Wenn der Zwölfzylinder noch einmal alles gibt
Mit dem Revuelto SV verschärft Lamborghini sein Hybrid-Flaggschiff für die Rennstrecke. Das Kürzel SV kennzeichnet bei der Marke traditionell die konsequenteste Ausbaustufe eines Modells, und auch beim Revuelto betrifft das vor allem Fahrwerk, Aerodynamik und Bremsen, nicht in erster Linie den Antrieb. Auf 1.963 Fahrzeuge limitiert, richtet sich der Wagen an Käufer, die dem ohnehin schon kompromisslosen Basismodell noch etwas abverlangen wollen. Ausgeschrieben heißt das Kürzel Super Veloce, übersetzt schlicht: super schnell – bei Lamborghini historisch reserviert für die jeweils schärfste Variante einer Baureihe.

Wer einem Verbrennungsmotor angesichts strenger werdender Abgasnormen zum Überleben verhelfen will, hat im Grunde zwei Optionen: ihn verkleinern oder ihm elektrische Unterstützung zur Seite stellen. Lamborghini hat sich beim Revuelto für die zweite Variante entschieden und einen frei saugenden V12 mit drei Elektromotoren kombiniert. Der SV baut auf diesem Konzept auf – als Beleg dafür, dass Hybridtechnik und Zwölfzylinder-Charakter sich nicht zwangsläufig ausschließen müssen.
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Antrieb: höhere Systemleistung, spürbar mehr Drehmoment
Der 6,5 Liter große Saugmotor bleibt für sich genommen unverändert: 607 kW / 825 PS, eine Drehzahlgrenze von 9.500 Umdrehungen pro Minute und 725 Newtonmeter Drehmoment aus dem Verbrenner allein. Den eigentlichen Unterschied macht die Elektrifizierung. Die drei Elektromotoren heben die Systemleistung um 37 kW / 50 PS auf insgesamt 783 kW / 1.065 PS an, das Systemdrehmoment wächst auf 1.425 Newtonmeter. Ermöglicht wird das durch eine größere Batterie: Ihre Kapazität steigt von 3,8 auf 7,3 Kilowattstunden, die maximale Entladeleistung liegt neu bei 190 kW. Wichtiger als die elektrische Reichweite ist Lamborghini zufolge dabei die Frage der Belastbarkeit: Über eine ganze Rennstreckenrunde soll die Leistungsabgabe bis zu vier Mal gleichmäßiger anliegen als im Serien-Revuelto, die Batterie also seltener in eine Leistungsbegrenzung gehen.
Bei der Beschleunigung zeigt sich das nur in kleinen Schritten: Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 2,4 Sekunden, eine Zehntelsekunde vor dem Basismodell, die 200-km/h-Marke ist nach 6,7 Sekunden erreicht, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei mehr als 345 km/h. Lamborghini selbst betont denn auch, dass der eigentliche Fortschritt weniger in diesen Beschleunigungswerten steckt als im Einlenkverhalten, in der Agilität und in der Bremsleistung – Disziplinen, in denen sich Fahrwerk und Aerodynamik stärker bemerkbar machen als der reine Vortrieb.

Fahrwerk: mechanisch statt elektronisch geregelt
Der Serien-Revuelto setzt auf elektronisch geregelte MagneRide-Dämpfer, die sich per Knopfdruck an unterschiedliche Fahrsituationen anpassen. Der SV verzichtet bewusst darauf und verbaut stattdessen passive Dämpfer, die sich mechanisch in vier Stufen einstellen lassen – ein Ansatz, der sich an GT3-Rennwagen orientiert. Für Fahrer bedeutet das: Wer das Auto optimal auf trockenen, welligen oder nassen Belag abstimmen möchte, muss selbst Hand anlegen statt eine Fahrmoduseinstellung zu wählen. Der Hersteller beziffert den daraus resultierenden Zugewinn an Agilität mit 17 Prozent, den an Seitenführung mit 10 Prozent. Ergänzt wird das Paket durch straßenzugelassene Reifen vom Typ Bridgestone Potenza Race R sowie durch leichtere Felgen in 20 respektive 21 Zoll mit Zentralverschluss. Für die Kraftverteilung an der Hinterachse steht zudem eine in fünf Stufen regelbare Traktionskontrolle bereit, abrufbar über den neuen Fahrmodus Pilota.

Aerodynamik und Bremsen: mehr Anpressdruck, kürzere Wege
Für zusätzlichen Abtrieb sorgen ein feststehender Heckflügel, ein neu gezeichneter Frontsplitter, ein überarbeiteter Unterboden sowie zusätzliche Luftkanäle zur Kühlung. Zusammengenommen erzeugt der SV laut Werksangabe 80 Prozent zusätzlichen Abtrieb gegenüber dem Serien-Revuelto, und das bei einer um 60 Prozent gestiegenen Effizienz. Die aerodynamische Balance verlagert sich dabei nach vorn, was dem Wagen zugutekommen soll, wenn er in schnelle Kurven einlenkt. Gleichzeitig verbessert sich die Kühlung der Bremsanlage um 12 Prozent.
An den Bremsen selbst verbaut Lamborghini größer dimensionierte CCM-R-Plus-Karbonkeramikscheiben, vorn mit 420 und hinten mit 410 Millimetern Durchmesser. Aus 200 km/h soll der Wagen nach 110 Metern zum Stehen kommen. Die maximale Verzögerung steigt laut Hersteller um 11 Prozent, die Wärmeabfuhr um 23 Prozent, während die Scheibentemperaturen selbst um 12 Prozent sinken. Unterstützt wird das Bremssystem von einem 6D-Sensor nahe dem Fahrzeugschwerpunkt: Er misst Bewegungen entlang aller drei Achsen sowie die Nick-, Wank- und Gierrate des Fahrzeugs. Aus diesen Rohdaten ermittelt das System unter anderem Schwimmwinkel und aktuellen Fahrbahn-Reibwert – Größen, mit denen sich Bremse, Stabilitätskontrolle und das elektrische Torque Vectoring feiner und schneller ansteuern lassen als über klassische Radsensoren allein.

