ausführung

Bei der Antriebsleistung bietet Mercedes-Benz weiterhin eine breite Auswahl. Das Einstiegsmodell EQS 400 begnügt sich mit 112 kWh Batteriekapazität und 270 kW beziehungsweise 367 PS, kostet dafür aber unter 95.000 Euro. Wer mehr Leistung wünscht, kann zwischen Ausführungen mit Hinterrad- oder Allradantrieb und 408, 476 oder 585 PS wählen. Im Vergleich zur leistungsstarken Konkurrenz wirkt das zurückhaltend, doch dem EQS geht es nach Herstellerangabe vor allem um Reisekomfort, Geräuschniveau und Reichweite statt um reine Fahrleistungswerte.

Das von uns geteste Volumenmodell EQS 450+ leistet 300 kW beziehungsweise 408 PS und liefert 505 Nm maximales Drehmoment. Werte, die auf der ersten Fahrt für ein souveränes Reisetempo ausreichen. Wer auf Allradantrieb verzichten kann, dürfte mit dieser Version gut bedient sein: Der 450+ gibt sich als komfortabler Langstreckenbegleiter, bei Tempo 210 km/h wird allerdings abgeregelt.

Steer-by-Wire: ungewohntes System mit fraglichem Mehrwert

Ab dem Jahreswechsel bietet Mercedes-Benz für 2.500 Euro Aufpreis ein Steer-by-Wire-System an. Erstmals in einem deutschen Serienfahrzeug verzichtet ein Hersteller dabei auf die feste mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern. Die Lenkbefehle werden stattdessen über Sensoren und Stellmotoren an Vorder- und Hinterachse weitergegeben.

Gewöhnungsbedürftig ist dabei weniger das System selbst als das ungewöhnlich geformte, nach oben hin geöffnete Lenkrad im sogenannten Brezellook, das dem Fahrer keinen unmittelbar spürbaren Vorteil verschafft. Es soll vor allem sichtbar machen, dass sich mit minimalen Lenkbewegungen große Lenkwinkel darstellen lassen, ohne dass ein Umgreifen nötig wird, ein Prinzip, das etwa auch von Lexus oder Tesla bekannt ist. Nach ein paar Minuten und einigen Manövern lässt sich der 5,23 Meter lange Wagen trotz des geringen Lenkwinkelspiels zentimetergenau rangieren. Die Rückmeldung wirkt dabei etwas synthetisch, dafür aber präzise, und beim Abbiegen im 90-Grad-Winkel müssen die Unterarme kaum mehr verdreht werden. Auch das Einfädeln auf Autobahn oder Landstraße gelingt bereits mit einer leichten Drehbewegung am Lenkrad überraschend unkompliziert.

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Ob der Aufpreis von 2.500 Euro für dieses Extra gerechtfertigt ist, darf bezweifelt werden, da ein unmittelbarer Fahrvorteil kaum spürbar wird. Mittelfristig dürfte sich Steer-by-Wire in der Branche dennoch durchsetzen, da das System Bauraum spart und die kostengünstige Ableitung von Rechtslenkerversionen erleichtert.

Komfort: nachgebessert, aber noch nicht auf S-Klasse-Niveau

Auch beim Komfort hat Mercedes-Benz nachgelegt, insbesondere im Fond. Gegen einen Aufpreis von knapp 3.900 Euro sind neue Executive-Sitze erhältlich, die durch Details wie eine speziell abgeschrägte, zwischen den Sitzschienen platzierte Fußablage spürbar mehr Komfort bieten. Der Beifahrersitz lässt sich nach vorne klappen, die Fondlehne bis zu 38 Grad verstellen. Hinzu kommen eine Sitzheizung mit zusätzlicher Nacken- und Schulterheizung sowie eine pneumatische Sitztiefenverstellung. Der große Hyperscreen und eine Wärmepumpe gehören inzwischen zur Serienausstattung.

Trotz dieser Verbesserungen bleibt ein spürbarer Abstand zur jüngst ebenfalls überarbeiteten Mercedes-Benz S-Klasse bestehen: Vorne und besonders im Fond wirken die Sitze weniger luxuriös als beim Verbrennermodell, und bei Applikationen und Verkleidungen bietet selbst die kleinere elektrische C-Klasse kaum weniger als der EQS. Optisch setzt der EQS mit einem großen Grill zwischen neuen LED-Scheinwerfern und einem prominent platzierten Stern weiterhin auf ein eigenständiges, aber am Markt polarisierendes Design.

Preis des Mercedes-Benz EQS 450+

Der Mercedes-Benz EQS 450+ startet bei 108.635 Euro. Das Einstiegsmodell EQS 400 ist dagegen bereits für unter 95.000 Euro zu haben, verzichtet dafür auf Batteriekapazität und Leistung. Optionen wie die Executive-Sitze (rund 3.900 Euro) oder das Steer-by-Wire-System (2.500 Euro) treiben den Preis je nach Ausstattung zusätzlich nach oben.

Technische Daten: Mercedes-Benz EQS 450+

  • Antrieb: Elektro, Hinterradantrieb
  • Leistung: 300 kW / 408 PS
  • Max. Drehmoment: 505 Nm
  • Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h
  • Beschleunigung 0–100 km/h: 5,9 Sekunden
  • Batteriekapazität: 122 kWh
  • Normverbrauch: 15,5 kWh/100 km
  • Max. Ladeleistung: 350 kW
  • Leergewicht: 2.550 kg
  • Laderaum: 610 Liter
  • Preis: ab 108.635 Euro

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