
Rund um die Uhr
Nicht nur der Autokauf läuft zunehmend digital ab, auch die Entwicklung und jetzt auch das Design. Wo früher tonnenschwere Tonmodelle rund um die Erde transportiert wurden, diskutieren die Kreativköpfe jetzt an einem virtuellen Modell. Mit der neuen technischen Errungenschaft wächst aber auch der Druck auf die Formgeber.
Der Mann mit seiner Virtual-Reality-Brille und den Kontrollern in beiden Händen schaut aus wie ein Tester eines neuen Videospiels. Tatsächlich handelt es sich um einen Designer im Hyundai Technical Center Europe in Rüsselsheim und jede Bewegung der beiden Apparate führt zu einem Strich auf einem Bildschirm. Nach wenigen Minuten ist klar: Auf dem Monitor entsteht eine Skizze eines neuen Automobils. Nur eben nicht wie bisher üblich auf einem Blatt Papier, sondern virtuell. Die neuen Welten aus Bits und Bytes verändern den Entstehungsprozess eines Autos grundlegend. Schon seit Längerem ist es üblich, dass Ingenieure Crashtests und Fahrwerksabstimmungen simulieren, nun halten die leistungsstarken Computer auch bei den Formgebern Einzug.
„Früher dauerte die erste Designphase ein halbes Jahr. Jetzt sparen wir uns rund einen Monat“, erklärt Hyundai Chefdesigner Simon Loasby. Der Zeitgewinn ist nicht der einzige Vorteil der neuen Vorgehensweise. Dadurch, dass die Entwürfe letztendlich Datensätze sind, kann die Kreativabteilung des koreanischen Autobauers rund um die Uhr arbeiten. Wenn Hyundai-Deutschland so langsam Feierabend macht, übernehmen die Kollegen im US- kalifornischen Irvine, gefolgt von den Designern im koreanischen Namyang. Wo früher tonnenschwere Tonmodelle, von denen eines rund 400.000 Euro kostet, in mühevoller Handarbeit entstanden und mit ganzen Abteilungen rund um die Welt geflogen sind, werden jetzt Daten hin und her geschickt. Das verringert die CO2-Bilanz deutlich und beschleunigt den Prozess. Anstelle eines mühevollen händischen Anpassens einer Linie per Schaber, wird das Ganze ruckzuck per Computergrafik erledigt. Spart Geld. Allerdings entwickelt sich die Technik weiter und muss immer wieder aufgerüstet werden. Das belastet das Budget. Ganz ohne Tonmodelle geht es natürlich nicht. Nur werden die anhand der Daten gefräst. Hyundai Europa-Chefdesigner Thomas Bürkle beziffert den Anteil von analoger Arbeit zur virtueller mit 20 zu 80 Prozent.
Die Treffen, um ein Design zu diskutieren, finden jetzt nicht mehr am anderen Ende der Welt statt, sondern in einem großen rechteckigen Raum, an dessen Decke 46 Kameras angebracht sind und an einer Wand ein riesengroßer Monitor hängt. Die Videowand ist absolutes Hightech: Sie hat eine native Auflösung von 8K, eine interne Bildwiederholungsrate von 7680 Hz und den weltweit kleinsten Pixel Pitch. Der Abstand zwischen zwei Bildpunkten beträgt lediglich 0,8 mm. Damit sind gestochen scharfe Bilder möglich. Die Rechenpower ist entscheidend. Die Designer werden von überall in der Welt in diesem Raum zugeschaltet. Die Ausrüstung, um an diesem Meeting teilzunehmen, passt in einen Rucksack. Alles, was dafür nötig ist, ist ein schnelles Wifi-Netz, der eigene Laptop und eben die Virtual-Reality-Brille. Simon Loasby erzählt, wie er in seinem Alien-Outfit vor einem Starbucks saß und an einem solchen Meeting teilgenommen hat. „Die anderen Leute haben mich mit großen Augen angesehen und sich gewundert, was ich da mache“, lacht er.
Gleichzeitig im Fahrersitz
Das Agieren in dem großen Raum ähnelt einem Science-Fiction-Streifen. Die Teilnehmer sind als Aviatare sichtbar und diskutieren per Mikrofon und Kopfhörern miteinander. Die Interaktion läuft ab wie in einem Videospiel. Das Auto ist gestochen scharf und schaut extrem real aus. Selbst Lichtkanten sind sichtbar und feine Texturen der Innenraumoberflächen. Wir haben uns den Seven Concept genauer angeschaut, sind um das Auto herumgegangen, haben Türen geöffnet und haben uns in den Kofferraum gebeugt. Unglaublich, wie realistisch das Vehikel ist. Wer von der bombastischen Grafik des Videospielhits Gran Turismo begeistert ist, kann sich diese um ein Vielfaches exakter vorstellen. Per Knopfdruck wechselt auch die Szenerie; Stand der Seven Concept eben noch in Los Angeles am Strand, umgibt nun eine Schneelandschaft das Auto. Auch verschiedene Lichtverhältnisse sind ruckzuck darstellbar. Das beschleunigt den Design-Prozess und bewahrt die Formgeber vor unangenehmen Überraschungen.
Durch diese neue Form der globalen Zusammenarbeit sind Dinge realisierbar, die bisher nicht machbar waren. Jetzt können drei Designer gleichzeitig im Fahrersitz Platz nehmen und ein Detail diskutieren, egal, ob sie in Asien, Europa oder den USA sind. Damit sind wichtige Entscheidungen auf dem ultrakurzen Dienstweg machbar. Eine Mail oder ein Anruf genügt und schon trifft man sich am Auto. Auch Stoffe und andere Oberflächen werden extrem realistisch dargestellt, nachdem sie eingescannt sind. Ist das geschehen, können Farbe und Textur per Knopfdruck verändert werden. Früher musste man erst neue Proben ordern.
„Einer der größten Vorteile ist die Effizienz bei der Entwicklung. Wir können die Ingenieure viel schneller an das Auto lassen“, erzählt Thomas Bürkle. Durch diese engere Verzahnung steigt auch das Entwicklungstempo. Erste Ergebnisse sind beim Elektroauto Hyundai Ioniq 5 bereits sichtbar: Der Business Class-Sitz samt hochklappbarer Beinablage oder die verschiebbare Mittelkonsole wären ohne das virtuelle Design nicht möglich gewesen. Mit der neuen Technik lassen sich Marktbefragungen, die sogenannten Kundenkliniken unkompliziert virtuell durchführen und so ein Design auf die Massentauglichkeit überprüfen. Die Daten der Ergebnisse beziehungsweise der Modelle werden blitzschnell mit den Kollegen auf der ganzen Welt geteilt. Also können auch die Künstler in Rüsselsheim an einem Hyundai für Indien arbeiten. Doch wie alle Errungenschaften hat auch diese Medaille eine Kehrseite. „Der Zeitdruck ist gewachsen. Wir müssen abliefern“, erklärt Peter Bürkle.
Autor:Wolfgang Gomoll, Rüsselsheim, Stand: 2022-03-26 19:39:00
Fotos: press-inform / Hyundai










