
Überraschungs-Ai
Wie schlägt sich der Aiways U5 im Alltag? Wir haben uns mit dem China-Stromer von München auf den Weg nach Antwerpen gemacht und waren vom Komfort und der Langstreckentauglichkeit durchaus angetan, fanden aber auch die eine oder andere Schwäche.
Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Aiways U5 Premium ist wirklich gut. Für 39.090 Euro bekommt man jede Menge Auto. Das geht schon bei den Abmessungen des Elektro SUVs los. Der China-Stromer ist 4,68 Meter lang und bietet auch auf der Rückbank so viel Platz, dass man entspannt in den Ladepausen auf der Rückbank sich um die E-Mails kümmern kann. Dazu kommen Ledersitze, eine Zwei-Zonen-Klimaanlage, allerlei Assistenzsysteme inklusive eines Toter-Winkel-Warners sowie eines adaptiven Tempomaten inklusive Spurhaltesystems und Kartenleseleuchten. Warum wir gerade diese erwähnen? Ein festeingebautes Navigationssystem sucht man beim Aiways vergeblich. Die Chinesen gehen, nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass ohnehin die meisten das Smartphone nutzen, um an das Ziel zu gelangen. Also wird der Handy-Lotse per Apple CarPlay oder Android Auto eingebunden und auf dem 12,3 Zoll großen Touchscreen angezeigt.
Wir wollen von München nach Aachen und am nächsten Tag weiter nach Antwerpen. Summa summarum eine Strecke von Kilometern. Wie schlägt sich der Aiways auf langen Wegen der deutschen Autobahnen, wie schaut es mit der Navigation aus und wie mit dem Laden? Das sind nur einige der Fragen, die wir beantworten wollen. Los geht es in München bei 1,5 Grad. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Stromer. Bei der Abfahrt zeigt das Display 399 Kilometer Reichweite an. Klingt vielversprechend. Doch jeder Elektromobilist weiß, dass es in der Realität meistens anders ausschaut. Vor allem bei diesen Temperaturen und den höheren Geschwindigkeiten. Wir schließen unser Handy an und versuchen die viel gelobte App „A Better Routeplanner“ zu nutzen. Das lässt sich schon gut an und wir bekommen eine Strecke mit Ladestopps vorgeschlagen, die auf unser Auto zugeschnitten ist. Sieben Stunden und zwei Minuten sollen wir für die 625 Kilometer lange Strecke brauchen, davon sind 5:35 Stunden Fahrtzeit und die anvisierten drei Ladestopps sollen 1:27 Stunden dauern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 110 km/h. Ordentlich, aber von der Richtgeschwindigkeit deutscher Autobahnen ein Stück weit entfernt. Außerdem muss man sich sklavisch an die vorgeschlagene Strecke halten, spannend wird es, wenn man einen Stau umfahren will und eine andere Route wählt.
Wir ergänzen den „Better Routeplanner“ mit Google Maps und die EnBW-Ladestation-App. Wie sich bald herausstellen sollte, eine gute Entscheidung, die uns aber zum Freestyle-Navigieren ermunterte. Zunächst läuft alles glatt. Der Aiways rollt entspannt im Verkehr mit und auch das Fahrwerk gewährt den Insassen trotz der 19-Zoll-Reifen ein angenehmes Fortkommen. Das liegt auch an den Sitzen, die eher loungig-bequem sind. Die Beinauflage könnte eine Idee länger, aber das hat dem Komfort auf der langen Strecke keinen Abbruch getan. Dass es in einem Elektroauto ruhig zugeht, ist bekannt, aber die Windgeräusche halten sich ebenfalls in überschaubaren Grenzen. Dass manche Übersetzungen nicht so gelungen sind und sich der Spurhalte-Assistent im Zusammenspiel mit dem adaptiven Tempomaten hin und wieder verabschiedet, stört nur kurzzeitig.
Warmgefahrene Batterie hilft beim Laden
Das Schöner-Wohnen-Ambiente im Aiways lädt zum Verweilen ein, auch wenn es im Innenraum die eine oder andere kleine Schwäche gibt. Der Durchmesser der Becherhalter ist klein, sodass größere Flaschen nicht hineinpassen, auch kein Apple iPhone. Das muss per Kabel geladen werden, weil die induktive Fläche nicht genug Platz liefert, wenn das iPhone 13 pro mit einer dickeren Schutzhülle umgeben ist. Wir rollen auf der Autobahn mit einer Geschwindigkeit zwischen 120 und 130 km/h dahin und schauen uns die Hetzjagd auf der linken gemütlich an. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von nominell 160 km/h brauchen wir uns ohnehin nicht in dieses Haifischbecken stürzen, wir kommen so entspannt ans Ziel. Allerdings holt uns die Verbrauchswirklichkeit eines elektrischen SUVs bald ein. Anstelle, wie vom „A Better Routeplanner“ kalkuliert, hinter Stuttgart, steuern wir bei Merklingen eine Stromtankstelle an. Wir wollten bei 28 Prozent Restladung und einer Reichweite von 66 Kilometern einfach kein Risiko eingehen. Und wenn ein Schnelllader in der Nähe ist, sollte man den auch gleich nutzen.
