Verfolgungswahn
Die Formel-1-Weltmeister kamen und gingen – über Jahrzehnte. Doch so schnell Michael Schumacher, Fernando Alonso, Lewis Hamilton oder Sebastian Vettel auf den Pisten dieser Welt auch fuhren – an einem Auto kamen sie nicht vorbei. Seit 30 Jahren zuckeln die Boliden bei Regen oder Unfällen hinter dem Safety Car her. Seit mehr als 25 Jahren am Steuer: Bernd Mayländer.
Anfang der 1990er Jahre wurden Autos und Strecken immer schneller, das Renngeschehen komplexer und so es galt, für Sicherheit zu sorgen. Erstmals eingesetzt wurde das offizielle F1 Safety Car am 30. Juni 1996 beim Formel-1-Rennen auf dem Circuit de Nevers im französischen Magny-Cours. Niemand hatte damals erwartet, dass der private Mercedes C 36 AMG von Rennfahrer Bernd Mayländer eine derartige Karriere machen würde. Weil kurzfristig kein anderes Fahrzeug verfügbar war, wurde der Privatwagen des DTM-Piloten für das Rennen kurzerhand zum offiziellen Safety Car umgebaut. Der Auftrag, das Safety Car und auch das Medical Car kam für Mercedes derart überraschend, dass keine zentral vorbereiteten Fahrzeuge zur Verfügung standen. So stellten zunächst die einzelnen Ländergesellschaften bei den Formel-1-Rennen Fahrzeuge zur Verfügung, die für die Wochenendeinsätze vorbereitet wurden. Für die Saison 1997 waren an sich zwei Mercedes CLK 320 eingeplant, doch der damals Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug plädierte für den deutlich leistungsstärkeren CLK 55 AMG, der bis 1999 schließlich auch als Serienversion angeboten wurde.

Als es darum ging, das Cockpit des Safety Cars professionell zu besetzen, sprach der damalige Renndirektor Charlie Whiting im Mai 1999 den deutschen Rennfahrer Bernd Mayländer an, ob er nicht dauerhaft die Rolle des Sicherheitsfahrers in der Formel 1 übernehmen wolle. Der Dienstauftakt war im März 2000 der große Preis von Australien als erstes Rennen der neuen Saison – im 350 PS starken Mercedes CL 55 AMG. Seither nickt Bernd Mayländer im Fahrerlager jeder zu. Egal ob Monaco, Bahrain, Austin oder Mexico City – der gebürtige Schorndorfer ist bereits seit 26 Jahren in der ersten Liga des Motorsports dabei – und fährt immer ganz vorne. Bernd Mayländer kennen die meisten F1-Piloten dabei insbesondere vom Hinterherfahren, denn der Schwabe darf in seinem silbernen Safety Car nicht überholt werden. Mayländer greift dann ein, wenn bei einem der Formel-1-Rennen etwas passiert ist. Entweder kam es zu einem Unfall oder es liegen nach kleineren Scharmützeln im Feld scharfe Karbonteile auf dem Asphalt, die erst einmal geborgen werden müssen. Vielleicht regnet es auch in Strömen und das Feld der rasenden Formel-1-Fahrer muss schleunigst eingebremst werden. Wenn Bernd Mayländer seine Blinkleuchten einschaltet und auf die Strecke einbiegt, können sich Lewis Hamilton oder Kimi Antonelli genauso ärgern, wie das einst Michael Schumacher, Kimi Raikönen oder Juan Pablo Montoya getan haben. Damit ihre Reifen nicht zu sehr abkühlen, wird am Funk gerne munter gemeckert, doch der Waiblinger macht das Tempo und donnert mit seinem AMG GT R ohnehin am Limit.
