Ringen um Prozente
Der Wettlauf gegen die Zeit, zeigte, wie schnell der Porsche Taycan lädt, die präzise die Software arbeitet und wie langstreckentauglich dieses Auto ist.
Die Herausforderung prangt in großen Ziffern auf der Tür des Taycan Cross Turismo 4S 1.111 Kilometer. Die Strecke, die wir heute so schnell wie möglich zurücklegen sollen. Vier Ladestationen sind vorgeschrieben: In Bingen, in Würzburg, in Ingolstadt sowie am Start- und Zielpunkt in Koblach im österreichischen Vorarlberg. Ein ganz ordentlicher Riemen also, den wir da runterreißen sollen. Die Porsche-Truppe heizt den Ehrgeiz an: „Die Bestzeit liegt bei elf Stunden.“ Nur um dann gleich nachzulegen: „Zwei sind liegen geblieben, weil ihnen der Strom ausgegangen ist.“
Diese Worte sind in unserem Hirn eingebrannt, als wir gemeinsam mit einem Berliner Kollegen in den 440 kW / 598 PS starken Stromer steigen. Liegengeblieben! Die Urangst eines jeden Elektroautofahrers. Als wir den Knopf links neben dem Lenkrad drücken, erwacht der Zuffenhausener Power-Stromer. Was wir sehen, als wir das erste Ziel, die Ladestation in Bingen aktivieren, verjagt die Müdigkeit aus den Gliedern und ersetzt diese durch Adrenalin. Die Software prognostiziert, dass wir mit einem Ladezustand von minus 22 Prozent das rettende Ufer der Stromtankstellen erreichen würden. Minus 22 Prozent! Schockschwerenot! Wir sehen uns schon als drittes Team der Taycan Challenge gestrandet am Straßenrand stehen und den Mitarbeiter des Abschleppdienstes mitleidig lächeln, während der 192.000-Euro-Porsche am Haken hängt.
Wir wagen das Abenteuer. Auch wenn wir wissen, dass die Kalkulation des Systems auf der Durchschnittsgeschwindigkeit der Vorfahrer basiert und die letzten beiden Etappen deutlich schneller sind, als die erste, bleibt ein mulmiges Gefühl. Also lassen wir es langsam angehen. Erst einmal die Ladestand- Vorhersage ins Positive bringen und dann sehen wir weiter. Vor uns liegen 441 Kilometer, ehe der E-Porsche wieder Strom saugen darf. Also schleichen wir mit 100 km/h über die nebelverhangene Autobahn, während die Kollegen-Konkurrenten winkend an uns vorbeiziehen. Wir deaktivieren den Charging Planner, denn das System schlägt uns Ladestopps vor, die bei der Taycan Challenge verboten sind. Wir dürfen uns nur bei den vier Porsche Charging Lounges Energie abholen.
Komfort beim Porsche-Laden
Die ersten Kilometer sind zurückgelegt, doch die Ankunftsanzeige will einfach nicht sinken. Immer noch grinst uns eine rote zweistellige Zahl im Instrumentendisplay hämisch an. Also wollte sie uns sagen: „Vergesst es, das schafft ihr nie!“. Doch nach zahlt sich der leichte Gasfuß aus und die Voraussage sinkt. Als die rote Zahl einstellig wird, atmen wir erleichtert auf. Erstmals schimmert ein Silberstreif am Stromer-Horizont. Als die orangene Eins im Display endlich signalisiert, dass wir nicht liegenbleiben werden, wenn wir dieses Tempo halten, feiern wir das wie einen Lottogewinn. Die Höchststrafe scheint abgewendet. Jetzt wendet sich das Blatt, die Prognose steigt. Als wir bei fünf Prozent stehen, gehen wir in die Geschwindigkeits-Offensive und geben Gas. Nach und nach überholen wir die anderen Taycans. Der Kampf um die orangene Eins, der Sicherheits-garantierende Ladezustand, dauert unverändert an. Jeder Sprint lässt die Prozentzahl wieder sinken. Wir behalten die Anzeige stets im Blick und aktivieren die Batteriekonditionierung, um den Boxenstopp so kurz wie möglich zu halten. Wir liegen fast eine Punktladung hin und rollen mit nur zwei Prozent an die Säulen der Porsche-Ladestation in Bingen.
