Mercedes-Maybach GLS 680

Ein eigener Kosmos

Wie der Mercedes GLS erhält auch die Maybach-Version des SUVs eine Modellpflege. Neben einem potenten Achtzylinder sollen feine Materialien, viel Platz und gemütliche Sitze das Reisen so angenehm wie möglich machen. Ein paar Schwächen bleiben jedoch.

Wie viel Luxus darf es denn sein? Diese Frage stellen sich Modemarken wie Louis Vuitton, Hermès, Chanel, Gucci, Dior oder Goyard ständig. Wer mit zu viel Bling-Bling und großen Markenlogos zu stark auf die Pauke haut, kommt bei der Understatement-Fraktion nicht gut an. Bei Mercedes-Maybach ist die Gemengelage eine ähnliche. Zu viel aufzutragen ist womöglich kontraproduktiv, zu wenig aber auch. Schließlich will jemand, der rund 195.000 Euro für sein Gefährt hinlegt, dass dieses sich vom „normalen“ GLS unterscheidet. Zum anderen muss man sich im Nobel-Automobilsegment gegen Konkurrenten wie Rolls-Royce oder Bentley behaupten. Optisch gelingt das schon einmal. Der Mercedes-Maybach GLS 680 ist 5,219 Meter lang, 2,030 Meter breit und 1,838 Meter hoch. Das ist ein echtes Trumm von einem Auto, das sich in den Abmessungen aber nicht großartig vom Serien-GLS unterscheidet. Der subtile Luxus der Außendarstellung ähnelt dem der Mercedes-Maybach S-Klasse. In den Scheinwerfern befinden sich Doppelstern-Motive, Maybach-Embleme und roségoldene Akzente. Maybach-Chrommuster in den vorderen Lufteinlässen und ein eigener Unterfahrschutz sollen den Unterschied zum Serien-GLS unterstreichen. Was noch wichtiger ist: Der Maybach-Kühlergrill erhält eine beleuchtete Kontur und erstmals einen dezent illuminierten Maybach-Schriftzug. In einigen Märkten leuchtet sogar der aufrecht stehende Stern auf der Motorhaube. In Deutschland ist das aktuell nicht vorgesehen. Allerdings ändert das nichts an der Kritik, die wir schon bei der S-Klasse geäußert haben: Ein Maybach-Kunde will das entsprechende Emblem vor Augen und nicht den klassischen Mercedes-Stern. So traditionell der auch sein mag. Klar hat das Konzept „Maybach pur“ nicht funktioniert, aber die Zeiten ändern sich.

Bei einem Gefährt wie dem Mercedes-Maybach GLS sind die inneren Werte entscheidend. „Das Fahrzeug entwickelt einen eigenen Kosmos für die Kunden“, bringt Produktmanager Andreas Rothfuß dieses Ansinnen auf den Punkt. Der Luxus beginnt bereits beim Einsteigen in das rollende Wohnzimmer. In weniger als einer Sekunde fahren die Trittbretter aus, sobald man eine Tür öffnet. So tun sich die gutsituierten Passagiere leicht, in den GLS zu steigen. Das Ambiente ist so luxuriös, wie man es von einem Luxus-Gefährt erwartet. Das zeigt sich schon am Radstand von 3,135 Metern. Das sind 26 Zentimeter weniger als bei der Maybach S-Klasse (Baureihe Z223). Dennoch kann man es sich im Fond sehr gemütlich machen. Während der normale Mercedes-Benz GLS bis zu sieben Menschen befördern kann, konzentriert sich der Maybach auf vier beziehungsweise fünf privilegierte Insassen. Die bevorzugte Konfiguration hinten besteht aus zwei Executive-Sitzen inklusive Wadenmassage und einer durchgehenden Mittelkonsole. So kann man arbeiten, telefonieren, schlafen oder aus einem Kühlfach mit Glasfront eine von zwei 0,75-Liter-Champagnerflaschen holen. Details sind der verwöhnten Klientel wichtig: Die neue induktive Ladeschale nimmt zwei Smartphones auf und ist um 19 Grad geneigt, damit die Geräte während des Ladens ablesbar bleiben. Und das in nahezu völliger Ruhe: Die zusätzliche Dämmung an der Stirnwand und dem Getriebetunnel, eine Schwerfolie auf der Motorabdeckung sowie Akustikschaum in den Karosseriehohlräumen halten Verbrennungs-, Wind- und Abrollgeräusche noch stärker draußen.

