Reportage:

Das sind mal Aussichten! In ein paar Jahren soll kaum mehr ein Bus durch die Innenstädte fahren, der nicht elektrisch angetrieben wird. Während die Elektromobilität bei den Privatkunden langsam, aber stetig Fahrt aufnimmt, sieht das bei den Busproduzenten deutlich dynamischer aus. Eine Tour durch Europa soll belegen, wie ideal der Elektroantrieb für Citybusse ist.
Foto: MAN / press-inform
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)

Etappensieg in der City

Das sind mal Aussichten! In ein paar Jahren soll kaum mehr ein Bus durch die Innenstädte fahren, der nicht elektrisch angetrieben wird. Während die Elektromobilität bei den Privatkunden langsam, aber stetig Fahrt aufnimmt, sieht das bei den Busproduzenten deutlich dynamischer aus. Eine Tour durch Europa soll belegen, wie ideal der Elektroantrieb für Citybusse ist.

MAN, einer der großen internationalen Busproduzenten, ist sich sicher, dass die Zukunft der europäischen Citybusse allein eine elektrische sein wird. „2025 wird es rund die Hälfte aller neuen Busse sein, die einen Elektroantrieb bekommen“, sagt Viktor Schaub, bei MAN verantwortlich für das Produktmarketing, „bis zum Jahre 2030 rechnen wir dann mit einem Elektroanteil von 80 bis 90 Prozent.“ Das sind rosige Aussichten für die Innenstädte, denn aktuell werden die meisten Busse, die auf Citylinien unterwegs sind, von Dieselmotoren angetrieben. Allemal effizient, aber eben auch laut und trotz zunehmender Hybridisierung alles andere als lokal emissionsfrei. Dabei liegen die Vorteile eines Elektrobusses in der Innenstadt auf der Hand. Während Reisebusse lange Strecken mit konstanter Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometer zurücklegen, sieht das bei Bussen in der Innenstadt ganz anders aus. „Sie sind Tag für Tag auf einer festen Route unterwegs, halten sehr häufig, fahren an und bremsen wieder ab“, erklärt Rudi Kuchta, verantwortlich für den Busbereich bei MAN Truck & Bus. Die Personentransporter fahren nachts in ein Depot, haben feste Standzeiten, zu denen problemlos und dann noch zum günstigen Tarif nachgeladen werden kann. Zwei bis drei Stunden reichen aus, um das Akkupaket im Unterboden oder auf dem Dach erstarken und fit für die nächste Frühschicht werden zu lassen.

Der Lebensraum in den überfüllten Innenstädten scheint ideal für den Elektrobus und den Verkehrsbetrieb der Kommune aus deren Betreiber. Durch den starken Verkehr in der City, das ständige Anfahren und Abbremsen nebst entsprechender Rekuperation können während einer Tour bis zu 40 Prozent der verbrauchten Energie wieder zurückgewonnen werden. Doch erzählen kann man viel und so gibt es einen Praxistest. Mit einem rein elektrischen MAN Lion’s City 12 E geht es von München auf mehreren Etappen eine Woche lang quer durch Europa. „Mit der Tour wollen wir zeigen, dass man schon heute emissionsfrei, zuverlässig und alltagstauglich in ganz Europa unterwegs sein kann“, sagt Rudi Kuchta, „so kann unser eBus zeigen, dass er unter verschiedensten Bedingungen immer nachhaltig und zuverlässig unterwegs ist und dass er selbst für anspruchsvolle Strecken mehr als genügend Energie hat.“

MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)
MAN Bustour elektrisch durch Europa 2022 (Foto: MAN / press-inform)

Wir haben die Fahrstrecke aus der bayrischen Landeshauptstadt bis nach Innsbruck begleitet. Der Citybus von MAN ist als zwölf Meter lange Normalversion und als 18-Meter-Gelenkbus zu bekommen. Auf die Tour geht der 12-E-Citylöwe, der über einen Elektromotor an der Hinterachse angetrieben wird. Die Dauerleistung liegt bei 160 kW / 218 PS und einem gewaltigen Drehmoment von 2.100 Nm. Kurzzeitig kann der tonnenschwere Personentransporter 240 kW / 326 PS / 3.400 Nm auf die Straße bringen – perfekt für die Anstiege in den Bergen. Noch wichtiger: bergab kann er mit bis zu 300 Kilowatt Energie zurückgewinnen. Seine offizielle Reichweite liegt bei 350 Kilometern bis das drei Tonnen schwere Akkupaket auf dem Dach, bestehend aus sechs Paketen mit einer Kapazität von 480 kWh, wieder aufgeladen werden muss. „Das dauert im Depot mit 150 Kilowatt rund drei Stunden“, sagt Busfahrer Heinrich Degenhart, Abteilungsleiter bei MAN.

