Reportage: Designer Harm Lagaay

Harm Lagaay hat nie das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Dennoch hat der niederländische Designer vor allem die Porsche-Geschichte maßgeblich beeinflusst, indem er den ersten Boxster entwarf. Zu seinen Werken zählt aber der BMW Z1.
Foto: press-inform / Porsche
Porsche Boxster 986 (Foto: press-inform / Porsche)

Unbekannte Größe

Harm Lagaay hat nie das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Dennoch hat der niederländische Designer vor allem die Porsche-Geschichte maßgeblich beeinflusst, indem er den ersten Boxster entwarf. Zu seinen Werken zählt aber der BMW Z1.

Über nur wenige Designern existieren so gegensätzliche Meinungen wie über Harm Lagaay. Diejenigen, die jetzt fragen: „Harm, wer?“ gehören zu der Gruppe, für die der Niederländer eine unbekannte Größe ist. Für andere hingegen ist Lagaay der Mann, der Porsche gerettet hat. Nicht mehr und nicht weniger. Wie kann ein Formgeber ein ganzes Unternehmen retten? Die Antwort ist ganz einfach und in einem Wort gegeben: Boxster! Um das zu verstehen, müssen wir die Uhr um 30 Jahre zurückdrehen. Im Jahr 1991 stand Porsche vor dem Ruin. Der Zuffenhausener Sportwagenbauer verkaufte damals pro Jahr nur noch 23.000 Autos und beendete das Geschäftsjahr 1992 mit einem Minus von 240 Millionen Mark. Eigentlich das Todesurteil für einen Autobauer, der zudem hauptsächlich Nischenprodukte herstellte und dessen Haupteinnahmequelle der Porsche 911 war. Aber Porsche war auch ein Familienunternehmen und die war nicht bereit, dem Autobauer die letzte Ölung zu verabreichen.

Die letzte Patrone der Porsches bestand in dem Duo bestehend aus Wendelin Wiedeking und dem damaligen Chefdesigner Harm Lagaay. Ein erfolgreiches Modell musste her, das schleunigst Geld in die Kassen spülte. Es gab nur noch diese eine Chance, diesen einen Schuss, wenn der danebenging, war es das für Porsche. Zusammen mit dem frisch ernannten Porsche-Chef entwickelte der Niederländer die Strategie, dass Porsches Zukunft in der Rückkehr zu den Sportwagen-Wurzeln besteht. Der Plan wurde konsequent umgesetzt und die Entwicklung der Sport-Limousine Porsche 989 eingestellt. Für zwei neue Modelle fehlte einfach das Geld. Lagaay nahm sich Anleihen bei klassischen Sportwagen wie dem James Dean 550 Spyder oder den Rennsportwagen 718 RS 60 und entwickelte einen zweisitzigen Mittelmotor-Roadster, den Boxster. „Dieser Wagen war die Initialzündung“, erinnert sich der Designer. Die Befeuerung der Porsche-Finanzen durch den Boxster hält bis heute an und der Boxster ist aus der Modellpalette des Zuffenhausener Sportwagenbauers nicht mehr wegzudenken.

Porsche Chefdesigner Harm Lagaay im Auto und sein Team (Foto: press-inform / Porsche)
BMW Z1 (Foto: Hersteller)
Ford Escort III (1980) (Foto: press-inform / Ford)
Porsche Cayenne (Foto: press-inform / Porsche)
Porsche Carrera GT (Foto: press-inform / Porsche)
Porsche 996 4S (Foto: press-inform)
Präsentation der Boxster Studie in Detroit 1993 (Foto: press-inform / Porsche)
Porsche 911 GT3 (997.1, 2006-2008) (Foto: press-inform / Porsche)
Der Porsche 924 GT belegte am Ende einen hervorragenden vierten Platz (Foto: press-inform / Gudrun Mus)

Im Jahr 1989 war Lagaay zu Porsche zurückgekehrt. Es war nicht seine erste Berufsstation. Seine erste automobile Station hatte der junge Designer 1968 bei Simca, ehe er 1971 zum ersten Mal nach Zuffenhausen wechselte und dort Auto wie den den Porsche 911, den Porsche 924 und den Porsche 928 entwarf. Nach sechs Jahren zog der Niederländer weiter nach Köln, um bei Ford Autos wie den Sierra und die dritte Generation des Escort zu kreieren. Außerdem lernte der Designer, dass es beim Automobilbau auch zunehmend wirtschaftliche Notwendigkeiten wie Synergien, das Verwenden von Gleichteilen und die damit zusammenhängenden effizienten Prozesse wichtig wurden. Eine schöne Silhouette alleine reichte nicht mehr aus.

Radikaler Kurschwechsel

Weiter ging es zu BMW und auch in München hinterließ der Niederländer mit dem BMW Z1, der heute ein Klassiker ist, seine Spuren. Aber dann rief seine alte Liebe Porsche und Harm Lagaay gab 1989 dem Werben nach. Allerdings gab es bei der zweiten Heirat keine Flitterwochen, eher ein rüdes Erwachen. Der Glanz der Zuffenhausener Sportwagenschmiede war verblichen. Modelle wie der Porsche 928 waren schon eine ganze Zeit auf dem Markt und Autos wie der Porsche 964 und 944 fanden zunehmend weniger Käufer. Die Zeit der Transaxle-Porsche näherte sich definitiv dem Ende.

Ein radikaler Kurswechsel musste her, sonst war das stolze Familienunternehmen dem Untergang geweiht. Der Boxster sollte der Befreiungsschlag sein. Nur durfte der nicht zu viel kosten. Die Schuldenlast drückte. Jetzt kam Harm Lagaay die harte Ford-Synergieschule zugute. Wie der interne Code 986 verdeutlichte der Boxster stand der gleichen Plattform wie der Porsche 911 der Baureihe 996 und war bis zur A-Säule weitgehend identisch. Um diese kostensparende Gleichteilestrategie umzusetzen, wich der Designer von der klassischen runderen Front der ursprünglichen Studie ab.

Allerdings blieb die Kritik nicht aus. Vor allem die Scheinwerfer, die beim 911er und beim Boxster mehrere Elemente wie Abblendlicht, Fernlicht, Nebelscheinwerfer und Blinker kostengünstig in einem Bauteil vereinten, straften die Porsche-Fans schnell als Spiegelei-Scheinwerfer ab. Heute wird der sogenannte S-Schlag, also die Form des Scheinwerfers, die sich aus einem konkaven und einer konvexen Line zusammensetzt, deutlich milder gesehen. Harm Lagaay nahm sich die Kritik zu Herzen und änderte die Form der Scheinwerfer beim Facelift des Porsche 991 (996) im Jahr 2002. Das lagaaysche S fand sich auch bei der ersten Generation des Porsche Cayenne im Jahr 2002. Die Modellpolitik zahlte sich aus, der Schuldenberg schmolz weiter und Harm Lagaay konnte sich einem Herzensprojekt widmen: einem Supersportwagen: der Porsche GT. Lagaays Abschiedsgeschenk an Porsche war der Porsche 911 (997), ehe er sich am 31. Oktober aus Zuffenhausen verabschiedete.

Autor:

Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-07-25 16:40:00
Fotos: press-inform / Porsche