Eine Prise Motorsport-Gefühl
Der Kia EV4 GT signalisiert bereits optisch Dynamik, verspricht mit virtuellen Gängen und Motorsound zusätzliches Fahrerlebnis. Die tatsächliche Mehrleistung gegenüber der bereits erhältlichen Allradversion fällt jedoch mit 20 kW (27 PS) überschaubar aus. Stattdessen setzt Kia auf Agilität und Fahrwerksabstimmung.
Wer beim Kürzel GT an deutlich mehr Leistung denkt, sollte seine Erwartungen allerdings etwas relativieren. Trotzdem zeigt sich im Test, dass der GT durchaus eigene Qualitäten mitbringt.

Markenstrategie: GT als bekanntes Prinzip aus der Verbrennerwelt
Der Trend zur optisch und markentechnisch aufgewerteten Sportvariante ist in der Autoindustrie nichts Neues: BMW nutzt dafür das M Sportpaket, Audi die S line, Hyundai die N Line. Alle diese Ausstattungslinien orientieren sich an den jeweiligen Performance-Modellen der Marke und verkaufen sich bei Verbrennern gut. Kia überträgt dieses Prinzip nun auf den elektrischen EV4.
„GT steht für Spaß beim Alltagsfahren“
Francesco Conti, Produktmanager
Um entsprechende Emotionen zu wecken, hat Kia dem EV4 GT virtuelle Gänge inklusive Drehzahlbegrenzer sowie einen nachempfundenen Motorsound spendiert – eine Anleihe beim Hyundai Ioniq 5 N. Der Sound dürfte bei potenziellen Kundinnen und Kunden unterschiedlich ankommen, lässt sich aber bei Bedarf auch abschalten.
Antrieb: 292 PS Systemleistung aus zwei unterschiedlichen Motoren
Technische Basis des EV4 GT bleibt die 400-Volt-Version der E-GMP-Plattform mit einer Batteriekapazität von 81,4 kWh, die für bis zu 505 WLTP-Kilometer reicht.
Während der Basis-EV4 mit Vorderradantrieb 150 kW (204 PS) leistet und die seit Sommer erhältliche Allradversion auf 195 kW (265 PS) kommt, setzt der GT auf eine Kombination aus zwei unterschiedlichen Motortypen: Vorne arbeitet eine Permanentmagnet-Synchronmaschine (PSM) mit 145 kW (197 PS) und 283 Nm Drehmoment, an der Hinterachse kommt eine Asynchronmaschine (ASM) mit 70 kW (95 PS) und 185 Nm zum Einsatz. In Summe ergibt das eine Systemleistung von 215 kW (292 PS) und 468 Nm Drehmoment.

Die Asynchronmaschine schaltet sich dabei nur bei Bedarf blitzschnell zu und läuft ansonsten elektrisch deaktiviert nahezu ohne Schleppverluste mit – ein Ansatz, der Effizienz und punktuelle Mehrleistung verbindet, gleichzeitig aber erklärt, warum der Leistungszuwachs gegenüber der Allradversion moderat bleibt.
Bei der Testfahrt, die auch zügigere Streckenabschnitte einschloss, ergab sich ein Verbrauch von 19,8 kWh/100 km, nur 1,9 kWh/100 km mehr als im Datenblatt angegeben. Mit einem Herstellergewicht von 1.985 Kilogramm beschleunigt der EV4 GT in 5,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h, bei 170 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Für eine Sportvariante ist das ein vergleichsweise früh erreichtes Limit.
Fahrwerk: agiles Handling, aber straffe Abstimmung
Kia positioniert den EV4 GT gezielt für Fahrspaß auf Landstraßen statt auf der Autobahn. „Der EV4 GT ist im Grunde identisch mit dem EV3 GT, aber aufgrund des Schwerpunktes und des Karosseriedesigns dynamischer“, beschreibt Francesco Conti die Ausrichtung. Der 4,45 Meter lange GT löst dieses Versprechen im Test weitgehend ein: Die eDTVC (Electric Dynamic Torque Vectoring Control) funktioniert überzeugend und koordiniert Motor- sowie Bremseingriffe rein softwarebasiert, ein mechanisches Sperrdifferenzial ist nicht verbaut.
Der Wagen lenkt willig ein und lässt sich zügig um Kurven bewegen, ohne den Fahrer stark zu fordern. Diese Agilität erkauft sich der GT allerdings mit einem straffen Fahrwerk, das auf unebenem Asphalt spürbar wird: Federn und Dämpfer arbeiten nicht immer geschmeidig, wozu auch die montierten 20-Zoll-Räder beitragen.

