Neuvorstellung: Porsche Flachbau RS

Umgebauter 911 GT2 RS als Einzelstück: Der Porsche Flachbau RS zitiert die Formensprache des 935, aber straßenzugelassen und technisch aufwändig.

Ein Wal wird wiedergeboren

Die Automobilbranche liebt Neuauflagen, doch selten wird eine so wörtlich genommen wie in diesem Fall: Porsche hat einen 911 GT2 RS in ein modernes Abbild des legendären Rennwagens 935 verwandelt, besser bekannt unter seinem Spitznamen Moby Dick. Herausgekommen ist kein neues Serienmodell, sondern ein einzelnes, im Auftrag eines Sammlers gebautes Fahrzeug namens Flachbau RS.

Wer beim Namen zunächst an eine bloße Retro-Optik denkt, liegt nur zum Teil richtig. Tatsächlich steckt hinter dem Umbau ein mehrjähriges Technikprojekt mit eigener Erprobung, eigenen Prototypen und einem eigenen Kapitel Porsche-Geschichte. Zeit, der Reihe nach zu erklären, was an diesem Einzelstück wirklich neu ist und was nur so aussieht.

Vorbild 935: Woher der Spitzname wirklich stammt

Der Porsche 935 gehört zu den prägenden Rennwagen der späten 1970er-Jahre und fuhr der Konkurrenz auf zahlreichen Rennstrecken davon. Wegen seiner bauchigen Karosserieformen und des ausladenden Heckflügels trägt er bis heute meist nur den inoffiziellen Namen Moby Dick. Bereits in den 1980er-Jahren konnte Porsche-Kundschaft diese Formensprache teilweise nachbestellen: Der 911 Turbo (Baureihe 930) war werkseitig gegen Aufpreis als sogenannte Flachbauvariante zu bestellen, deren Frontgestaltung sich am 935 orientierte. Insgesamt 948 Fahrzeuge entstanden auf diesem Weg und auf dem Klassikermarkt sind die Exemplare davon inzwischen selten geworden.

Basis 911 GT2 RS: Ein aufwendiger Umbau mit Ansage

Anders als beim historischen Vorbild handelt es sich beim neuen Flachbau RS nicht um eine Kleinserie, sondern um ein einzelnes Auftragsfahrzeug. Grundlage ist ein 911 GT2 RS des Modelljahrs 2018 mit Weissach-Paket, also bereits eine besonders konsequent auf Gewicht getrimmte Ausführung der Baureihe 991.2. Beteiligt am Umbau waren laut Porsche das Designteam, die Sonderwunsch Manufaktur, Entwicklungsingenieure, das Motorsportteam sowie der Rennsportpartner Manthey. Die Bauzeit betrug mehr als drei Jahre.

Weil an Aerodynamik und Karosseriestruktur derart tief eingegriffen wurde, entstanden zur Absicherung zusätzlich drei Prototypen, bevor das eigentliche Einzelstück fertiggestellt wurde. Erprobt wurde unter anderem auf der Nordschleife und auf dem werkseigenen Testgelände in Weissach – zwei Schauplätze, die in der Porsche-Entwicklung traditionell für die härteste Belastungsprobe stehen.

Zur erzielten Gewichtsersparnis äußert sich Alexander Fabig, Leiter Produkt bei Porsche, konkret: „Durch konsequenten Leichtbau wiegt das Einzelstück nun 31,6 Kilogramm weniger. Das klingt zunächst vielleicht unspektakulär, allerdings diente mit dem 911 GT2 RS mit Weissach-Paket bereits ein kompromisslos auf Leichtbau getrimmtes Sportmodell als Basis.“ Zum eigentlichen Anspruch des Projekts sagt er: „Unser Anspruch war es, die ikonische Optik des 935 neu zu interpretieren, ohne Kompromisse bei Sicherheit, Technik oder Straßenzulassung einzugehen.“

Design: Grant Larson und die Rückkehr der Scheinwerfer-Kaskade

Für die Formgebung holte Porsche eigens Designer Grant Larson zurück, der bereits 2018 zum 70-jährigen Markenjubiläum eine moderne 935-Interpretation entworfen hatte. Auf jenem Entwurf basierte damals eine limitierte Clubsport-Baureihe mit 77 gebauten Exemplaren. Larson beschreibt das aktuelle Projekt so: „Der neue Flachbau RS ist eine moderne, stimmige Neuinterpretation des ikonischen 935 Moby Dick-Designs. Zentrales Element neben den flacheren Kotflügeln ist die Scheinwerfer-Kaskade mit ihren terrassenförmig angeordneten, sehr schmalen LED-Einheiten.“

Sichtbar wird das an der kompletten Frontpartie: Die vorderen Kotflügel wurden abgeflacht und mit schmalen Luftauslässen versehen, dazu kommt eine neue Stoßstange. Statt der bekannten runden Frontleuchten sitzt nun ein Lichtsystem mit drei separaten LED-Einheiten für Fernlicht, Abblendlicht und Tagfahrlicht im Bug.

