
Neue Wege
Der VW-Konzern feiert sich und seine Neuheiten einen Abend vor dem Beginn des Genfer Automobilsalons. Am Ende stiehlt allerdings Martin Winterkorn mit Ankündigung einer neuen Konzernausrichtung den meisten Premieren die Schau.
Er ist nach nur wenigen Jahren bereits zur Tradition geworden, der Konzernabend der VW-Gruppe. Tochter- und Mutterunternehmen stellen wenige Stunden vor dem offiziellen Beginn einer Automobilausstellung ihre Premieren und Strategien der breiten Pressemasse vor. So auch in Genf. 1.251 Gäste zählten die hübschen Hostessen am Eingang, unter ihnen der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Volkswagen AG Ferdinand Piech nebst Gattin Ursula und der Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG Wolfgang Porsche. Zu modernster Dubstep-Musik wurden im Eiltempo die mehr oder weniger bekannten Messeneuheiten den meist stehenden Gästen präsentiert.
Den Anfang machten drei Fahrzeuge des neuen Lamborghini Huracan, die in weiß, schwarz und gelb um Lambo-Chef Stephan Winkelmann parkten. „Wir sind sehr stolz auf unseren Huracan LP 610-4“, schwärmt er von dem 610 PS starken und 325 Kilometer pro Stunde schnellen Sportwagen. Warum der Nachfolger des Gallardo, „mit dem er nichts zu tun hat, da alles neu ist“, wie Stefan Winkelmann erklärt, in dreifacher Ausführung neben sechs völlig deplatziert wirkenden Werksmitarbeitern gezeigt wurde, bleibt allerdings ein Rätsel. „Zum ersten Mal in der Geschichte von Lamborghini bieten wir ein Doppelkupplungsgetriebe an“, wirft Winkelmann im letzten Moment noch hinein. Bleibt zu hoffen, dass nicht ausgerechnet der schwarze Sportwagen damit ausgestattet war, denn der wollte am Ende nicht so recht den korrekten Gang finden.
Gezwungen jung wirkte der Übergang zur Konzernschwester Skoda. Ihr Chef, Winfried Vahland, ließ erst einmal ein altes Skoda Popular Sport Monte-Carlo Coupe über die Bühne rollen, um dann mit dem Satz „Wer nach vorne kommen will, sollte manchmal in den Rückspiegel schauen“ die Designstudie Skoda VisionC zu begrüßen. Der giftgrüne Zukunftswagen zeigt die Designsprache des tschechischen Herstellers und bietet eine große Heckklappe sowie vier Türen. „So verstehen wir bei Skoda wunderschöne, individuelle Mobilität“, lautet Winfried Vahlands abschließender Satz.
Der schnellste Seat aller Zeiten
Mit starker Stimme hieß Audi-Chef Rupert Stadler die Gäste des Abends und seinen mitgebrachten Audi TTS willkommen. „Wir haben ihnen heute eine Weltpremiere mitgebracht. 1995 zeigten wir mit der ersten Generation des TT eine wahre Designikone. Zur dritten Generation war es die Aufgabe, den TT drahtiger, sportlicher und effizienter zu gestalten“, erklärt er. In 4,7 Sekunden schießt der TTS bis Tempo 100. „Das Innenleben haben wir bereits Anfang des Jahres bei der CES in Las Vegas präsentiert. Es ist enorm modern, individuell programmierbar und verfügt über LTE-Highspeed-Internet-Anschluss“, so Rupert Stadler weiter. Das Audi-Kapitel rundete Ulrich Hackenberg ab, der neben dem Le Mans-Rennwagen R18 e-tron auch noch den Audi A3 e-tron vorstellte.