Wir haben bereits in dem Luxus-Abteil Platz genommen und haben uns auf Anhieb wohlgefühlt. Wer will, bekommt das Nappaleder in Beech Brown/Macchiatobeige, dazu Applikationen aus offenporigem Walnussholz im Fishbone-Muster und ein ungewöhnliches silber-schwarz glänzendes Metallmischgewebe. Darüber spannt sich ein vollständig mit Nappaleder bezogener Dachhimmel, bei dem bis zu 20 Ledersegmente in der Manufaktur von einer einzigen Fachkraft vernäht werden. Übrigens: Im Maybach GLS geht es luftiger zu als in der Limousine. Beim Infotainment ist Maybach eher traditionell unterwegs. Statt dem Hyperscreen, blickt der Chauffeur auf den MBUX Superscreen ein. Drei jeweils 12,3 Zoll große Bildschirme liegen unter einer durchgehenden Glasfläche: Fahrerdisplay, Zentralmonitor und Beifahrerbildschirm. Beim Hochfahren erscheint das Maybach-Emblem und die Instrumente sowie der virtuelle Assistent zeigen roségoldene Grafiken. Die technische Basis bildet das hauseigene Betriebssystem MB.OS. Der Sprachassistent nutzt unter anderem Technologien von Microsoft und Google, darunter ChatGPT, Bing Search und Gemini. Im Fond stehen zwei 11,6-Zoll-Full-HD-Bildschirme mit Kameras und eigenen Fernbedienungen bereit. Klimatisierung, Rollos, Entertainment und Videoanrufe lassen sich vom Sitz aus bedienen. Auch das von manchen Kunden geschätzte Touchpad bleibt erhalten. Ein bewusst konventioneller Gegenpol zur großflächigen Touchscreen-Landschaft der Asien-Konkurrenz.

Unter der Haube arbeitet nur noch eine Motorisierung. Die muss bei einem Gewicht von stattlichen 2.810 Kilogramm genug Kraft haben. Ein Luxuskreuzer, dessen Antrieb angestrengt wirkt, landet schnell auf der Verkaufsliste. Das wird nicht geschehen. Auch der Mercedes-Maybach GLS 680 erhält wie die S-Klasse die aktuelle Evolutionsstufe des 3.982 Kubikzentimeter großen V8-Biturbos M 177. Der Verbrenner leistet 450 kW / 612 PS und entwickelt ein maximales Drehmoment von 850 Nm. Hinzu kommt der integrierte Startergenerator mit 17 kW / 23 PS und 205 Nm. Von 0 auf 100 km/h vergehen 4,5 Sekunden, bei 250 km/h wird abgeregelt. Zwei Lanchester-Ausgleichswellen, eine neue Abstimmung und das 48-Volt-System lassen den Achtender schneller reagieren und reduzieren zugleich Vibrationen sowie Anfahrgeräusche. Der Maybach ist serienmäßig mit einer weiterentwickelten Airmatic-Luftfederung ausgestattet, deren Dämpfer bereits auf von anderen Mercedes-Modellen gemeldete Unebenheiten reagieren können. Die E-Active Body Control, bei der das System die Fahrsituation 1.000-mal pro Sekunde analysiert und die Feder- und Dämpferkräfte an jedem Rad separat regelt, ist dagegen nur optional erhältlich. Bei einem Maybach sollte „Das Beste oder nichts“ Serie sein. Nur mit diesem Fahrwerk gibt es den Curve-Modus: In drei wählbaren Stufen neigt sich die Karosserie nach innen, in Stufe drei um maximal drei Grad. Das reduziert die von den Insassen empfundenen Seitenkräfte. Eine direkter übersetzte elektromechanische Lenkung soll dem 5,22-Meter-SUV zugleich etwas von der Behäbigkeit nehmen.

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