
Automobiler Kubismus
Quadratisch – praktisch – gut. Keiner prägte das Design des schwedischen Autobauers Volvo mehr als Jan Wilsgaard. Dabei hatte der Schwede weit mehr drauf, als nur Kanthölzer auf vier Rädern zu erschaffen.
Er gilt als einer der ganz großen seiner Zunft und doch steht sein Name allenfalls in der zweiten Reihe: Jan Wilsgaard. Der Grund ist recht einfach, denn Wilsgaard war während seines Schaffens ausschließlich für einen einzigen Autobauer tätig. Der Norweger gab der Marke Volvo ihr höchst charakteristisches Äußeres. Dabei ging es nicht immer quadratisch und praktisch zu, denn Wilsgaard arbeitete in den Anfangsjahren auch an Modellen wie dem Volvo Amazon oder dem 1800 ES mit, die nicht viel gemein haben mit dem Ursprungsmodell einer ganzen Generation: dem Volvo 140. Auf ihm beruhten die kommen Volvo-Modellen bis weit in die 1990er Jahre hinein. Doch Wilsgaard ließ sich gerade in den Anfangsjahren auch vom Design amerikanischer und italienischer Modelle beeinflussen. Kein Wunder, denn er wurde 1930 in Brooklyn geboren.
Als Jan Wilsgaard die Designschule in Göteborg verließ, heuerte er bei Volvo an und kreierte 1951 / 1952 den Volvo Philip, eine viertürige Limousine mit leicht ausladenden Formen und deutlichen Anleihen an zeitgemäße Fahrzeuge von Ford, Chrysler und General Motors. Der Philip kam über den Prototypenstatus genauso wenig hinaus wie der Margret Rose und andere Studien, denn der von Pelle Petterson entworfene P 1800 machte bei Volvo das Rennen. Von Wilsgaard stammte der Amazon, für viele bis heute eine der schönsten Limousinen der Mittelklasse und für Volvo ein wahrer Kassenschlager. Gezeichnet wurden die Linien des Volvo P120 Amazon vom damals erst 26jährigen Jan Wilsgaard, der erst Jahre später Leiter des Volvo Designzentrums wurde. Ursprünglich hatte der Volvo Amason geheißen; erst kurz vor dem Serienanlauf wurde er international in Amazon umbenannt und trug auf vielen Märkten die Bezeichnung P 121 / 122.
Jan Wilsgaard entdeckte sich nach den Anfangsjahren und der Erkenntnis, dass es in erster Linie praktisch sein musste, scheinbar über Nacht selbst. Die organischen Formen von Philip oder Amazon waren vergessen und der Volvo 140 erfand die schwedische Marke neu. Auffällig waren das großzügige Interieur, großflächige Fenster und klare Linien. Die kantig-klobige Serie der oberen Mittelklasse wurde ein Erfolg. Mehr als 1,2 Millionen Mal verkauften sich die Modelle 142, 144 und 145. Mit dem 164 legte Wilsgaard nach. Der 164er war mitten in der so ertragreichen Oberklasse angekommen und Volvo hatte ein neues Aushängeschild. Mit der betont luxuriösen Limousine kehrten die Schweden 1968 in die Oberklasse zurück. Neben einer Komfortausstattung und kraftvollen Sechszylindern bot der Viertürer unter anderen eine Sicherheitsfahrgastzelle mit akribisch berechneten Knautschzonen. Chefdesigner Wilsgaard nutzte das Chassis des Volvo 140 und kombinierte dieses mit dem Frontdesign des Prototyps P358 aus den 1950er Jahren. Auf dem Kühlergrill wurde das Volvo Markenemblem die Iron Mark besonders prominent platziert. Es saß auf der markentypischen Diagonalen, genau wie schon beim allerersten Volvo aus dem Jahr 1927 und so, wie es bis heute eingesetzt wird.
Der Chic von Amazon und 164
Damit der neu entwickelte Reihensechszylinder vom Typ B30 auf dem Chassis des Volvo 140 Platz fand, wurde dies ab der Windschutzscheibe um zehn Zentimeter verlängert. Der Sechszylinder verfügte über drei Liter Hubraum und entwickelte dank eines Zenith-Stromberg-Doppelvergasers eine Leistung von 107 kW / 145 PS. Der in Italien gebaute erste Prototyp des luxuriösen Coupés Volvo 262C basierte ebenfalls auf einem Volvo 164. Karosseriebauer Sergio Coggiola aus Turin verwandelte die Limousine in ein zweitüriges Coupé mit Vinyldach, das dem späteren Serienmodell bereits weitgehend entsprach. Ein wichtiger Unterschied blieb dabei die Frontgestaltung des Prototyps im Stil des Volvo 164.
Die Fans des schwedischen Autobauers streiten sich bis heute höchst friedlich miteinander, ob nun der Volvo 164 das schönste Modell des gebürtigen New Yorkers war oder doch der Schneewittchensarg als Nachfolger des P 1800. Die üppigen Fensterlinie hatten nichts mit anderen Modellen auf dem Markt gemein und schon gar nichts mit anderen Volvo-Modellen aus der bewegten Zeit. Doch die Boomzeit des Volvo P 1800 ES dauerte nicht lang, denn Sicherheitsvorschriften beendeten bereits nach zwei Jahren die Produktion des Volvo-Stars. Da der P 1800 ES nicht die strenger gewordenen Sicherheitsvorschriften auf dem Hauptmarkt USA schaffte, lief er schneller als ehemals erdacht aus.
Danach legte Jan Wilsgaard nach und entwickelte die 140er-Baureihe ebenso grundlegend wie dezent weiter. Der Volvo 240 mit den Nachfolgemodelle 242, 244 und 245 wurde fast zwei Jahrzehnte gebaut und wurde zum erfolgreichsten Modell der Schweden, das ein weiteres Mal neue Sicherheitsstandards setzte. So etwas wie beim Volvo P 1800 ES sollte nicht noch einmal passieren. Daraus entstanden die Nachfolgemodelle 740 / 760, die sich nicht grundlegend von der Weiterentwicklung 940 / 960 unterschied und bis in die späten 1990er Jahre das Aushängeschild der Schweden war, bis sie vom etwas rundlicheren 850er abgelöst wurden. Jan Wilsgaard starb im Herbst 2016 im Alter von 86 Jahren.
Autor:Stefan Grundhoff, Stand: 2021-04-27 03:57:00
Fotos: Volvo