Bingen? Kein Ort, der einem sofort einfällt, wenn man an eine Stromtankstelle denkt. Doch die Porsche Elektro-Strategen wissen genau, was sie tun. Deshalb eröffnen sie die ihre Ladestationen an den Hauptverkehrsadern, die von den Taycan-Fahrern am häufigsten genutzt werden. Also auch diese, unweit des Autobahndreiecks A60/A61. Der kleine Schlenker lohnt sich. An den Porsche-Tankstellen sind alle Ladepunkte überdacht, es gibt eine Lounge, in der man Getränke und Snacks kaufen kann, und sie bieten deutlich mehr Komfort als jene Standard-Ladesäulen, die oft in der hintersten Ecke eines schmucklosen Autobahnparkplatzes stehen.
Hohe Ladeleistung
Während der Taycan mit bis zu 318 kW an der Energieflasche nuckelt, legen wir uns den Schlachtplan für die nächsten Stunden fest. Einfach losballern wäre nicht zielführend. Bis zur nächsten Stromtankstelle in Würzburg sind es 190 Kilometer. Maximal vier Stationen stehen zur Verfügung. Bei der Taycan-Challenge sind es aber sechs Autos dabei. Wer zu spät kommt, muss warten. Also wird der Stecker bei 75 Prozent gezogen und los geht es. Der Plan geht auf. Knapp hinter den Kollegen aus Schweden passieren wir als Zweite die Schranke der nächsten Ladestation in Würzburg. Also raus aus dem Auto und sofort einstöpseln. Die Ladestands-Anzeige meldet neun Prozent. Nach und nach trudeln die anderen Autos ein, während bei uns der Ladezustandsbalken schnell steigt.
Während der Porsche, wie alle anderen übrigens auch, zeitweise mit mehr als 300 kW Strom nachfüllen (unser Taycan schaffte sogar die Maximalleistung von 320 kW), schmieden wir an den Schlachtplan für die letzten beiden Etappen. Die Erfahrung der letzten mehreren hundert Kilometer zeigt, dass die Ladezustandssoftware sehr genau arbeitet. Allerdings bedeutet Null auch Null. Die Batterie quasi zu überfahren ist also zu riskant. Ein genaues Studium der Strecke hilft. Hinter Frankfurt ist die A3 in Richtung Nürnberg ausgebaut und es gibt Tempolimit. Danach folgt eine längere Baustelle, bevor die Bahn bis Ingolstadt wieder freier wird. Also lieber etwas mehr laden, um länger ein höheres Tempo fahren zu können. Während sich die ersten bereits auf den Weg machen, gönnen wir der Batterie noch ein paar Extra-Prozent. Wir beenden das Tanken bei 79 Prozent. Der Schachzug zahlt sich auch. Wir legen einen ausgedehnten Zwischenspurt hin und erreichen Ingolstadt als Erste.
Siegesbilanz
Jetzt geht es auf die Zielgerade und die Taktik wird noch entscheidender. Denn der Flaschenhals München mit seinen Staufallen auf der Umgehungsautobahn A99 steht zwischen uns und dem Triumph. Also lieber einen Umweg über die A8 und dann auf der A7 wieder bis zur A96 kreuzen? Das schwedische Team wählt genau diese Taktik. Wir wissen: Sie haben weniger geladen und müssen einen weiteren Weg zurücklegen. Der Blick auf die Uhr fließ ebenfalls in die Strategie ein: Wie schaut es mit dem Feierabendverkehr aus, wenn man hochgerechnet am Nadelöhr der bayerischen Hauptstadt ankommt? Die Entscheidung ist schnell getroffen, wir bleiben auf der vorgegebenen Route. Auch wenn der Verkehr zweimal stockt, kommen wir gut durch und rollen als erstes Auto in Koblach durch das Ziel.
In 10 Stunden und 45 Minuten haben wir genau 1.111 Kilometer und 800 Meter zurückgelegt und damit sogar den Gesamtsieg von allen 18 Zweierteams geholt, die sich an drei Tagen dieser Herausforderung gestellt haben. Der Verbrauch pendelte sich bei 25,5 kWh/100 km ein. Was noch viel wichtiger ist, ist die Bilanz nach diesem Langstrecken-Ritt: Wir haben 53 Minuten an den Stromtankstellen verbracht und dabei insgesamt 315 kWh geladen, da wir das Auto am Ziel wieder vollgetankt haben. Die Kosten: 123 Euro. Die ambitionierte Fahrt im Porsche Taycan Cross Turismo 4S verlief problemlos. Wir sind nach einer solchen Distanz selten so entspannt ausgestiegen, wie diesmal. Die E-Power verleiht eine beruhigende Souveränität, das hydraulische Fahrwerk ist ausgezeichnet und die Sportsitze sind absolut langstreckentauglich. Reichweitenangst ist mit diesem Auto kein Thema mehr. So oder so.










