Reportage: Jahresrückblick 2009 (1)

2009 war ein mutiges Autojahr: Viele Neuerscheinungen brachen mit Traditionen, sprengten althergebrachte Segmente oder machten gleich ein neues auf. Die besten Tabubrecher im Überblick.

Gegen den Mainstream

2009 war ein mutiges Autojahr: Viele Neuerscheinungen brachen mit Traditionen, sprengten althergebrachte Segmente oder machten gleich ein neues auf. Die besten Tabubrecher im Überblick.

Er schlug ein wie eine Bombe, der der Porsche Panamera. Die Fans der Marke waren sofort gespalten: Ein 911er mit vier Türen, was soll das denn? Sicher, auch ein BMW M5 und ein Maserati Quattroporte beweisen die Vereinbarkeit von Limousine und Sportlichkeit. Aber ein reinrassiger Sportler hat nun mal zwei Sitze und als Porsche sowieso Heck- oder Mittelmotor. Dachte man jedenfalls, bis der Panamera kam. Der längste Porsche aller Zeiten fährt sich nämlich wie ein echter Sportwagen und hat auch sonst typische Familienmerkmale – 400 bis 500 PS unter der Haube, Preise ab 94.575 Euro und eine schweineteure Optionsliste im gefühlten „Krieg und Frieden“-Format. Und ganz nebenbei bietet der Wagen mit 445 Litern Kofferraum und Anhängerkupplung eine ungewohnte Alltagstauglichkeit.

Aber ob die Rechnung auch aufgeht? Die Zuffenhausener bauen ganz auf den Haben-Wollen-Faktor. „Denken Sie ruhig weiter über Ihr berufliches Vorankommen nach. Die Frage nach dem Wie hat sich ja nun erledigt“ – so steht’s in der Werbebroschüre. Ob der Panamera der erhoffte große Erfolg wird, das wird sich aber nicht in Deutschland entscheiden. Die USA, der Nahe Osten oder der für Porsche immer wichtigere Markt China sprechen längst das Machtwort.

Die schwäbischen Sportwagenbauer schafften es übrigens gleich noch mal in die Tabubrecher-Liste, und zwar mit dem Porsche Cayenne Diesel. Ein Selbstzünder mit Porsche-Schriftzug, das kannte man bislang nur von den legendären roten Traktoren aus den 50ern. Nun wird auch im Cayenne genagelt. Nicht nur ökologische Gesichtspunkte spielten dabei eine Rolle – irgendwie muss Porsche schließlich seinen üppigen Flottenverbrauch reduzieren – sondern auch wirtschaftliche Argumente. „Wenn wir in einigen Markten weiter wachsen wollen, führt kein Weg am Diesel vorbei“, stellte Baureihen-Chef Klaus-Gerhard Wolpert bei der Präsentation des Autos klar. Die Zuffenhausener verdanken der Cayenne-Baureihe schließlich die Hälfte ihres Absatzes.

Den laufruhigen Dieselmotor spendet die neue Porsche-Mutter Volkswagen. So ganz geht das Konzept nicht auf: Der Antritt des 240 PS starken Selbstzünders enttäuscht ein wenig, der typische Porsche-Sound ist dahin und der Diesel-Cayenne ist nicht mal spritziger als ein vergleichbarer VW Touareg. Doch am Ende überwiegen vielleicht die praktischen Argumente. „Der Cayenne Diesel ist bestimmt ein gutes Zugfahrzeug, wenn man seinen Traktor auf dem Hänger transportiert“, freut sich Harald S. Stegen, Präsident des Porsche-Diesel Club Europa.

Auch in München mutete man 2009 den Auto-Fans starken Tobak zu. Der BMW 5er GT ist ein Wagen, über den man vieles sagen kann – übersehen wird man ihn auf der Straße ganz gewiss nicht. BMW hat wirklich ein neues Fahrzeugsegment erfunden, denn der fünf Meter lange 5er GT lässt den Betrachter ziemlich ratlos zurück. Ist es ein Familienkombi? Wohl kaum – zu breit, zu sehr auf Luxus getrimmt und viel zu teuer. Ein SUV? Dazu fehlt momentan noch der Allradantrieb. Eine Coupé-Limousine? Dafür ist der Wagen einfach zu plump, und auch das Kombi-Heck passt nicht dazu.