Seat-Chef Jürgen Stackmann machte bei seinem Auftritt schnell klar, was vom neuen Seat Leon Cupra zu halten ist: „Er ist der ganze Stolz des Hauses. Er zeigt wozu wir in der Lage sind. Ein veritabler, wunderschöner Ausdruck unserer DNA!“ Der schnellste und stärkste Wagen, den Seat je auf die Straße gebracht hat, beschleunigt dank seiner 280 PS in unter 20 Sekunden auf Tempo 200. „Er wird uns Schwung geben“, hoffte Stackmann weiter. Weniger Schwung, als gute Bremsen brauchen Fahrer des schnellsten Bentleys aller Zeiten. Der Continental GT Speed, der von Bentley-Chef Wolfgang Schreiber in der Cabrio-Version auf der Bühne präsentiert wurde, hat 635 PS und schafft 327 Kilometer pro Stunde. In der Coupeform sind sogar vier km/h mehr drin. Da glaubt man den Satz von Wolfgang Schreiber doch gern: „Genug für alle Lebenslagen.“
Große Rede am Ende
Mehr als Pausenfüller, denn als ernstzunehmendes Modell ist der Giugiaro Clipper mit seinen in scheinbar alle Himmelsrichtungen öffnenden Türen zu sehen. Der 4,50 Meter lange Design-Traum verfügt über sechs Einzelsitze und jede Menge Bildschirme. Nach ihm wurde es wieder etwas lauter auf der Bühne, denn Porsche-Chef Matthias Müller donnerte mit einem Porsche 911 GT1 vor die wartenden Gäste. Das Le Mans-Gesamtsiegerfahrzeug von 1998 sollte schon mal die Vorfreude auf den 919 Hybrid wecken, mit dem Porsche in diesem Jahr in Le Mans nach dem Sieg greift. Grundsolide zeigte sich die Abteilung VW Nutzfahrzeuge mit ihrem Multivan Alltrack. Nutzfahrzeug-Chef Eckhard Scholz schwärmt: „Ein Modell für alle Wege des Lebens. Der sieht in dem Mondstein-Perleffekt nicht nur vor der Oper, sondern auch im Gelände gut aus. Der VW Bus ist seit über sechseinhalb Jahrzehnten der Maßstab seiner Klasse. Und wir werden dafür sorgen, dass das auch so bleibt!“. Seine geballte Faust unterstrich dabei ein wenig zu theatralisch seine deutlichen Worte.
Mit bereits bekannten 1.200 PS donnerte ein weiteres Sondermodell der Marke Bugatti in die Halle. Der Rembrandt Bugatti ist das vierte Fahrzeug der Legendfahrzeug-Reihe, die auf dem Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse basiert. Es ist, inklusive der 414.200 Euro betragenden Mehrwertsteuer, fast 2,6 Millionen Euro teuer und 408,84 Kilometer pro Stunde schnell. Mit wesentlich weniger Kraft aber sichtbar mehr Schwung rollte Ducati-Chef Claudio Dominicali auf die Bühne – und verpasste den geplanten Haltepunkt um einen knappen Meter. Die Ducati Diavel ist mit Voll-LED-Frontscheinwerfern ausgestattet.In einem VW T-Roc fuhr VW-Entwicklungsvorstand Heinz Jakob Neußer vor. Der SUV im Golfformat hat 184 Diesel-PS, ist dank seiner MQB-Bauweise mit nahezu allen Antriebsformen kompatibel und hat zudem herausnehmbare Dachhälften. „Wir würden den gerne bauen. Mal sehen, was Sie dazu sagen“, wendete er sich ans Publikum. Der ebenfalls auf die Bühne rollende VW Golf GTE ist laut Neußer „der GTI mit Plug-In-Technik.“ Er ist in der Lage 50 Kilometer rein elektrisch zurückzulegen und hat eine Reichweite von annähernd 1.000 Kilometern.
Den Schlussakkord legte der Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG Martin Winterkorn in der längsten Rede des Abends, in der er stark auf die bereits erreichten Teilziele in puncto Effizienzsteigerung und Nachhaltigkeit des Konzerns aufmerksam machte. „Wir denken und gestalten Mobilität ganzheitlich. Schon jetzt bieten wir 54 Modellvarianten, die unter 100 Gramm CO2 auf einem Kilometer ausstoßen. Über 320 liegen unter 120 Gramm. Wir bieten die größte reale CO2-Sparflotte der Welt.“ Neben den bereits erreichten Zielen läutete er ein neues Zukunftsmodell mit dem Namen Future Tracks ein, das sich der Herausforderung stellen soll, sich noch schneller auf die Veränderungen im Markt einzustellen. Ein Facelift von morgen könnte so zum Beispiel per Softwareupdate in der heimischen Garage vollzogen werden. Gleichzeitig könnten als Resultat des immer schneller wechselnden Interesses die Modellzyklen kürzer und die Frage, ob jedes bestehendes Modell einen Nachfolger haben müsse, mit Nein beantwortet werden. „Wir sind überzeugt, dass die besondere Faszination Auto auch in Zukunft ihren Platz haben wird“, rundete er den Abend ab.
Autor:Marcel Sommer, Stand: 2014-03-03 22:46:00
Fotos: press-inform









