
Smartphones auf Rädern
Foxconn, einer der weltweit größten Hersteller von Unterhaltungselektronik, will bis 2023 in die Autofertigung einsteigen. Zusammen mit der Petrochemiefirma PTT PLC will Hon Hai Precision Industry Co., der Konzern hinter Foxconn, eine Produktionsanlage für Elektroautos in seinem Heimatland aufbauen.
Der in Taiwan ansässige Smartphone-Herstellungsriese Hon Hai Precision Industry Co., der unter anderem Auftragsproduzent für Marken wie Apple, Google, Hewlett Packard, Dell, Microsoft oder Nintendo ist, hat mit dem staatlichen Ölversorger PTT PLC eine Vereinbarung über den Aufbau einer Produktionsstätte für Elektrofahrzeuge in Thailand unterzeichnet. Wie die Analysten von Global Data mitteilen, soll diese Zusammenkunft, die auf die im Juni zwischen den Parteien getroffene Absichtserklärung über eine Zusammenarbeit bei Elektrofahrzeugen folgt, Foxconn dabei helfen, seine Ambitionen als Elektrofahrzeughersteller Realität werden lassen.
„Als staatliches Unternehmen unterstützt PTT die Politik der Regierung für eine grüne, emissionsfreie Zukunft und teilt das Bestreben nach nachhaltigen Mobilitätslösungen. Das Joint Venture mit Foxconn ist Teil ihres Engagements für diese Politik“, sagt Auttapol Rerkpiboon, Präsident und Chief Executive Officer von PTT, „die Partnerschaft wird einen Wissens- und Technologietransfer beinhalten, der den Thailändern hilft, Fähigkeiten in zukunftsorientierten Industrien aufzubauen und die Falle des mittleren Einkommens zu durchbrechen, während sie gleichzeitig den thailändischen Verbrauchern den Zugang zu wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Mobilitätslösungen mit lokal produzierten E-Fahrzeugen ermöglicht.“
Das 60:40-Joint-Venture zwischen PTT und Foxconn plant, die individuellen Fähigkeiten im Bereich von Elektrofahrzeugen beider Parteien zu nutzen, um diese in Thailand für den lokalen Markt herzustellen. Foxconn will nach Informationen von Global Data sein Fachwissen in der Herstellung von Elektrofahrzeugen sowie in der Software- und Hardwaretechnologie einbringen, während PTT seine Kompetenz in den Bereichen Batterie und Ladeinfrastruktur, sein Partnernetzwerk und die bestehende Präsenz im thailändischen Elektrofahrzeuggeschäft einbringen wird. „Die Produktionsstätte wird Foxconns EV-Ambitionen in die Realität umsetzen. Foxconn hat seine Elektrifizierungspläne in letzter Zeit aggressiv vorangetrieben“, sagt Bakar Sadik Agwan, Senior Automotive Analyst bei GlobalData, „das Unternehmen will zunächst in den USA und Thailand mit der Produktion von Elektroautos beginnen und schließlich auf den europäischen Markt übergehen.“
Drehscheibe in Asien
Thailand hat im Bau von Elektrofahrzeugen bisher keine besondere Expertise und hat nur wenige Autohersteller, die in dem Land selbst produzieren. Mit seiner offenen Politik und seiner Tradition in der Automobilherstellung bietet Thailand für Foxconn jedoch einen größeren Wert als viele andere Märkte. „Das Unternehmen hat auch eine Produktionspartnerschaft mit Byton in China, die jedoch Berichten zufolge derzeit auf Eis liegt“, sagt Bakar Sadik Agwan, „China mag zwar der größte Markt für Elektroautos sein, hat aber aufgrund der Fragmentierung des Marktes für Elektroautos mit Überkapazitäten zu kämpfen, was sich auf die Fähigkeit vieler Autohersteller auswirken wird, eine ausreichende Gewinnspanne zu erzielen.“
Das Ziel der thailändischen Regierung, den Anteil der Elektroautos an der Gesamtkapazität bis 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen, indem sie Anreize für die lokale Produktion schafft, und das Ziel, die zukünftige Elektroauto-Drehscheibe in der asiatischen Region zu werden, dürfte die Visionen von Foxconn als einer der ersten Anbieter beflügeln. Thailand ist aktuell der führende Automobilhersteller in Südostasien mit einer jährlichen Produktion von mehr als zwei Millionen Fahrzeugen, von denen mehr als die Hälfte in die ganze Welt exportiert wird. Die thailändische Regierung hat sich außerdem verpflichtet, zusätzliche Investitionen in nachhaltige, innovative Industrien, einschließlich der Elektrofahrzeuge, anzuziehen. Sie hat eine 30/30-Vision für Elektrofahrzeuge entwickelt, nach der bis 2030 30 Prozent der gesamten Produktion auf emissionsfreie Fahrzeuge entfallen sollen. Damit würde sich die Zahl der jährlich produzierten Fahrzeuge bis 2030 auf 725.000 emissionsfreie Pkw erhöhen. Die Regierung hat mehrere Ausschüsse eingerichtet, um sicherzustellen, dass die notwendigen politischen Maßnahmen, Anreize, Infrastrukturen und Maßnahmen zur Abmilderung der Auswirkungen auf die entsprechenden Branchen vorhanden sind, damit sich das Ökosystem der Elektrofahrzeuge in Thailand entwickeln und florieren kann.
Zudem dürfte die tiefe Verwurzelung von Kooperationspartner PTT im Land einen reibungslosen Betrieb des Joint Ventures gewährleisten. In der thailändischen Anlage sollen 2023 erste Fahrzeuge hergestellt werden. Die anfängliche Produktionskapazität wird mit 50.000 Einheiten angegeben, die bis zum Jahre 2030 verdreifacht werden soll. Während das thailändische Werk Foxconn offiziell als Automobilhersteller kennzeichnen wird, ist auch eine US-Fertigungsstätte mit Fisker in Planung, die zeitgleich die Fertigung aufnehmen könnte. Bakar Sadik Agwan: „Mit seinem fundierten Wissen über Elektronik und Fertigung ist das Unternehmen in der Lage, sich eine Nische auf dem Markt zu erobern. Foxconns Ambitionen stellen die Struktur der Lieferkette in der Automobilindustrie in Frage, die sich stark auf die Tier-Eins-Zulieferer stützt. Dies würde letztendlich kürzere Vorlaufzeiten für die Produktion und eine bessere Bruttomarge für das Unternehmen im EV-Geschäft gewährleisten, verglichen mit den niedrigen Margen, die es derzeit in der Smartphone-Herstellung hat – was eine weitere treibende Kraft für die Umstellung auf EVs war.“
Autor:Patrick Solberg, Stand: 2021-09-21 05:09:00
Fotos: PTT PLC