Die Achskinematik bleibt gegenüber den übrigen EV4-Versionen unverändert – vorne McPherson-Federbeine, hinten eine Vierlenkerachse. Verändert wurden hingegen Federraten, Querstabilisator-Abstimmung, Dämpferkennfelder sowie ein eigenes, direkter abgestimmtes Lenkgetriebe.
Zusätzlich verfügt nur der GT über die elektronische Dämpferregelung ECS, bei der eine Frontkamera die vorausliegende Fahrbahn erfasst und die Dämpfkraft entsprechend anpasst. In den Fahrmodi Eco, Normal, Sport und GT verändern sich Lenkungsrückstellkräfte und Gaspedalansprechverhalten spürbar; im GT-Modus lässt das ESP dem Heck mehr Freiraum, was die Querdynamik unterstützt. Ein zweiter Druck auf den GT-Taster am Lenkrad aktiviert ein individuell konfigurierbares Fahrprogramm. Im Alltag überzeugen zudem die Sportsitze mit gutem Seitenhalt bei gleichzeitigem Komfort.
Laden: 400-Volt-Technik mit überschaubarer Ladeleistung
Anders als die Modelle EV6 und EV9 nutzt der EV4 nicht die 800-Volt-Architektur, sondern eine 400-Volt-Variante. Die maximale DC-Ladeleistung liegt entsprechend bei 128 kW, womit der Akku in 31 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen ist.

An der heimischen Wallbox lädt der GT dreiphasig mit 11 kW, ein vollständiger Ladevorgang von 10 auf 100 Prozent dauert dabei 7 Stunden und 15 Minuten. Der optionale 22-kW-Onboard-Charger für 990 Euro verkürzt diese Zeit auf 3 Stunden und 55 Minuten. Serienmäßig an Bord sind Plug-and-Charge, eine Batterievorheizung sowie Vehicle-to-Load (V2L) mit bis zu 3,6 kW.
Innenraum: solide Verarbeitung, klare Bedienung
Der Innenraum des GT zeigt sich vergleichsweise zurückhaltend gestaltet: Neongrüne Sicherheitsgurte, passende Akzente an den Sitzen, eine 12-Uhr-Markierung am Dreispeichenlenkrad sowie gleichfarbige Bremssättel markieren die Topversion. Die Verarbeitung ist solide und die Flächen sind sauber gefügt, wobei sich bei genauerem Hinsehen und -fühlen Hartplastik-Elemente finden – der Gesamteindruck bleibt dennoch hochwertig.

Das Panoramadisplay gliedert sich in ein 12,3 Zoll großes digitales Instrumentendisplay, einen 5,3-Zoll-Touchscreen für die Klimatisierung sowie einen weiteren 12,3-Zoll-Touchscreen. Wer aktuelle Hyundai- und Kia-Modelle kennt, findet sich schnell zurecht; Apple CarPlay und Android Auto funktionieren kabellos. Für Temperatur, Lautstärke und zentrale Menüpunkte stehen echte Tasten und Wipptasten zur Verfügung. Weniger gelungen ist die Position des kleinen Klimadisplays, das je nach Sitzposition teilweise hinter dem Lenkradkranz verschwindet. Ein Head-up-Display ergänzt das Gesamtpaket.
Preis des Kia EV4 GT
Der Kia EV4 GT kostet 57.840 Euro. Damit liegt er 5.900 Euro über dem 195 kW (265 PS) starken GT-Line AWD und 9.110 Euro über dem leistungsgleichen Earth AWD mit demselben Zweimotor-Konzept. Zum Vergleich: Der Cupra Born VZ (240 kW/326 PS) ist bereits für 50.990 Euro erhältlich, der MG4 XPower (320 kW/435 PS) sogar für 46.990 Euro.
Technische Daten: Kia EV4 GT
- Typ: Kompaktklasse
- Motor: zwei Elektromotoren (PSM vorn, ASM hinten)
- Systemleistung: 215 kW (292 PS)
- Max. Drehmoment: 468 Nm
- Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h
- Beschleunigung 0–100 km/h: 5,6 s
- Antrieb: Allrad
- Batterie: 81,4 kWh
- Reichweite (WLTP): bis zu 505 km
- Verbrauch (Datenblatt): 17,9 kWh/100 km
- Verbrauch (Testfahrt): 19,8 kWh/100 km
- CO₂-Ausstoss: 0 g/km
- Effizienzklasse: A
- Gewicht (Herstellerangabe): 1.985 kg
- Max. Zuladung: 400 kg
- Abmessungen (L/B/H): 4.450 / 1.860 / 1.495 mm
- Max. Ladevolumen: 359 l
- Max. DC-Ladeleistung: 128 kW
- Ladezeit 10–80 % (DC): 31 Minuten
- Ladezeit 10–100 % (AC, 11 kW): 7 h 15 min (mit optionalem 22-kW-Lader: 3 h 55 min)
- Preis: 57.840 Euro













