Reportage: Elektromarkt Texas

Kein anderer Bundesstaat der Vereinigten Staaten ist derzeit so in aller Munde wie Texas. Der rustikale Lone Star State unterscheidet sich deutlich von den anderen über 50 US-Bundesstaaten. Das macht sich nicht zuletzt beim Verkehr bemerkbar. Bringt der Ford F-150 Lightning den Elektrotrend?
Foto: Mercedes
SxSW Austin (Foto: Mercedes)

Cowboys in Paradise

Kein anderer Bundesstaat der Vereinigten Staaten ist derzeit so in aller Munde wie Texas. Der rustikale Lone Star State unterscheidet sich deutlich von den anderen über 50 US-Bundesstaaten. Das macht sich nicht zuletzt beim Verkehr bemerkbar. Bringt der Ford F-150 Lightning den Elektrotrend?

Auf den Straßen von Texas gibt es allenthalben das gleiche Bild – Pick Ups wohin das Auge auch schaut. Die meisten von Ihnen sind die großen Fullsize-Pick-Ups, die hier nur Trucks heißen und schlichte Normalgröße sind. Nirgends in den USA werden mehr Fahrzeuge mit offener Ladefläche verkauft; entsprechend schwer tut sich der zweitgrößte Bundesstaat der USA mit Elektroautos – bisher. „Bei uns zählen in erster Linie Big Cars und jede Menge Horsepower“, erläutert Casey Ogletree, Manager von Jordan Ford, einem der größten Pick-Up-Händler der USA, „wir verkaufen hier hauptsächlich F-150 und den großen Expedition. Kleinere Modelle werden kaum nachgefragt.“

Die Aussagen von Ogletree belegt ein Blick auf die Straßen, denn egal, ob man in großen Metropolen Dallas, Houston oder San Antonio unterwegs ist; überall bevölkern die Fullsize-Lademeister wie Ford F-150, Chevrolet Silverado oder Dodge Ram die Straßen. Auf dem Lande sieht es nicht anders aus, denn hier gibt es noch mehr Farmen, Getreidebauern oder Viehzüchter. Etwas anders jedoch die Situation in Austin aus. Nicht nur durch den immer größer gewordenen Tech-Großevent South by Southwest (SxSW), einst aus einer Musik- und Filmmesse entstanden, hat sich Austin zu einer Tech- und IT-Metropole entwickelt, die in den USA ihresgleichen sucht. Immer mehr Firmen zieht es gerade aus dem einstigen Tech-Mekka Kalifornien nach Texas. Vielen ist Kalifornien zu künstlich, zu liberal und zu öko – da lockt Texas mit niedrigen Steuern, einem prächtigen Klima und unbegrenzten Möglichkeiten. In Austin sind die mächtigen Pick Ups ebenfalls allenthalben auf den Straßen vertreten, aber auch das Tesla- Aufkommen ist mächtig. Hier und da tummeln sich ein paar Audi E-Tron oder elektrische BMW-Modelle.

Ford F-150 Lightning (Foto: Ford)
Texas 2022 Chevrolet Colorado (Foto: press-inform)
Jordan Ford San Antonio (Foto: press-inform)
Jordan Ford San Antonio (Foto: press-inform)
Jordan Ford San Antonio (Foto: press-inform)
Jordan Ford San Antonio (Foto: press-inform)
Lamborghini Dallas (Foto: Lamborghini)
Lamborghini Dallas (Foto: Lamborghini)
Lamborghini Dallas (Foto: Lamborghini)

Die steigende Zahl von Model S und Model Y nicht nur daran, dass Tesla mit dem charismatischen Firmen-CEO Elon Musk mittlerweile ebenfalls nach Texas umgezogen ist. Neben der Firmenzentrale zog der Elektroautobauer, einst im kalifornischen San Marcos gegründet, nach Texas um und in Austin gibt es mittlerweile auch eine Produktionsstätte für das Model Y und den zukünftigen Cybertruck. Dabei haben die texanischen Cowboys kein Problem damit, dass ein Elektrobauer im Öl-Bundesstaat mittlerweile eine große Rolle spielt. Texas hat sich in den vergangenen 15 Jahren gewandelt. Kein anderer Bundesstaat generiert mehr Windenergie und die zahlreichen Techkonzerne bringen ebenfalls neues Geschäft und andere Branchen in den Süden der USA.

