Reportage: Alec Issigonis

Sir Alec Issigonis ergatterte mit dem Mini einen Platz im Automobil-Olymp. Der begnadete Designer und Konstrukteur hatte ein bewegtes Leben und mit Mathematik wenig am Hut.
Foto: press-inform / Mini
Sir Alec Issigonis und sein größtes Werk: der Mini (Foto: press-inform / Mini)

Mann der Tat

Sir Alec Issigonis ergatterte mit dem Mini einen Platz im Automobil-Olymp. Der begnadete Designer und Konstrukteur hatte ein bewegtes Leben und mit Mathematik wenig am Hut.

Als Alec Issigonis den Mini entwarf, durfte ein Element nicht fehlen: der Aschenbecher! Denn der Brite war ein starker Raucher und um nichts in der Welt würde ein Auto, in dem er unterwegs war, ohne diesen Behälter auskommen. Dass der kleine Flitzer dennoch ein Welterfolg wurde und mittlerweile zu den automobilen Ikonen zählt, ist vermutlich nicht diesem Ausstattungsteil zu verdanken. Eher schon der Tatsache, dass der Mini genau den Zeitgeist traf. Die englische Jugend gierte nach einem hippen Fortbewegungsmittel, das ein Gegenentwurf zu den riesigen Karossen des Establishments darstellte.

Doch eines nach dem anderen. Wie sein größtes Werk war Alexander Arnold Constantine Issigonis ein ziemlich spezieller Charakter. Neben seinen geliebten Zigaretten sagte der Lebemann auch zu einem Glas Gin nicht nein. Obwohl Alec ein fast schon obsessives Faible für Technik hatte, war für ihn Mathematik, der „Feind eines jeden kreativen Menschen“ und Zahlenkolonnen ein Gräuel. Er wollte anpacken und mit seinen eigenen Händen etwas erschaffen und nicht theoretische Formeln auf ein Blatt Papier kritzeln.

Projektzeichnung des Mini-Prototypen (Foto: press-inform / Mini)
Der Mini im Wandel der Zeit: Morris Mini Minor (1959) und der Mini Cooper 60 Years Edition 3-Türer (Foto: press-inform / Mini)
Patrick Paddy Hopkirk und Co-Pilot Henry Liddon gewannen 1964 die Rallye Monte Carlo in einem Mini (Foto: press-inform / Mini)
Austin Seven Countryman Anfang der 1960er (Foto: press-inform / Mini)
Amaturenbrett des Austin Mini 1000 MKII (1968) (Foto: press-inform / Mini)
Austin Mini Moke (1965) (Foto: press-inform / Mini)
Verschiedene Minis (Foto: press-inform / Mini)
Querschnitt des Minis (Foto: press-inform / Mini)
Der Mini ist ein Welterfolg (Foto: press-inform / Mini)

Diese Tüftel-Neigung war ihm angeboren. Sein Vater, ein Exilgrieche mit britischem Pass, betrieb in der Hafenstadt Smyrna, dem heutigen Izmir (Türkei), ein Unternehmen für Schiffsmotorentechnik. Sein Sohn Alexander, der am 18. November 1906 zur Welt kam, verbrachte seine Jugend am liebsten in der Fabrik und nicht im Sandkasten und schon bald interessierten ihn Eisenbahnen und Dampfmaschinen mehr als das Herumtollen mit anderen Heranwachsenden. Während Alecs Jugend war die Welt noch in Ordnung. Die Menschen erfreuten sich an der Belle Epoque und noch war der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts weit weg.

Erster großer Wurf

Die Idylle endete 1922 als die Türkei allen britischen Staatsbürgern die Tür wies. Nun begann für den jungen Alec eine kleine Odyssee, zumal sein Vater während der Schiffspassage starb. Über Malta kam er mit seiner Mutter nach Großbritannien. Dort begann der junge Konstrukteur ein Technikstudium an der Battersea Polytechnic School in London und beeindruckte die Dozenten mit seinem praktischen Verständnis sowie seine kreativen Ansätze. Allerdings reichte es aufgrund der Aversion gegenüber der Mathematik nicht zu den hohen Weihen und er baute nach drei Jahren einen eher durchschnittlichen Abschluss.

