Reportage: Mercedes Classic Center

In Zeiten von Budgetkürzungen und Etat-Schwund setzt die Erweiterung des Mercedes Classic Center in Fellbach ein Zeichen für die Zukunft.

Großangriff auf das automobile Erbe

Während fast die gesamte europäische Automobilbranche das eigene historische Erbe in Sonntagsreden beschwört, in der Praxis jedoch Budgets kürzt und Klassik-Abteilungen zusammenstreicht, setzt Mercedes-Benz ein unübersehbares Zeichen. Nur knapp 15 Minuten vom Stuttgarter Stamm-Museum entfernt feiert die Marke mit dem Stern die Erweiterung ihres Classic Centers in Fellbach.

Mit dem neuen Hallenkomplex, intern als „Fellbach II“ bezeichnet, verdoppeln die Schwaben auf einen Schlag ihre Kapazitäten und errichten den weltweit größten Restaurierungs-, Service- und Reparaturbetrieb für klassische Mercedes-Modelle.

Gegen den Trend: Echte Substanz statt leerer Sonntagsreden

Ein Blick auf die internationalen Klassik-Bühnen der vergangenen Jahre offenbart eine bittere Realität. Ob beim Goodwood Festival of Speed, der Mille Miglia, der Retromobile in Paris oder der Monterey Car Week – Hersteller von BMW über Porsche bis hin zu Stellantis oder Opel ziehen sich herstellerseitig spürbar zurück oder sparen bei ihren historischen Auftritten. Die Historie wird zwar gerne als Alleinstellungsmerkmal gegenüber aufstrebenden Marken aus China bemüht, verkümmert im harten Sparalltag jedoch nicht selten zum reinen Lippenbekenntnis.

Mercedes geht konsequent den entgegengesetzten Weg. Nach dem Aufbau des US-Standorts in einer ehemaligen Boeing-Halle in Long Beach vor vier Jahren schließt Mercedes-Benz Heritage mit Fellbach II seinen globalen Expansionskurs ab. Nach mehr als einjähriger Umbauzeit ist das Areal am Hauptstandort auf gigantische 18.000 Quadratmeter gewachsen.

18.000 Quadratmeter für den Stern: Alles wieder unter einem Dach

Unter der Leitung von Thomas Armbrecht bündelt MB Heritage in Fellbach das komplette Leistungsspektrum über sämtliche Epochen und Baureihen hinweg. Anstatt spezialisierte Arbeiten wie in der Vergangenheit oft an externe Betriebe auszulagern, holt Mercedes das Know-how mit Fellbach II wieder lückenlos ins eigene Haus. Die rund 10.000 Quadratmeter große Werkstattfläche beherbergt zehn Hebebühnen mit Doppelarbeitsplätzen, eine eigene Lackieranlage, einen Motorenprüfstand sowie Spezialmaschinen für die Metall- und Motorenkomponentenbearbeitung. Auch eigene Bereiche für Sattler- und Elektronikarbeiten wurden neu eingerichtet.

Das Angebot umfasst damit längst nicht mehr nur Reparatur und Wartung, sondern erstreckt sich von der Vollrestaurierung über den Fahrzeughandel und Begutachtungen bis hin zur weltweiten Ersatzteilversorgung. Wie Marcus Breitschwert, CEO von Mercedes-Benz Heritage, betont, unterstreicht dieser Meilenstein den Anspruch der Marke, höchste Qualität und Pflege der eigenen Geschichte mit dem Blick in die Zukunft zu verbinden.

Handwerkstradition und die Rettung des Fachwissens

Parallel zur räumlichen Expansion ist auch die Mannschaft vor Ort gewachsen. Von den aktuell 70 Mitarbeitern arbeiten allein 60 in den Werkstatthallen – und weitere Spezialisten sollen folgen. Standortleiter Thomas Armbrecht bezeichnet die Investition als bewusste Flucht nach vorn, um die Qualität sämtlicher Arbeiten wieder voll unter eigener Kontrolle zu haben – ganz gleich, ob es sich um einen unbezahlbaren 300 SL Flügeltürer oder einen Alltagsklassiker aus der Youngtimer-Ära handelt.

Um das immens wichtige Expertenwissen nicht austrocknen zu lassen, setzt Mercedes auf ein ausgeklügeltes Patenprogramm. Erfahrene Altmeister arbeiten dabei Hand in Hand mit jungen Nachwuchskräften zusammen, um traditionelle Handwerkstechniken nahtlos an die nächste Generation weiterzugeben. Dass die Truppe ganz nebenbei auch noch die konzerneigene Historien-Sammlung mit mehr als 1.100 Fahrzeugen und lückenlosen Archivunterlagen betreut, versteht sich von selbst. Mercedes beweist mit Fellbach II eindrucksvoll, dass Markenidentität nicht nur aus der Historie geholt werden darf, wenn Werbefilme gedreht werden – sondern dass man das automobile Erbe mit handfester Substanz pflegen muss.

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