Mehr als 50 Prozent Pick Ups

Fragt man Casey Ogletree, wieso die Texaner so auf die mächtigen Pick Ups setzen, hat er eine Vielzahl von Antworten. „Zunächst einmal spielt die Freizeitgestaltung eine gewaltige Rolle. Viele gehen jagen, fische, haben ein Boot oder fahren Mountainbike. Da ist ein großer Pick Up oder ein SUV einfach perfekt“, lächelt er, „und wieso sollte man da ein kleines Auto fahren. Zudem gibt einem ein Pick Up das Gefühl, für alles gerüstet zu sein – Naturkatastrophen wie die Kältewelle letztes Jahr oder was auch immer.“ Kein Wunder, dass sich Pick Ups in dem mächtigen Staat seit Jahrzehnten einer großen Beliebtheit erfreuen. Insgesamt sind in Texas mehr als acht Millionen Fahrzeuge zugelassen – mit 4,2 Millionen sind mehr als die Hälfte Pick Ups. Neben den großen Offroad-Kleinlastern erfreuen sich auch die sogenannten Midsizes einer großen Beliebtheit. Mittelklasse bedeutet hier immer noch 5,30 bis 5,40 Meter lang. Bestseller mit mit gewaltigem Abstand: der Toyota Tacoma vor dem Chevrolet Colorado.

Toyota ist größer Produzent – noch

Doch die mächtigen US-Pick-Ups sind nicht die einzigen Fahrzeuge, die Highways, Interstates und Citystraßen bevölkern. Keine Überraschung, dass vergangenen Monat auch der Sportwagenhersteller Lamborghini in Dallas einen neuen Standort eröffnete. „2021 war ein beeindruckendes Jahr für die Lamborghini-Verkäufe in Texas, und wir erwarten, dass sich dieses Wachstum auch 2022 fortsetzen wird“, sagt Lamborghini-CEO Stephan Winkelmann, „die Investition von Lamborghini Dallas in das neue Design und die Erweiterung des Showrooms wird dazu beitragen, diese Nachfrage zu unterstützen und gleichzeitig neuen und bestehenden Kunden ein echtes Lamborghini Erlebnis zu bieten.“ Jeder zehnte in den USA verkaufte Lamborghini wird im US- Bundesstaat Texas verkauft.

Alle warten auf den Ford F-150 Lightning

Im Gegensatz zu anderen Herstellern gibt es in Texas zwar zahllose und insbesondere große Autohändler, jedoch nur kaum Autofertigungen. Neben Tesla ist Toyota eine der großen Ausnahmen. Der größte Autobauer der Welt ist seit einiger Zeit auch der größte Autohersteller Amerikas. Was würde da besser passen, als dass deren Pick-Up-Aushängeschild Toyota Tundra in der Nähe von San Antonio vom Band läuft? Jede Minute rollt an der Adresse 1 Lone Star Pass in San Antonio ein neuer Tundra vom Band. Bis heute haben die Japaner fast vier Milliarden Dollar in ihr Werk TMMTX (Toyota Motor Manufacturing), Tausende von lokalen Arbeitsplätzen erschaffen und bis zu 180.000 Tundras pro Jahr zusammengebaut. Die TMMTX-Fertigung konzentriert sich seit 2008 auf den Toyota Tundra. Toyota wirbt damit, dass der F-150-Gegner Tundra mit 739 Tomahawk-Steaks beladen werden kann – eine Nutzlast von mehr als 880 Kilogramm.

Doch so langsam kommen die Texaner auf den Elektrogeschmack. Große Erwartungen haben die Ford-Verantwortlichen an den elektrischen F-150 Lightning. Der Pick-Up-Truck ist seit mehr als vier Jahrzehnten das meistverkaufte Auto in den USA und der meistverkaufte Pick Up überhaupt. Während die Wettbewerber General Motor, Stellantis mit ihren Erfolgsmodellen Chevrolet Silverado und Dodge Ram sowie insbesondere Tesla seinen Cybertruck auf absehbare Zeit noch nichts elektrisches bereit für den Serieneinsatz haben, sieht das bei Ford anders aus. „Wir erwarten unsere ersten F-150 Lightning für Probefahrten noch im Mai und die Kundenauslieferungen starten zwischen Ende Juni und Mitte Juli“, erläutert Casey Ogletree von Jordan Ford, „die Kunden sind heiß auf den Wagen. Wir mussten bei 200 Vorbestellungen stoppen, weil Ford die Bestellliste bei 200.000 Fahrzeugen eingefroren hat.“ Auch beim Pick-Up-Händler Jordan Ford sattelt man langsam aufs Elektrogeschäft um. Statt der aktuell sechs Ladesäulen sollen es in den nächsten Wochen 12 und dann 18 Lademöglichkeiten für Kunden geben. „Die Lightning-Kunden selbst unterscheiden sich nicht von den normalen Kunden eines F-150-Modells“, ergänzt Ogletree, „viele sind aktuell mit einem Tesla unterwegs und wollen einen Pick Up. Die Durchschnittsverkaufspreise liegen bei über 50.000 Dollar.“ Na dann scheinen jetzt wohl auch die Cowboys auf den Elektrogeschmack zu kommen.

Autor:

Stefan Grundhoff, Texas, Stand: 2022-05-08 16:35:00
Fotos: Mercedes