
Herr der Linien
Sergio Pininfarina erwies seines großen Namens als würdig und verlieh den schönsten Ferraris aller Zeiten ihre Form. Doch der Designer, Unternehmer und Politiker war ein Hansdampf in allen Gassen und hinterließ seine Spuren in der Geschichte des Automobils.
An Selbstbewusstsein hat es Sergio Pininfarina nie gemangelt. „Ehrlich gesagt, glaube ich, dass diejenigen, die versuchen, die Bedeutung der Ästhetik eines Autos herunterzuspielen, das in Wahrheit nur tun, weil sie selbst ganz einfach keine schönen Autos entwerfen können“, sagte der italienische Designer einmal. Er selbst war ein Herr der Linien und nicht nur das. Das Entwerfen schöner Autos wurde Sergio schon in die Wiege gelegt. Immerhin war sein Vater Battista „Pinin“ Farina eine Größe in der italienischen Automobil-Szene. Manche wären an einem solchen Übervater zerbrochen, nicht so Sergio Farina. Der ließ seinen selbstbewussten Worten Taten folgen, machte sich mit seinen Kreationen selbst unsterblich und fügte den Spitznamen seines Vaters seinem eigenem hinzu: Aus Sergio Farina wurde Sergio Pininfarina.
Vor allem bei Ferrari hinterließ Sergio seine Spuren. Automobile Ikonen des Cavalino Rampante wie der Ferrari 246 Dino, einer der schönsten Sportwagen, die je gebaut wurden, der Ferrari 250 GT oder auch die moderneren Boliden Ferrari Testarossa und der brachiale F40 entstammen seiner Feder. Sergio Pininfarina hinterfragte sich immer selbst und entwickelte seine Formensprache immer weiter. Er hatte ein Gespür für Designer-Talente und heuerte diese an, um in seiner Firma kreativ zu agieren. Auch wenn nicht jeder Strich eines Entwurfs von ihm persönlich stammte, hatte er dennoch das letzte Wort und stellte sicher, dass die Formen der Fahrzeuge seine Idee einer gelungenen Ästhetik widerspiegelten. Posthum wurde dem Designer eine große Ehre zuteil. Gut ein halbes Jahr nach dem Ableben des Impresarios präsentierte seine Firma auf dem Genfer Autosalon das Konzeptauto Pininfarina Sergio, das auf einem Ferrari 458 basierte. Ferrari entschloss sich, Sergio die letzte Ehre zu erweisen, setzte diese Idee in die Tat um und baute sechs Modelle des Sportwagens, die rund drei Millionen Dollar kosteten. Der Name Ferrari Sergio – mehr geht nicht.
Auch wenn der Sportwagenbauer aus Maranello wohl der bedeutendste Botschafter der Pininfarina-Ästhetik war, diente die Carrozzeria auch unter Sergio auch anderen Herren, genauso, wie das bei seinem Vater der Fall war. Es ist schon fast eine logische Konsequenz, dass auch andere italienische Autobauer sich die Dienste des Designers sicherten. Autos wie der Alfa Romeo Duetto Spider, in dem Dustin Hoffman durch den Film „Reifeprüfung“ rollte, stammte von Pininfarina, genauso wie der Alfa Romeo 164 oder der Fiat 124 Spider. Apropos Fiat. Eines der frühesten Werke Pininfarinas war der Fiat 1200. Aber auch der Maserati Quattroporte des Jahres 2003 trug seine Handschrift. Das Können des begabten Italieners rief auch die stolzen Franzosen auf den Plan, die sonst nichts über die heimischen Formgeber kommen lassen. Autos wie das Peugeot 504 Coupé und das dazugehörige Cabrio trugen die bekannte Pininfarina-Plakette auf der Karosserie, genauso wie der „französische Mercedes“ Peugeot 404, der in den 1960er und 1970er-Jahren fast in jedem Film der Grande Nation vorkam.
Millionenschwere Schuldenlast
Doch Sergio Pininfarina war nicht nur ein fähiger Designer und ein cleverer Geschäftsmann, sondern auch ein Politiker, der 1979 in das Europäische Parlament gewählt und 2005 vom italienischen Präsidenten zum Senator auf Lebenszeit ernannt wurde. Allerdings ist die Lebensgeschichte des Designers auch mit Schicksalsschlägen verknüpft. Im Jahr 2008 verunglückte sein Sohn Andrea, dem er die Leitung des Familienimperiums übertragen hatte, als er auf einem Roller unterwegs war, tödlich. Zuvor musste Sergio mitansehen, wie sein Unternehmen in die tiefroten Zahlen rutschte, da ein lukratives Geschäftsfeld der Carrozzeria Pinin Farina, nämlich das Produzieren von Kleinserien im Auftrag von Automobilherstellern Mitte der 2000er-Jahre sukzessive wegbrach und tiefe Löcher in die Kassen riss. Dank moderner Produktionsanlagen- und -Prozesse konnten die Kunden diese Aufgabe in den eigenen Fabriken gewinnbringend durchführen. Außerdem mussten die Autobauer dafür Sorge tragen, dass ihre Fabriken ausgelastet waren, und da ist das eigene Hemd näher als die italienische Hose. So ansehnlich sie auch sein mag.
Die millionenschwere Schuldenlast drückte schon damals schwer auf das Unternehmen. Noch vor seinem Unglück hatte Andrea einen Sanierungsplan ausgearbeitet, den sein jüngerer Bruder auf Geheiß seines Vaters umsetzen sollte. Heute lebt der Geist Sergio Pininfarinas in zwei Firmen fort. An dem 1.900 PS Elektrorenner Pininfarina Battista hätte der 2012 verstorbene Sergio seine Freude. Schließlich entwarf er selbst anlässlich des 80. Geburtstag seines Unternehmens 2010 einen Zweisitzer-Sportwagen mit Elektroantrieb.
Autor:Wolfgang Gomoll, München, Stand: 2021-04-30 11:16:00
Fotos: press-inform / Ferrari










