Elektrisch, aber erkennbar Range Rover
Range Rover bringt mit dem Range Rover Electric die erste vollelektrische Version seines Flaggschiffs auf den Markt. Der britische Hersteller setzt dabei bewusst auf Kontinuität statt Neuerfindung und verspricht bis zu 550 PS Systemleistung sowie bis zu 600 Kilometer Reichweite. Ein erster Fahrbericht.
Wer bei einem neuen Elektro-Flaggschiff spektakuläre Design-Umbrüche erwartet, wird beim Range Rover Electric enttäuscht. Und das ist durchaus Absicht. „Range Rover first and Electric second“ lautet die Leitlinie des Herstellers, formuliert von Range-Rover-Chef Martin Limpert: „Wir sind keine Firma, die auf Biegen und Brechen Verkaufsvolumen generiert.“
Design: Zurückhaltung statt Technologie-Statement
Die optischen Änderungen fallen entsprechend überschaubar aus. Aerodynamisch optimiert wurden Kühlergrill und Räder, hinzu kommt ein angepasster Unterboden. Silhouette, hohe Sitzposition und das reduzierte Interieur bleiben im Wesentlichen unverändert gegenüber den Verbrenner- und Plug-in-Hybrid-Varianten. Die Elektrifizierung soll die Marke nicht verändern, sondern deren klassische Stärken Ruhe, Souveränität und mühelose Fortbewegung verstärken.

Plattform: Vor elf Jahren für Elektroantriebe vorbereitet
Technisch basiert der Range Rover Electric auf der modularen Längsarchitektur MLA-Flex, die auch dem Verbrenner und dem Plug-in-Hybrid des großen Range Rover zugrunde liegt. Bereits bei ihrer Entwicklung vor rund elf Jahren wurde die Plattform auf unterschiedliche Antriebsarten ausgelegt. Im Werk Solihull laufen dadurch Verbrenner-, Plug-in-Hybrid- und Elektromodelle mit kurzem und langem Radstand auf derselben Fertigungslinie. Der Preis für diese Flexibilität: Der Range Rover Electric verfügt über keinen Frunk. Beim Fahrwerk gibt es dagegen keine Kompromisse, der elektrische Range Rover erhält eine Zweikammer-Luftfederung mit adaptiver Dämpfung.

Antrieb: Zwei Motoren statt vier, bis zu 550 PS
Zwei von Jaguar Land Rover selbst entwickelte permanentmagnetische Elektromotoren leisten jeweils bis zu 260 kW (354 PS). Im Topmodell EV550 ergibt das eine Systemleistung von bis zu 405 kW (550 PS) bei 850 Newtonmetern Drehmoment; der EV450 kommt auf 331 kW (450 PS). Range Rover verweist darauf, dass die Leistung des stärkeren Modells auf dem Niveau des V8-Verbrenners liege. Der EV550 mit kurzem Radstand (SWB) beschleunigt in 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, der Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h dauert 2,7 Sekunden.

Bewusst verzichtet Jaguar Land Rover auf vier Einzelmotoren: Zusätzliche Maschinen würden Gewicht, Bauraum und Energiebedarf erhöhen, ohne einen entsprechenden Alltagsnutzen zu bieten. Und ein auf der Stelle wendender Range Rover würde eher irritieren als überzeugen. Der Stromverbrauch liegt beim SWB EV450 bei 23,0 kWh/100 km, beim SWB EV550 bei 23,2 kWh/100 km und beim viersitzigen EV550 mit langem Radstand bei 23,4 kWh/100 km.
Batterie und Laden: 800-Volt-System mit 350-kW-Schnellladen
Die Batterie wiegt etwas mehr als 700 Kilogramm und bietet eine nutzbare Kapazität von 118,5 kWh. Die 344 prismatischen Lithium-Ionen-Zellen sind in zwei übereinanderliegenden Ebenen angeordnet, das System arbeitet mit 800 Volt und verfügt über Split-Charging. An 350-kW-DC-Schnellladestationen lässt sich der Ladestand unter Idealbedingungen in rund 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent bringen.