Von seinem Traum, ein erfolgreicher Automobil-Konstrukteur zu werden, ließ der junge Mann aber nicht ab. Also besuchte Alec Issigonis zunächst verschiedene Automobilfabriken und andere Maschinenwerke in ganz Europa, ehe er bei einem Londoner Konstrukteursbüro unterkam. Es dauerte nicht lange, bis die Inhaber das Talent des Neulings erkannten und ihn an das Projekt einer automatischen Kupplung teilhaben ließen. Auch wenn ihm die Arbeit Spaß bereitete, hatte ihn der Rennvirus erfasst. In seiner Freizeit baute Issigonis zusammen mit seinem Freund George Dowson einen wendigen kleinen Rennwagen, der lediglich 500 Kilogramm wog und mit einem Austin Seven-Motor bestückt war. Das Triebwerk hatte einen Hubraum von 750 Kubikzentimeter und leistete dank der Aufladung rund 60 PS. Dass dieses „Lightweight Special“ die Handschrift eines begabten Designers und Technikers trug, zeigte die Tatsache, dass der Bolide bereits mit einer Gummifederung ausgestattet war.

Kultobjekt

Im Jahr 1936 stieg Alec Issigonis bei Morris ein, tüftelte an Vorderradaufhängen herum und ersann den Morris Minor, seinen ersten großer Wurf, der den 30-Jährigen sogleich zu einem Top-Designer und Konstrukteur machte. Die Zeichen standen auf Erfolg, ehe der zweite Krieg in Issigonis Leben die Karriere des Designers bremste. Zumal die angeschlagene britische Wirtschaft ebenfalls großen Veränderungen unterworfen war und im Jahr 1952 Austin und Morris zu BMC (British Motor Corporation) fusionierten. Das neue Management kam mit dem eigenwilligen Designer nicht klar, Issigonis zog die Konsequenzen und heuerte bei Alvis an, wo er an einer neuen Aufhängung und einem 3,5-Liter Zweikammer-Motor mitarbeitete.

Bei Austin hatte die Vernunft in Person von Sir Leonhard Lord das Sagen, der Alec 1956 engagierte. Ein Glücksgriff. Denn Issigonis gelang mit einem Kleinwagen der große Wurf. Dieses Gefährt hatte eine moderne selbsttragende Karosserie und sehr große Fensterflächen. Der Mini nicht nur durch sein flottes Design, das mit den Konventionen brach, sondern auch mit einem genialen Raumkonzept. Aufgrund des quer eingebauten Vierzylindermotors mit 848 Kubikzentimetern Hubraum, der platzsparenden Einzelradaufhängung inklusive Gummifedern und Frontantrieb fanden vier Personen Platz. Eine Erfolgsgeschichte nahm 1959 ihren Anfang, die mehr als vier Jahrzehnte andauern sollte.

Der Mini avancierte zum Kultobjekt. Alle vier Beatles fuhren einen, Mick Jagger Cliff Richard, David Bowie und die von Komiker Rowan Atkinson kreierte Figur Mister Bean sowieso. Mit dem Film „The Italian Job“ bekam der von verschiedenen Firmen millionenfach und in vielen Varianten gebaute Flitzer ein cinemagrafisches Denkmal gesetzt und Alec Issigonis von der Queen 1969 zum Ritter geschlagen. Dass der Mini auch bei der berühmten Rallye Monte Carlo siegreich war, freute seinen Schöpfer. Sir Alec ging 1971 in den wohlverdienten Ruhestand. Seine Ahnenlinie bleibt der Automobilindustrie erhalten: Sein Großneffe ist der ehemalige BMW- und VW-Chef Bernd Pischetsrieder. Da wundert es nicht, dass der Münchner Autobauer seit 2001 die Mini-Fackel weiter hochhält.

Autor:

Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-06-02 19:50:00
Fotos: press-inform / Mini