40 Prozent Rückgewinnung

Im vergangenen Jahr gab es bereits einen Test unter Realbedingungen auf einer der bekanntesten Münchner Busrouten in der Innenstadt. Im 24-Stunden-Dauerbetrieb schaffte der Elektrobus Lion’s City 12 E imposante 550 Kilometer und hatte nach endlosen Touren durch München, Tür auf, Tür zu, anfahren, abbremsen und das Ganze hunderte von malen noch zwei Prozent im Akkupaket. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Elektrotrip durch Europa, der von München aus über Innsbruck, Sankt Moritz, Zürich, Straßbourg, Brüssel bis nach Limericks führt. Sonne, Regen, Wind, Wetter, Schnee, Innenstadt, Überland, Autobahn und Berge – alles soll in dieser Testwoche dabei sein. Am Steuer Heinrich Degendart, der die Busse aus dem Hause MAN seit Jahr und Tag bestens kennt und die hauseigenen Schulungen durchführt.

Mächtige Reichweite im Ziel in Innsbruck

In München geht es am Freitagnachmittag los. Die Sonne scheint und es sind angenehme 17 Grad Celsius – perfekte Bedingungen für ein Elektrofahrzeug. Über ein großes Display im Fahrgastbereich kann man sich auf der Fahrt jederzeit darüber informieren, was der MAN Lion’s City 12 E unter fachkundiger Anleitung von Heinrich Degenhart leistet. Die meisten der rund 40 Sitzplätze im Citybus sind zugegeben frei, doch das neueste Busmodell von MAN hat einiges an Gepäck und ein halbes Dutzend Personen an Bord dabei. Gestoppt wird regelmäßig und zudem läuft die Klimaanlage bei der Fahrt sowie den zahllosen Foto- und Videostopps immer mit. Nach dem zähen Innenstadtverkehr am belebten Münchner Freitagnachmittag geht es ein Stück über die Autobahn Richtung Süden und dann über die Landstraße zum schmucken Kochelsee. Hatte der blaue Ökobus aus München heraus nach 25 Kilometern bei Maximaltempo 82 km/h noch eine Restreichweite von 402 Kilometer, sieht die Situation am 81 Kilometer entfernten Ausflugsziel Kochelsee trotz des stattlichen Anstiegs zum Walchensee und glotzenden Motorradfahrern mit einer Reichweite von 370 Kilometern kaum anders aus.

Es geht mit einem längeren Zwischenstopp im Ortskern von Mittenwald, dem Grenzübertritt nach Österreich und der langen Abfahrt am Zirler Berg hinab bis ins Inntal und quer durch halb Innsbruck bis zum abendlichen Etappenziel. 165 Kilometer gefahren und final dort eine Restreichweite von imposanten 480 Kilometern. Damit hat das Team aus Heinrich Degenhart und sein MAN den Münchner Innenstadtrekord noch einmal deutlich gebrochen und alle Zweifel beiseitegeschoben, dass ein Elektrobus nicht das perfekte Gefährt für die Innenstadt wäre. Bliebe da nicht der Preis, denn aktuell ist ein elektrischer Innenstadtbus mit einem Preis von rund 500.000 Euro etwa doppelt so teuer wie ein vergleichbares Dieselmodell. Doch neben den Zuschüssen aus Berlin und Brüssel helfen die Unterhaltskosten, denn der Elektrobus ist mittlerweile genauso teuer oder noch günstiger als vergleichbare Modelle mit Diesel- oder Gasantrieb. Und mit steigender Laufleistung und Haltedauer führt am Elektrobus wohl kaum noch ein Weg vorbei. „Es gibt in einige Ländern mittlerweile Ausschreibungen, in denen nur noch Elektrobusse zugelassen sind“, so Viktor Schaub. Das wird in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen.

Autor:

Stefan Grundhoff, München – Innsbruck, Stand: 2022-05-03 12:57:00
Fotos: MAN / press-inform