Eine Legende wird hundert
Die Route 66 gilt als eine der bekanntesten Straßen der Welt und feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Für die Jubiläumstour durch acht US-Bundesstaaten kommt bewusst kein moderner Mietwagen zum Einsatz, sondern ein International Harvester Scout II aus dem Modelljahr 1979, ausgestattet mit Allradantrieb, Leiterrahmen und ausreichend Bodenfreiheit für die noch unasphaltierten Streckenabschnitte.
Wer bei der Route 66 an American Diner, Hollywood-Filme und Motels denkt, liegt richtig, denn kaum eine Straße hat die amerikanische Popkultur so geprägt wie diese Verbindung zwischen Chicago und Santa Monica.

Geschichte: Vom Straßenflickenteppich zur Legende
Im November 1926 wurde die Route 66 offiziell eröffnet, eine damals rund 4.000 Kilometer lange Verbindung zwischen Downtown Chicago und dem Santa Monica Pier an der Westküste, die in den ersten Jahrzehnten überwiegend aus unasphaltierten Straßenstücken bestand. Die Idee einer Ost-West-Verbindung existierte bereits seit den späten 1910er Jahren, als sich das Automobil allmählich durchsetzte. Im Frühjahr 1926 wandte sich der Unternehmer Cyrus Stevens Avery (1871-1963) aus Springfield, Missouri, an die US-Regierung mit dem Vorschlag, die seit Jahren proklamierte Ost-West-Straßenverbindung offiziell „Route 66″ zu nennen. Abgesehen von der Seidenstraße dürfte kaum ein Straßenzug der Weltgeschichte einen vergleichbaren Bekanntheitsgrad erreicht haben.
Ursprünglich diente die Straße vor allem dazu, dünn besiedelte Regionen im mittleren Westen mit Absatzmärkten in Städten wie Springfield, Saint Louis oder Chicago zu verbinden und Anschluss an große Eisenbahnknotenpunkte im Westen zu schaffen. Schriftsteller John Steinbeck widmete der Landflucht der Bauernfamilien aus dem Mittleren Westen in seinem Roman „Grapes of Wrath“ aus den 1930er Jahren ein literarisches Denkmal, dem zahlreiche weitere Bücher und Filme folgten.

Warum ausgerechnet ein Scout II
Für die Tour wurde bewusst ein International Harvester Scout II gewählt, ein Modell, das zwischen den frühen 1960er und den späten 1970er Jahren vom ehemaligen Landmaschinenhersteller International Harvester produziert wurde. Nach Problemen mit den Gewerkschaften trennte sich das Unternehmen in den 1980er Jahren von seiner Landwirtschaftssparte und firmierte fortan als Navistar, heute eine Tochtergesellschaft von VW Nutzfahrzeuge. Volkswagen hat den historischen Modellnamen Scout inzwischen als neue Offroadmarke für den US-Markt wiederbelebt und plant, ab dem Jahr 2028 elektrifizierte Pick-ups und Geländewagen unter den Namen Traveler und Terra auf den Markt zu bringen.
Der für die Tour genutzte Scout II ist hellblau lackiert, weist reichlich Patina auf, befindet sich aber in einem exzellenten technischen Zustand. Unter der Motorhaube arbeitet ein 5,7 Liter großer V8-Motor mit 345 Kubikzoll Hubraum, der 132 kW beziehungsweise 180 PS leistet. Trotz der überschaubaren Leistung benötigt der durstige Achtzylinder über die gesamte Streckenlänge von mehr als 2.500 Meilen regelmäßige Tankstopps.

Verwechslungsgefahr: Kein Ford Bronco
Immer wieder wird der Scout II unterwegs für einen Ford Bronco gehalten, tatsächlich hat das Fahrzeug jedoch außer einem ähnlichen Frontdesign wenig mit dem Ford-Modell gemein und fällt deutlich größer aus. Diese Verwechslung zieht sich durch nahezu die gesamte Tour und sorgt an Tankstellen regelmäßig für Gesprächsstoff mit anderen Reisenden.
Wo moderne Technik an ihre Grenzen kommt
Die klimatischen Bedingungen entlang der Strecke stellen sowohl Fahrzeug als auch Insassen vor Herausforderungen. Während zu Beginn der Reise am Santa Monica Pier noch Temperaturen um 30 Grad Celsius herrschen, steigen die Werte in den Wüstenregionen auf über 45 Grad, bei Needles am Colorado River sogar auf mehr als 47 Grad Celsius. Die serienmäßige Klimaanlage des Scout II erweist sich dabei als wichtige Ausstattung, wird jedoch an steileren Bergaufpassagen bewusst abgeschaltet, um Motor und Antriebsstrang zu schonen.
Ein besonderes technisches Kapitel bildet das sogenannte Jericho Gap zwischen Alanreed und Groom in Texas, eines der bis heute unasphaltierten Teilstücke der historischen Route 66. Auf rund 19 Meilen Schotter, Lehm und Geröll, inklusive einer Wasserfurt, zeigt sich, weshalb für diese Tour explizit ein Fahrzeug mit Leiterrahmen und Allradantrieb gewählt wurde, denn hier zählen Geländeeigenschaften deutlich mehr als reine Motorleistung.