Die maximale Reichweite beträgt bis zu 600 Kilometer. Da bei einem knapp fünf Meter langen Luxus-SUV nicht allein die Akkugröße über die Reichweite entscheidet, hat Range Rover ein eigenes Wärmemanagement namens ThermAssist entwickelt, das den Energiebedarf für die Heizung um bis zu 40 Prozent senken und bis zu 40 Kilometer zusätzliche Reichweite ermöglichen soll.
Geländetauglichkeit: Auch der Range Rover Electric ist ein echter Range
Das Integrated Traction Management regelt die Drehzahl der Elektromotoren innerhalb von 50 Millisekunden und soll Schlupf bis zu hundertmal schneller ausgleichen als ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Im Zusammenspiel mit Intelligent Driveline Dynamics und einem neuen Single-Pedal-Modus lässt sich das hohe Drehmoment fein dosieren. Der Range Rover Electric kann an Steigungen von bis zu 33 Grad anfahren und in Bewegung Neigungen von bis zu 45 Grad bewältigen; die Wattiefe beträgt 900 Millimeter, im Bedarfsfall bis zu 960 Millimeter.

Die erste Testfahrt zeigt: Dank einer speziell abgestimmten Gaspedalkennlinie, die ein zu abruptes Einsetzen des Drehmoments verhindert, lässt sich der Wagen auch auf Fels, Schotter und Sand intuitiv bewegen. Zu den bekannten Fahrmodi Eco, Normal und Dynamic kommen Offroad-Programme wie Auto, Snow, Mud, Rock Crawl, Sand und Wade Mode hinzu; die Luftfederung hebt die Karosserie im Gelände je nach Stufe um 35 oder 60 Millimeter an.
Fahrverhalten: Deutlich leiser, komfortabel abgestimmt
Auf der Straße überzeugt vor allem die Laufruhe: Der Geräuschpegel in der Fahrgastzelle liegt laut Range Rover sieben Dezibel unter dem des ohnehin leisen V8-Modells. Auf einen aktiven Querstabilisator verzichtet der Electric, das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt, wodurch die Karosserie spürbar nachwippt – passend zum betont komfortorientierten Charakter des Luxus-SUVs. Wie beim konventionell angetriebenen Range Rover unterstützt eine Hinterachslenkung mit bis zu 7,3 Grad Lenkwinkel die Handlichkeit in der Stadt. Die Anhängelast beträgt 2,5 Tonnen.

Preis des Range Rover Electric
In Deutschland startet der EV450 bei 163.500 Euro, der EV550 ist ab 180.100 Euro erhältlich. Angeboten werden Varianten mit kurzem und, je nach Markt, langem Radstand sowie die bekannten Ausstattungslinien SE, HSE und Autobiography bis hin zu SV, SV Ultra und SV Black; zusätzlich gibt es eine First Edition. Laut Hersteller haben weltweit bereits 77.000 Menschen ihr Interesse am neuen Topmodell angemeldet, rund 70 Prozent davon kommen von anderen Marken.
Fazit
Der Range Rover Electric zeigt, dass sich ein konsequent zurückhaltendes Elektrifizierungskonzept nicht zwangsläufig gegen technische Substanz ausschließt. Kritisch anzumerken bleibt der fehlende Frunk als Kompromiss der flexiblen Plattform sowie die vergleichsweise späte Markteinführung. Stärken wie die niedrigen Geräuschwerte, die Geländetauglichkeit und die hohe Ladeleistung sprechen jedoch für ein rundum durchdachtes Gesamtpaket.
Technische Daten: Range Rover Electric
- Antrieb: 2 permanentmagnetische Elektromotoren (Allrad)
- Systemleistung EV550: 405 kW / 550 PS, 850 Nm
- Systemleistung EV450: 331 kW / 450 PS
- Beschleunigung 0–100 km/h (EV550 SWB): 4,5 s
- Zwischenspurt 80–120 km/h (EV550 SWB): 2,7 s
- Stromverbrauch: 23,0–23,4 kWh/100 km (je nach Variante)
- Batteriekapazität (nutzbar): 118,5 kWh
- Batteriegewicht: rund 700 kg
- Ladeleistung: bis 350 kW DC (800-Volt-System)
- Ladezeit 10–80 %: rund 22 min (Idealbedingungen)
- WLTP-Reichweite: bis zu 600 km
- Wattiefe: 900 mm (bis 960 mm im Bedarfsfall)
- Anhängelast: 2,5 t
- Plattform: MLA-Flex
- Preis: ab 163.500 Euro (EV450) / ab 180.100 Euro (EV550)










