Rennsport für jedermann
Die Fahrt im fast 50 Jahre alten Opel Kadett GT/E »1000er-Serie« ist nicht nur ein Vergnügen, sondern eine Zeitreise in die Epoche, als die gelb-weiß lackierten Flitzer für erschwinglichen Rennsport standen. Eine Tradition, von der der Rüsselsheimer Autobauer heute noch zehrt.
Wissen Sie, was ein Aposematismus ist? Das sind Warnsignale – meist auffällige Farben –, mit denen Tiere Fressfeinde abschrecken. Das gilt auch bei Autos. Wenn ein Opel in gelb-weißer Lackierung auftaucht, ist das zumindest ein erstes Indiz dafür, dass es sich nicht um ein Auto von der Stange handelt. Entweder hat der Besitzer viel Zeit und Geld in Lackierung, Spoiler und breite Reifen investiert – oder unter dem Schein steckt jede Menge Sein. Der Opel Kadett GT/E der „1000er-Serie“ ist genau so ein Fall. Er ist kein geschniegeltes Sonntagsauto oder ein Vehikel, mit dem man auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants einen auf dicke Reifen machen will, sondern ein echtes Homologationsmodell für den Rennsport. Der Rüsselsheimer Autobauer entwickelte den Kadett GT/E Ende der 1970er-Jahre aus einem einzigen Grund: um im internationalen Motorsport Siege einzufahren.

Schon äußerlich unterscheidet sich der 1000er deutlich von einem gewöhnlichen Kadett Coupé. Front- und Heckspoiler, verbreiterte Radhäuser, die markante GT/E-Beklebung und häufig die berühmte gelb-weiße Lackierung signalisieren bereits im Stand seine Ambitionen. Die ersten Exemplare tragen noch das bekannte Opel-Farbschema, später war der GT/E jedoch auch in anderen Lackierungen erhältlich. Der Rüsselsheimer Autobauer macht schon bei der Vorstellung des GT/E der zweiten Generation im September 1977 auf der IAA in Frankfurt keine halben Sachen. Der Werbeslogan lautet: „Ein Auto von Profis für Profis.“ Ziemlich starker Tobak. Wenn man es genau betrachtet, ist das keine Übertreibung. Für die Homologation in der damaligen Gruppe 1 der Serientourenwagen verlangt der Motorsport-Weltverband FIA mindestens 1.000 serienmäßig gefertigte Fahrzeuge. Daher auch das „1000er“-Attribut. Geplant ist tatsächlich nur diese Stückzahl. Doch die Nachfrage explodiert. Bereits wenige Monate später ist die gesamte Auflage verkauft. Opel legt zweimal nach, sodass am Ende 2.234 Fahrzeuge entstehen. Genau diese geringe Stückzahl macht den GT/E heute so begehrt.
Der Opel ist ein Einsteigermodell für den Rennsport. Also trimmen die Opel-Ingenieure das Serienmodell auf Dynamik. Im Zentrum der Überarbeitung steht der Motor. Statt des 1,9-Liter-Einspritzers der ersten GT/E-Serie arbeitet ein auf 1.979 Kubikzentimeter vergrößerter Reihenvierzylinder mit Bosch-L-Jetronic. Opel spendiert dem Aggregat neue Zylinderköpfe mit größeren Ein- und Auslasskanälen, eine überarbeitete Nockenwellenlagerung, mechanische statt hydraulischer Ventilstößel sowie härtere Ventilfedern. Das Resultat ist ein drehfreudiges Triebwerk, das deutlich standfester ist. Somit steigt die Leistung der ersten Serie des Kadett C GT/E von 77 kW / 105 PS auf 85 kW / 115 PS. Das klingt heute bescheiden. Ende der 1970er-Jahre ist das eine echte Ansage. Zumal der Kadett GT/E kaum mehr als eine Tonne wiegt. Das ist das Resultat einer kompromisslosen Diät. Überflüssiger Zierrat, der nur Gewicht ins Auto bringt, ist strengstens verboten: Ein Make-up-Spiegel war genauso wenig für Geld und gute Worte zu haben wie ein Schiebedach, ein Beifahrer-Haltegriff, ein Fond-Aschenbecher oder ein abblendbarer Innenspiegel.