Bernd Mayländer fährt dabei ein Auto im Serientrimm mit Straßenreifen und ausgeschaltetem ESP. Zusammen mit seinem Beifahrer ist er ständig mit der Rennleitung verbunden, bremst das Feld ein oder lässt es schließlich wieder frei. „In den kleineren Rennserien fährt man mit dem Safety Car rund 70 Prozent“, erläutert der leidenschaftliche Rennfahrer, „doch in der Formel 1 liegt man immer über 90 Prozent. Das ist wie ein echtes Langstreckenrennen und alle wollen, dass ich schneller fahre und ihre Reifen nicht zu kalt werden.“ Bernd Mayländer kennt die Formel-1-Rennstrecken dieser Welt dabei mindestens ebenso gut wie die Piloten – oder besser. Gibt es neue Kurse, hat der Familienvater am Donnerstag vor dem Rennen eine Stunde Zeit, sich mit einem seiner beiden identischen Safety Cars auf die Strecke und die Bedingungen einzuschießen.

Mehr als 25 Jahre in der Formel 1 sind eine lange Zeit. Davon können die Piloten im engen Cockpit der Monoposti nur träumen. Zu dem ungewöhnlichen Job als Fahrer des Safety Cars kam Mayländer dabei eher durch Zufall. Ein Anruf im Frühjahr 1999 beim Rennen in Imola änderte für ihn alles. Nachdem die Rennsaison 1998 für Bernd Mayländer in der hochklassigen FIA GT-Meisterschaft mehr Schatten als Licht gebracht hatte, entschied er sich, wieder in den Porsche Cup einzusteigen und seinen pfeilschnellen Mercedes CLK GTR stehen zu lassen. Er kaufte sich vor der Saison 1998 auf eigene Kappe einen Porsche 911 GT3 und heuerte bei seinem alten Freund Olaf Manthey für den begehrten Carrera Cup an. Bereits das erste Rennen in Australien lief gut, doch kurz vor Schluss blieb Bernd Mayländer mit einem leeren Tank auf Platz drei liegen. Beim nächsten Rennen in Imola gab es einen Sieg und der ehemalige DTM-Pilot bekam wieder Lust am Rennen fahren.
„Damals bekam ich im Fahrerlager einen Anruf von Herbie Blash“, erinnert sich Bernd Mayländer als sei es gestern gewesen, „er und Charlie Whiting schätzten mich als Rennfahrer und fragten, ob ich als unbefleckter Pilot nicht das Safety Car fahren wollte – ab sofort. Erst in der Formel 3000 und dann im nächsten Jahr auch in der Formel 1.“ Bernd Mayländer überlegte, ob das mit seinem Terminplan und den entsprechenden Rennen unter einen Hut passen würde und sagte per Handschlag zu. Ohne nach dem Honorar zu fragen. „Diese Vereinbarung per Handschlag galt immer für das nächste Jahr“, lacht Mayländer noch heute, „erst nach über zehn Jahren habe ich einen schriftlichen Vertrag bekommen.“ Seither sitzt der Schwabe zwischen März und November an jedem Formel-1-Wochenende am Steuer seines Safety Cars. Er fehlte in all den knapp drei Jahrzehnten nur bei vier seiner rund 400 Rennen. Als die Ferse zwickte und die Lunge schwächelte, sprang sein Freund und Rennkollege Marcel Fässler ein. „Einen Ersatzfahrer für das Safety Car gibt es nicht“, lächelt Mayländer, „wenn ich einmal ausfallen sollte, regele ich das mit Marcel.“ Die Rennfahrer in der Formel 1 schätzen den Schorndorfer. Man kennt sich seit Jahren und fachsimpelt am Freitag und Samstag bei Fahrerbesprechungen und abseits der Rennstrecke über neue Curbs, geänderte Kurven und den frisch aufgetragenen Fahrbahnbelag. Nur am Rande geht es auch einmal um das ein oder andere private Thema abseits von Steuer, Vollgas und den kunterbunten Rennzirkus.
Während seiner 20 Jahre in der Formel 1 ist Bernd Mayländer unzählige Mercedes-Modelle im Renntrimm gefahren. „Mein erstes Safety Car war ein Mercedes CL 55 AMG. Der war es ein komfortables Luxuscoupé mit belüfteten Ledersesseln und jeder Menge Power.“ Eines seiner Lieblingsmodell war der CLK 63 AMG, mit dem er erstmals das Gefühl von einem echten Sportwagen hatte. „Bei Regen war der mit seinem leichten Heck ganz schön tückisch“, sagt Mayländer, „er war ein echtes Biest – hat aber unglaublich Spaß gemacht.“