Gewicht: kompensiert statt reduziert
Bemerkenswert ist, wie Lamborghini das Mehrgewicht der größeren Batterie, der aufwendigeren Aerodynamik und der stärkeren Bremsanlage aufgefangen hat. Trotz Karbon-Türverkleidungen, Rennschalensitzen und leichteren Rädern nennt der Hersteller ein Trockengewicht von 1.772 Kilogramm – ein Wert, der sich praktisch mit dem des Serien-Revuelto deckt. Weil gleichzeitig die Systemleistung um 50 PS zulegt, verbessert sich das rechnerische Leistungsgewicht von 1,75 auf 1,66 Kilogramm pro PS. Auf der hauseigenen Teststrecke in Hockenheim soll das für eine Rundenzeit von 1:41,6 Minuten reichen.
Konkurrenz: auf dem Papier hinten, im Konzept für sich
In der reinen Beschleunigungsdisziplin muss sich der Revuelto SV der direkten Konkurrenz geschlagen geben. Der Ferrari 849 Testarossa mit seinem V8-Plug-in-Hybridantrieb kommt auf 772 kW / 1.050 PS, benötigt für den Sprint auf 100 km/h weniger als 2,3 Sekunden und für 200 km/h 6,35 Sekunden, bei einem Trockengewicht von 1.570 Kilogramm und einem Leistungsgewicht von 1,5 Kilogramm pro PS. Noch größer fällt der Abstand zu den raren Hypercars Ferrari F80 (883 kW / 1.200 PS, 1.525 Kilogramm Trockengewicht, 5,75 Sekunden bis 200 km/h) und McLaren W1 (938 kW / 1.275 PS, 1.399 Kilogramm, ausschließlich hinterradgetrieben, 5,8 Sekunden bis 200 km/h) aus. Alle drei Konkurrenten sind leichter und beschleunigen kräftiger.
Sein Argument holt sich der Revuelto SV deshalb nicht aus der Tabelle, sondern aus der Kombination seiner Technik: Kein Wettbewerber verbindet derzeit einen bis 9.500 Umdrehungen frei drehenden Zwölfzylinder mit einem elektrisch angetriebenen Allradsystem samt Torque Vectoring und einem so konsequent auf Fahrbahnrückmeldung ausgelegten, mechanischen Fahrwerk. Für Käufer, denen genau diese Mischung wichtig ist, bleibt der Wagen damit weitgehend konkurrenzlos – unabhängig davon, wie er in der Beschleunigungstabelle abschneidet. Wer sich stattdessen für reine Höchstwerte interessiert, findet in den genannten Hypercars die passenderen Angebote; wer einen weiterhin klassisch klingenden Saugmotor mit moderner Hybridtechnik verbinden möchte, landet zwangsläufig beim Revuelto SV.
Fazit
Unterm Strich bleibt der Revuelto SV in den nackten Fahrleistungen näher am Serien-Revuelto, als es das martialische Kürzel vermuten lässt. Der eigentliche Fortschritt steckt in Details, die sich schwerer in eine einzelne Zahl packen lassen: im mechanisch abgestimmten Fahrwerk, in der zusätzlichen Aerodynamik und in Bremsen, die spürbar konstanter arbeiten sollen. Für Käufer, die ihren Supersportwagen auch auf der Rennstrecke bewegen, dürften genau diese Punkte den Ausschlag geben – mehr als die zusätzlichen 50 PS.
Preis des Lamborghini Revuelto SV
Zum Preis äußert sich Lamborghini zum Zeitpunkt dieser Neuvorstellung noch nicht. Angesichts der auf 1.963 Einheiten begrenzten Stückzahl dürfte die Nachfrage die verfügbaren Fahrzeuge ohnehin deutlich übersteigen; sobald Lamborghini konkrete Zahlen nennt, ergänzen wir diese.
Technische Daten: Lamborghini Revuelto SV
- Motor: 6,5-Liter-V12-Saugmotor plus drei Elektromotoren
- Leistung Verbrenner: 607 kW / 825 PS bei bis zu 9.500 U/min
- Systemleistung gesamt: 783 kW / 1.065 PS
- Drehmoment Verbrenner: 725 Nm
- Systemdrehmoment gesamt: 1.425 Nm
- Batteriekapazität: 7,3 kWh (zuvor 3,8 kWh)
- maximale Entladeleistung Batterie: 190 kW
- 0–100 km/h: 2,4 s
- 0–200 km/h: 6,7 s
- Höchstgeschwindigkeit: mehr als 345 km/h
- Bremsen: CCM-R Plus, 420 mm vorn / 410 mm hinten
- Bremsweg 200–0 km/h: 110 m
- Trockengewicht: 1.772 kg
- Leistungsgewicht: 1,66 kg/PS
- Rundenzeit Hockenheimring: 1:41,6 min
- Stückzahl: auf 1.963 Exemplare limitiert