Geschaltet wird mit einem eng abgestuften ZF-Fünfgang-Sportgetriebe. Wie im Motorsport üblich, handelt es sich um eine sogenannte Dogleg-Schaltung, bei der der erste Gang links hinten sitzt. Im Alltag gewöhnungsbedürftig, aber auf kurvigen Landstraßen oder Rallyeprüfungen ideal, weil sich die Gänge zwei bis fünf besonders schnell hineinschnalzen lassen. Der erste dient ohnehin meist nur zum Anfahren. Zusammen mit dem serienmäßigen Sperrdifferenzial, Bilstein-Gasdruckstoßdämpfern, einem verstärkten Fahrwerk und geschmiedeten Fuchs-Leichtmetallrädern lässt dieser Opel Kadett viele andere Fahrzeuge alt aussehen.
Wir lassen uns in die Sportsitze fallen. Kupplung treten. Zündschlüssel drehen. Rauf aufs Gas. Knurrend, fast schon bedrohlich fauchend erwacht der hochgejazzte Zweiliter-Benziner zum Leben. Das Adjektiv „hoch“ wird uns die ganze Fahrt verfolgen, doch dazu später mehr. Nicht vergessen: erster Gang links unten. Zack. Drin. Sofort in den zweiten. Die Kupplung kommt spät. Jetzt wird die Sache schon sportlicher. Der Economy-Fahrmodus wird bei diesem Auto nicht mit einem Knopfdruck aktiviert, sondern über die Drehzahl. Bis 4.000 Touren ist der Kadett mit gebremstem Schaum unterwegs. Der richtige Spaß beginnt erst darüber. Der Vierzylinder ist eine wahre Drehorgel. Bei rund 7.000 Umdrehungen wird der kernige Zweiliter akustisch immer rauer und markiert lautstark das Ende seines Drehzahlbandes. Ein nerviger Begrenzer? Fehlanzeige.

Wir verinnerlichen dieses Konzept ziemlich schnell und bewegen den Opel Kadett GT/E artgerecht. Also zuckt der Zeiger des Drehzahlmessers immer in Richtung des roten Bereichs. Der Schalthebel tanzt in einem langsameren Takt, um das Triebwerk bei Laune zu halten. Die Wege sind kurz, die Führung präzise. Klack, dritter. Klack, vierter. Der Hecktriebler liegt auch mit fast 50 Jahren noch satt auf der Straße. Bei unserem Modell ist ein Rennkäfig verbaut. Das schützt im Falle des Falles und erhöht die Verwindungssteifigkeit der Karosserie. Beeindruckend, wie präzise sich der rollende Methusalem durch Kurven und über Landstraßen zirkeln lässt. Dank des verstärkten, sportlich abgestimmten Fahrwerks sowie des serienmäßigen Sperrdifferenzials bleibt der GT/E auch bei schnellen Links-Rechts-Kombinationen gutmütig und berechenbar.
Dass Opel den GT/E nicht nur als Marketinginstrument verstand, zeigte sich auf den Rallyepisten Europas. Der Kadett entwickelte sich schnell zu einem beliebten Sportgerät privater Fahrer. Der Hinterradantrieb, das geringe Gewicht von kaum mehr als einer Tonne und die robuste Technik machten ihn zum idealen Driftkünstler auf Schotter und Asphalt. Das Coupé war berechenbar, leicht zu reparieren und vergleichsweise günstig im Unterhalt – Eigenschaften, die ihn bis heute bei historischen Rallyes beliebt machen. So mancher spätere Werksfahrer sammelte mit diesem Kadett wichtige Erfahrungen, ehe Opel mit Walter Röhrl und dem Ascona 400 Weltmeisterschaftsgeschichte schrieb. Der Opel Kadett GT/E »1000er-Serie« ist mehr als nur ein Oldtimer. Er ist ein Bote aus einer Zeit, als Opel den Rennsport für jedermann mit voller Hingabe betrieb und die Fahrdynamik der kompakten Flitzer zum identitätsstiftenden Markenkern gehörte.