Statt den 5er GT einzuordnen, kann man ihn nur erfahren: Selten ließ sich ein so dickes Auto so flott und knackig bewegen, im Fond findet man fürstliche Platzverhältnisse vor und mit der zweigeteilten Kofferraumklappe ist die Münchner Grandezza enorm variabel. Dazu gibt es zahllose Hightech-Optionen wie Verkehrszeichenerkennung, Abstandstempomat oder Head-Up-Display. Voraussetzung für das neue BMW-Erlebnis ist allerdings ein prall gefülltes Konto. Unter 55.200 Euro geht nichts, das Top-Modell mit einem 407 PS starken V8-Motor kostet 75.300 Euro.

Ein ganz anderes Tabu haben die Japaner gebrochen. Der Toyota Prius III beeindruckt mit Mini-Verbrauch und Elektro-Modus, doch erst der Honda Insight hat bewiesen: Zukunft muss nicht teuer sein. Ein Hybridauto unter 20.000 Euro, das gab es auf dem deutschen Markt noch nie. Während BMW und Mercedes ihre neuen Teilzeitelektriker nur für astronomische Preise in der Oberklasse anbieten, will Honda den Volkshybrid – und tritt dabei mutig gegen eine gewaltige Armee sparsamer Dieselfahrzeuge an. Ein Versprechen immerhin wird eingelöst: Ein Durchschnittsverbrauch von 4 Litern pro 100 Kilometer ist mit dem 88 PS starken Insight in der Praxis durchaus machbar. Leider kann der Honda nicht mit dem Elektro-Modus des Prius aufwarten, nur für ganz kurze Strecken im Schubbetrieb bewegt der Elektromotor den Wagen ohne Hilfe des Benzinmotors. Und für den Basispreis von 19.950 Euro muss auf einiges verzichten. Der Tempomat zum Beispiel, den man in einem Hybridauto kaum missen möchte, ist erst im Top-Modell Elegance zu haben. Und sportliche Fahrleistungen darf man vom Insight natürlich auch nicht erwarten. Vielleicht bricht Honda aber bald ein weiteres Tabu: Auf der Tokio Motor Show kündigten die Japaner den CR-Z an, ein kleines Sport-Coupé mit Hybridantrieb. Man darf gespannt sein.

Das Wort „Crossover“ wird von Autoherstellern ziemlich inflationär gebraucht, doch beim Peugeot 3008 handelt es sich wirklich um einen Wandler zwischen den Welten. Nicht Van, nicht Kombi, nicht SUV – irgendwo dazwischen fährt der Peugeot einer unbestimmten Nische entgegen. Der Löwen-Eintopf macht außerdem Schluss mit der Allrad-Inflation: Statt vier angetriebener Räder gibt es ein ausgeklügeltes Antriebsschlupfsystem mit verschiedenen Funktionen. Mit dem dramatischen Wählschalter im Land Rover-Design gaukelt der 3008 natürlich etwas vor, das er nicht kann – doch wer braucht im Alltag schon Allradantrieb? Mit einem großzügigen Platzangebot und dem Panorama-Glasdach an Bord empfiehlt sich der komfortable 3008 als Familienkutsche und Reisewagen, auch wenn der Kofferraum nicht mehr schluckt als Kombis oder kompakte SUV. Die Preise starten 21.500 Euro (120 PS-Benziner). Für das Jahr 2011 soll der 3008 auch mit einem Diesel-Hybridantrieb zu haben sein, samt elektrisch angetriebener Hinterachse und Allradantrieb.

Für den schönsten Tabubruch des Jahres sind Mercedes und AMG zuständig: Der SLS hat gezeigt, dass auch mitten in der Krise ein Supersportwagen begeisterte Reaktionen hervorruft. Der kraftvolle Traum-Flitzer ist der erste Sportwagen, den AMG in Eigenregie entwickelt und nicht nur auf Basis eines bestehenden Mercedes-Modells aufgerüstet hat. Und endlich zeigt ein Sternträger wieder Mut zur Flügeltür. Dem Image der Marke könnte der SLS AMG ähnlich gut tun wie das der R8 bei Audi tat. Dass beide Autos für Otto Normalfahrer unerreichbar bleiben, tut dem wohl keinen Abbruch. Mit V8-Motor, 571 PS und einem Sprint von 0 auf 100 Sachen in 3,8 Sekunden darf sich der SLS AMG bei Aston Martin, Lamborghini und Co. einreihen. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe ist in Transaxle-Bauweise mit der Hinterachse verbunden. Der SLS fährt sich so dynamisch, wie er aussieht, auch wenn er fast 1,7 Tonnen Leergewicht mit auf die Piste bringt. 177.310 Euro hat man für den geflügelten Supersportler allerdings auf den Tisch zu legen. Manchmal muss man sich einen Tabubruch eben leisten können.

Autor:

Sebastian Viehmann, Stand: 2009-12-31 00:00:00
Fotos: Hersteller