Aerodynamik: Heckflügel und Diffusor sorgen für satten Abtrieb

Technisch anspruchsvoller als die Optik ist die Aerodynamik-Überarbeitung. Ein Frontsplitter wirkt gemeinsam mit der Bodenplatte aus dem Manthey-Kit, einem hinteren Diffusor sowie einem wuchtigen Heckflügel im Stil des Rennwagens 911 GT3 R. In der Summe erzeugt der Flachbau RS bei einer Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h bis zu 554 Kilogramm Abtrieb an der Hinterachse. Der S-förmige Heckflügel lässt sich außerdem in drei feste Winkel klemmen, damit der Abtrieb zum jeweiligen Streckentyp passt. Speziell entwickelte Radabdeckungen an der Hinterachse sollen zusätzlich den Luftwiderstand bei höherem Tempo reduzieren.

Zur Motorleistung oder zum Drehmoment macht Porsche in der Mitteilung zum Flachbau RS keine Angaben, der Umbau betrifft laut den verfügbaren Informationen in erster Linie Karosserie, Aerodynamik, Gewicht und Fahrwerksperipherie, nicht den Antriebsstrang.

Warum ein Einzelstück gleich drei Prototypen benötigt

Dass für ein einziges Kundenfahrzeug gleich drei zusätzliche Erprobungsträger entstanden, wirkt auf den ersten Blick wie Ressourcenverschwendung, ergibt technisch betrachtet aber Sinn. Wer an Frontsplitter, Diffusor und Heckflügel derart eingreift wie beim Flachbau RS, verändert nicht nur die Optik, sondern auch den Luftstrom um die gesamte Karosserie und damit potenziell das Fahrverhalten bei hohem Tempo. Ein einzelner Bauteilwechsel lässt sich rechnerisch absichern, eine derart umfassende Aero-Überarbeitung in der Praxis meist nur im Windkanal und auf der Strecke. Ähnliches gilt für die Karosseriestruktur: Neue Kotflügel, ein neuer Frontbereich und ein massiv größerer Heckflügel verändern auch das Verhalten der Karosserie im Falle eines Aufpralls, weshalb Hersteller solche Eingriffe unabhängig von der Stückzahl mit eigenen Crashtest-Fahrzeugen prüfen. Bei einer Kleinserie verteilen sich diese Entwicklungskosten auf viele Käufer, beim Flachbau RS trägt sie faktisch ein einzelnes Projekt. Ein Umstand, der erklärt, warum die Bauzeit mit über drei Jahren vergleichsweise lang ausfiel.

Mehr als nur eine Optikanpassung

Dass Porsche für den Flachbau RS neben der Sonderwunsch Manufaktur zusätzlich Entwicklungsingenieure, das Motorsportteam und den Rennsportpartner Manthey einbindet, unterscheidet das Projekt von einer reinen Lackierungs- oder Ausstattungsoption. Die genannte Kombination aus Design-, Entwicklungs- und Motorsportkompetenz deutet darauf hin, dass die Freigabe des Fahrzeugs denselben Prüfschritten folgte wie bei einer regulären Modellentwicklung, nur eben für ein einziges Fahrzeug statt für eine ganze Baureihe.

Interieur: Konsequent reduziert statt komfortabel

Trotz vorhandener Straßenzulassung tritt der Innenraum betont sportlich auf. Er kombiniert Alcantara in Rot, Leder in Schwarz und Sichtkarbon-Elemente. Die Bezüge aus Leder und Alcantara in Türen und Mittelkonsole sind komplett gestrichen, ebenso die Ablagefächer hinter den Sportsitzen – stattdessen zeigen sich weiß lackierte, bewusst nüchterne Metallflächen. Einzelne Bauteile, etwa die verlängerte Armlehne, tragen einen Karbon-Bezug, während sogar der frisch verlegte Kabelbaum samt Ummantelung offen liegt, statt hinter Blenden zu verschwinden.

Preis des Porsche Flachbau RS

Konkrete Zahlen zum Kaufpreis nennt Porsche nicht. Ebenso wenig ist bekannt, wer das Fahrzeug in Auftrag gegeben hat.

Öffentlich präsentiert wurde das Einzelstück im Rahmen der Monterey Car Week rund um Pebble Beach an der US-amerikanischen Pazifikküste, einem der international bedeutendsten Termine für außergewöhnliche und seltene Fahrzeuge.

Add a Comment

Kommentar verfassen