Die Ladesäulen sind belegt, eine ist noch frei. Die schnappen wir uns. Es dauert keine fünf Minuten, ehe ein Fahrer eines deutschen Premium-Stromers heransurrt und schnarrend fragt: „Entschuldigung, wie lange laden Sie noch? Nun, etwas mehr als eine halbe Stunde, um genau zu sein: 35 Minuten. Mit einer auf der Autobahn warmgefahrenen Batterie lässt sich der Aiways bei der Stromtankgeschwindigkeit trotz der nominell maximal 91 kW nicht lumpen und drückt zwischenzeitlich mit mehr als 70 kW Saft in die Akkus. Und das nicht nur eine Minute lang. Wir füllen die Batterie, bis sie etwas mehr als 80 Prozent geladen ist. Und weiter geht es. Ab jetzt ist Freestyle angesagt, eine Kombination aus Google Maps und der EnBW-App zum Auffinden von Ladesäulen. Das heißt aber auch, den Ladestand immer im Blick haben und frühzeitig rechts ran, um Stromtankmöglichkeiten zu suchen.
Realität holt uns ein
Der Aiways U5 schlägt sich auf den folgenden Kilometern genauso gut wie bisher. Das Fahren ist entspannt und wir haben uns an das Improvisieren gewöhnt, also wirft es uns auch nicht aus der Bahn, als die Smartphone-Navigation eine neue Route verschlägt, um eine Straßensperre zu umfahren. Die Routine bleibt ohnehin unverändert: Ladezustand kontrollieren, rechts ran, Ladesäule entlang des Weges suchen und Strom tanken. Alleine im Auto ist das auf Dauer etwas umständlich, aber Aiways versichert auf Nachfrage, dass man an einer Navigations-App tüftelt, die die Fahrzeugdaten miteinbezieht.
Auf dem Weg zu unserem Zwischenstopp in Aachen müssen wir noch zweimal zum Laden abbiegen. An einer Autobahnraststätte sind die Ladesäulen zugeparkt. Wir schlängeln uns durch und können loslegen. Die parkenden Autofahrer tun so, als wenn sie das Ganze nichts anginge. Wir nutzen den Sonnenschein und die fast frühlingshaften sieben Grad Celsius zu einer Mittagspause und stöpseln nach 42 Minuten bei 89 Prozent State of Charge ab. Als letzten Ladestopp suchen wir uns eine Fastned-Station, gut zwei Kilometer von der Autobahn entfernt. Immerhin hat man ein Dach über dem Kopf und der Schwenkarm macht es auch einfacher, mit dem Stromkabel zu hantieren, da der Stecker parallel zur Stoßstange angeschlossen werden muss. Im Winter bei Minusgraden ohne eine solche Hilfe, sicher kein Vergnügen.
Der Strom fließt mit vergleichsweisen schnellen 90 kW, nach gut einer halben Stunde geht es weiter und wir erreichen nach 611 Kilometern Fahrt und knapp acht Stunden unser Ziel. Dort holt uns die Realität des innerstädtischen Ladens wieder ein. Die Ladesäule vor dem Hotel ist defekt, wir beschließen am nächsten Morgen zu tanken. Doch eine kalte Batterie und der einphasige Onboardlader, der maximal 3,6 kW schafft, sind keine gute Kombination. Aiways will das mit der anstehenden Modellpflege ändern und dreiphasiges AC-Laden ermöglichen. Also ran an einen Schnelllader und nach einer Stunde und einem ausgiebigen Frühstück geht es weiter nach Antwerpen. Die letzten 155 Kilometer verlaufen ebenso problemlos wie die bisherigen. Die Bilanz: ein Durchschnittsverbrauch von 23,8 kWh/100 km, Stromkosten von 80,34 Euro und ein Auto, das Platz, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und einen vernünftigen Langstreckenkomfort bietet. Nur beim Beladen des Kofferraums muss man aufpassen, dass man sich nicht den Kopf anhaut. Denn unter die geöffnete Heckklappe passt nur eine Körpergröße von 1,80 Metern, aber auch das wird sich bei der Modellpflege beheben lassen.
Autor:Wolfgang Gomoll, Antwerpen, Stand: 2022-03-14 10:58:14
Fotos: press-inform / Aiways / Dani Heyne










