Dynamische Poesie
Der BMW 635 CSi verkörpert alles, was BMW bis heute definiert. Eine elegante Silhouette kombiniert mit einem seidenweich hochdrehenden Sechszylinder. Wir zelebrieren eine Ode an den Münchner Gran Turismo. Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag an den BMW 6er. Seine beste Variante 635 CSi kam allerdings erst ein paar Jahre später.
Nelson Piquet am Steuer eines BMW – Anfang der 1980er-Jahre ist das weit mehr als ein Werbegag. Der Formel-1-Weltmeister ist das Gesicht der Marke. Zur Einführung des neuen M635 CSi übernimmt Nelson Piquet die Hauptrolle in einem BMW-Präsentationsfilm und zeigt, dass Fahrfreude nicht zwangsläufig Spoiler, Slicks und fast 1.000 PS benötigt. Dieses Attribut gilt für die gesamte Sechser-Baureihe, die immerhin schon seit 1976 auf dem Markt ist, nicht nur für den M635 CSi. Ist deswegen der BMW 635 CSi nur die zweite Wahl? Nein! Er ist ein anderes Konzept. Kein kompromissloser Sportwagen. Er ist ein Gran Turismo alter Schule – gebaut für lange Etappen mit hohem Tempo, einem kultivierten Reihensechszylinder und einer zeitlosen Eleganz.

Unter der langen Haube des bayerischen Gran Turismo arbeitet ein Motor, der den Ruf von BMW über Jahrzehnte mitbegründet hat: der M30. Der Reihensechszylinder mit Graugussblock, Aluminium-Zylinderkopf sowie einer obenliegenden Nockenwelle entwickelt 160 kW / 218 PS bei 5.200 U/min sowie 304 Newtonmeter Drehmoment. Vierventiltechnik oder anderer moderner Schnickschnack sind überflüssig. Stattdessen setzt der M30 auf zwei Ventile pro Zylinder, eine Bosch-Motronic-Einspritzung und – ganz klassisch – vor allem auf Hubraum. Um genau zu sein: 3.453 Kubikzentimeter.
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Diese Mechanik-Attitüde passt zum Charakter des BMW 635 CSi. Er dreht nicht nervös hoch, sondern schiebt bereits aus niedrigen Drehzahlen mit beeindruckender Souveränität an. Je weiter der Drehzahlmesser steigt, desto seidiger läuft der Sechszylinder, bis er seinen sonoren, metallisch warmen Klang entfaltet – genau jenes unverwechselbare Timbre, das Generationen von BMW-Fahrern begeistert – und nicht nur sie. Der M30 will keine Rennmaschine sein. Er ist ein kultivierter Kraftspender, dessen Laufkultur, Elastizität und Standfestigkeit ihn zu einem Motor machen, von dem bis heute an den Stammtischen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen geschwärmt wird.

Damit vervollständigt das Triebwerk eine Symbiose, wie es sie heute kaum mehr gibt. Der 635 CSi ist kein mit Proteinen vollgepumpter Kraftsportler, der im Asphalt-Bankdrücken neue Rekorde aufstellt, aber eben auch kein Amateur, der nach zwei Minuten auf dem Ergometer schon nach Luft ringt. Dieser Sechser ist ein Reise-Coupé, wie man es sich wünscht. Souverän, aber niemals hastig, und schnell, wenn man es will. Oder anders gesagt: das Beste aus zwei Welten. Die Federung ist nicht sportlich straff und die Lenkung nicht ultra-direkt. Trotzdem ist jeder Meter in dem 45 Jahre alten Gefährt ein Genuss.
Optisch auf jeden Fall. Poesie. So kann man auch Paul Bracqs Entwurf für ein Sportcoupé beschreiben. Der BMW ist keine plakative Sportwagenpose. Er verkörpert dynamische Eleganz, gezeichnet mit einem Gefühl für zeitlose Proportionen, die begeistert. Bereits im Stand strahlt der 635 CSi lässige Dynamik aus. Die flache Haifischnase drängt nach vorn, die Doppelscheinwerfer lugen konzentriert unter der Motorhaubenkante hervor, und hinter den schmalen Säulen spannt sich ein luftiges Glashaus. Hinzu kommen die lange Haube, der kurze Heckabschluss und jene feinen Linien, die keine Muskeln modellieren müssen, weil die Proportionen längst alles gesagt haben.

Das Ereignis BMW 635 CSi endet nicht mit der Silhouette. Es setzt sich beim Einsteigen nahtlos fort. Die Tür fällt mit jenem satten Geräusch ins Schloss, das noch ohne Akustikingenieure auskommt. Dahinter wartet kein verspielter Salon, sondern ein mit Leder ausgestatteter Arbeitsplatz. Die Mittelkonsole neigt sich dem Fahrer entgegen und die klar gegliederten Rundinstrumente befinden sich in seinem Blickfeld. Schalter und Regler sind dort angeordnet, wo die rechte Hand sie erwartet. Alles, was BMW groß gemacht hat, ist vorhanden: das fahrerorientierte Cockpit, die nüchterne Präzision und dieses subtile Gefühl, dass der Mensch am Lenkrad wichtiger ist als der Passagier rechts daneben.
Bei allen klassischen Werten pflegt der Münchner Autobauer auch den Blick in die Zukunft. Nach dem Motto: „Laptop und Lederhosen.“ Die Check-Control überwacht mit einem Druck auf die Test-Tast unter anderem den Motoröl- und den Kühlmittelstand, das Waschwasser, die Abblend-, Brems-, Schluss- sowie Kennzeichenleuchten. Eine Warnlampe und später zusätzlich ein Gong melden, wenn etwas nicht stimmt. Der Bordcomputer kennt die Außentemperatur, die Durchschnittsgeschwindigkeit sowie den Verbrauch, warnt vor Glätte oder vor einer zuvor programmierten Geschwindigkeit und kann sogar eine voraussichtliche Ankunftszeit errechnen. Heute klingt das selbstverständlich. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre wirkte es jedoch wie eine kleine Kommandozentrale im Armaturenbrett.
Genau deshalb wirkt der E24 nicht wie ein Relikt. Ja, seine Anzeigen leuchten altmodisch, seine Lenkung lässt sich Zeit und seine Karosserie braucht mehr Aufmerksamkeit als ein modernes Coupé. Doch seine Formen sind zeitlos, seine Technik verständlich und sein Motor ein Ereignis, das kein Bildschirm und kein Soundgenerator simulieren können. Der BMW 635 CSi ist kein Auto, das den Fahrer überwältigt. Er gewinnt ihn Kilometer für Kilometer. Und irgendwann, wenn der Sechszylinder vorne singt und die Straße hinter der Haifischnase verschwindet, möchte man nur noch wissen, wohin es weitergeht – nicht unbedingt, wo man gerade ist.
