Streckenverlauf: Acht Bundesstaaten, viele Kontraste
Die Tour verläuft entgegen der üblichen Fahrtrichtung von West nach Ost und führt über Stationen wie Barstow, Needles, Albuquerque, Amarillo, Oklahoma City, Tulsa und Saint Louis bis nach Chicago. Historisch bedeutsame Abschnitte wie die Central Avenue in Albuquerque, die seit 1937 Teil der Route 66 ist, oder das Jericho Gap in Texas wechseln sich mit modernen Stadtansichten wie in Oklahoma City ab. Auffällig ist der unterschiedliche Umgang mit dem Jubiläum: Während der 100. Geburtstag an den meisten Orten kaum wahrnehmbar ist, zeigen sich Orte in Oklahoma wie Clinton, Weatherford oder El Reno auffällig herausgeputzt.
Seit Fertigstellung der Interstate 40 in den 1980er Jahren verläuft die historische Route 66 größtenteils parallel zu dieser modernen Fernstraße, die den Großteil des Verkehrs übernommen hat. Viele der einst florierenden Motels entlang der alten Strecke, etwa das bekannte Wigwam-Hotel in Holbrook, haben deutlich bessere Zeiten gesehen und dienen heute mehrheitlich als Fotomotive.

Kleinere Ausfälle auf großer Distanz
Trotz seines Alters absolviert der Scout II die gesamte Strecke weitgehend zuverlässig. In Saint Louis kommt es zu technischen Problemen mit Zündschloss und Gaszug, die mangels verfügbarer Werkstattkapazitäten provisorisch mit Klebeband und Kunststoffteilen behoben werden müssen. Dieser Reparaturbehelf hält zwar grundsätzlich, muss auf den letzten rund 150 Meilen der Strecke jedoch zweimal nachgebessert werden, bevor das Fahrzeug sein Ziel in Chicago erreicht.
Zwischenstopps: Kontraste zwischen Verfall und Feierlaune
Entlang der Strecke offenbaren sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen. In Winslow, Arizona, sorgt die durch den Eagles-Song bekannte Straßenkreuzung mit dem großen Route-66-Logo noch immer für regen Besucherverkehr, während das Angebot an soliden Übernachtungsmöglichkeiten in diesem Streckenabschnitt insgesamt überschaubar bleibt. Viele der einstigen Motels dienten in der Nachkriegszeit als wichtige Infrastruktur für Reisende auf der Suche nach einem besseren Leben im Westen, heute sind zahlreiche dieser Gebäude verfallen und werden allenfalls noch für Erinnerungsfotos genutzt.
Einen deutlichen Kontrast dazu bildet Oklahoma City, das sich als moderne, saubere Großstadt präsentiert, anders als die meisten ländlich geprägten Stationen der bisherigen Route. Auch die Stadt Tulsa, einst als „Welthauptstadt des Öls“ bekannt, bietet mit ihren historischen Wahrzeichen zusätzliche Sehenswürdigkeiten abseits der reinen Streckenführung. Nach Tulsa wird die Landschaft in Richtung Saint Louis zunehmend eintöniger, größere Attraktionen bleiben mit Ausnahme von Städten wie Joplin oder Springfield eher rar gesät.

Robustheit vor Komfort
Der Ölverbrauch des Scout II fällt im Vergleich zum Kraftstoffverbrauch angenehm gering aus, regelmäßiges Nachfüllen ist über die gesamte Tour kaum notwendig. Deutlich anspruchsvoller gestaltet sich dagegen die Suche nach geeigneter Verpflegung entlang der Route, insbesondere abseits der größeren Städte beschränkt sich das gastronomische Angebot häufig auf einfache Frühstücksoptionen.
Bemerkenswert ist zudem der Umgang mit den verbliebenen unasphaltierten Streckenabschnitten. Neben dem bereits erwähnten Jericho Gap in Texas findet sich in der Nähe von Miami, Oklahoma, ein weiteres unbefestigtes Teilstück der historischen Route 66, heute unter der Bezeichnung „S 540 Road“ bekannt. Auch hier zeigt der Scout II seine Geländequalitäten in staubiger Umgebung, was die Wahl dieses spezifischen Fahrzeugtyps für die gesamte Tour nachträglich bestätigt.











