Fahrbericht: Jaecoo 5 EV

Das Erstlingswerk der Chery-Gruppe für Europa hört auf den Namen Jaecoo 5 EV. Kann der Mini-Range-Rover im ersten Test beeindrucken?

Der kleine Range Rover aus Fernost

Die chinesische Chery-Gruppe startet den nächsten Versuch, auf dem europäischen Automarkt Fuß zu fassen. Nachdem die erste Welle chinesischer Anbieter mit viel Vorschusslorbeeren und unfertigen Vertriebsstrukturen landete, schicken die Asien-Strategen nun ihre spezialisierte SUV-Marke Jaecoo ins Rennen.

Das Erstlingswerk für Europa hört auf den Namen Jaecoo 5 EV und macht aus seiner optischen Inspiration keinen Hehl. Der vollelektrische Crossover spielt ungeniert die Range-Rover-Karte und punktet mit einem selbstbewussten Auftritt, solider Technik sowie einer Fertigung, die ab Anfang 2027 im spanischen Barcelona gemeinsam mit dem Partner Ebro erfolgen soll.

Optik mit British-Vibes und überraschendem Platzangebot

Optisch mimt der Jaecoo 5 EV den edlen Briten im Kompaktformat. Während die Verbrenner-Varianten mit einem mächtigen Kühlergrill vorfahren, setzt der Stromer auf eine geschlossene Front mit aktiven Luftklappen im unteren Lufteinlass, die Aerodynamik und Thermomanagement unterstützen. Obwohl Chery das SUV offiziell im B-Segment einsortiert, fällt der Stromer mit 4,38 Metern Länge, 1,86 Metern Breite und 1,65 Metern Höhe deutlich erwachsener aus und wildert ungehemmt in der Kompaktklasse.

Dieser Größenzuwachs kommt unverschlüsselt im Innenraum an. Selbst im Fond genießen erwachsene Passagiere überraschend viel Bewegungsfreiheit. Der Kofferraum bietet ein Ladevolumen von 384 bis 1.284 Litern, ergänzt durch ein großes Unterbodenfach für ein Notrad sowie eine herausnehmbare LED-Taschenlampe für nächtliche Beladeaktionen. Unter der Fronthaube parkt zudem ein nützlicher 35-Liter-Frunk zur Unterbringung des Ladekabels. Serienmäßig ist außerdem eine Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) an Bord, die externe Elektrogeräte mit bis zu 3,3 kW versorgt. Im Cockpit dominieren ein hochkant verbauter 13,2-Zoll-Zentral-Touchscreen und ein digitales 8,9-Zoll-Instrumenten-Display. Während das Armaturenbrett oben angenehm unterschäumt ist, regiert weiter unten zwar harter, aber sauber verarbeiteter Kunststoff.

Kompakter 7-in-1-Antrieb mit Mini-Verbrauch

Unter der Blechhaut basiert der Jaecoo 5 EV auf Cherys modularer T1X-Multi-Antriebsarchitektur. Um die bauartbedingten Nachteile einer Mischplattform auszugleichen, setzen die Ingenieure auf eine besonders kompakte Antriebseinheit. Das sogenannte 7-in-1-System kombiniert Elektromotor, Getriebe, Steuergerät, Gleichspannungswandler und Bordlader in einem Gehäuse. Der E-Motor an der Vorderachse leistet 155 kW beziehungsweise 211 PS und stemmt 288 Nm Drehmoment. Damit beschleunigt das 1.785 Kilogramm schwere SUV in 7,7 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 175 km/h.

Als Energiespeicher dient ein LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) mit 61 kWh Brutto- und 58,9 kWh Nettokapazität, der ohne Nickel sowie Kobalt auskommt und als besonders langlebig gilt. Im WLTP-Zyklus wird die Reichweite mit 402 Kilometern angegeben. Auf der Testfahrt inklusive schnellerer Autobahnetappen begnügte sich der Bordcomputer mit einem erfreulich bodenständigen Verbrauch von 17,6 kWh/100 km. An Gleichstrom-Säulen lädt der Chinese mit bis zu 130 kW, wodurch der Speicher in 34 Minuten von 10 auf 80 Prozent steigt. Ein echter Schwachpunkt für den mitteleuropäischen Winter: Eine energiesparende Wärmepumpe fehlt in der deutschen Ausstattungsliste komplett, was bei Kälte spürbare Reichweiteneinbußen nach sich ziehen dürfte.

Komfortables Fahrwerk mit Schwächen in der Lenkpräzision

Fahrwerksseitig vertraut Jaecoo auf eine Kombination aus MacPherson-Vorderachse und einer aufwendigen Mehrlenker-Hinterachse mit Schraubenfedern und Querstabilisatoren. Die Abstimmung präsentiert sich spürbar komfortabel und wirkt harmonischer sowie weniger nervös als bei vielen Mitbewerbern aus Fernost. Kurze, harte Bodenwellen bringen die Dämpfung zwar gelegentlich an ihre Grenzen, insgesamt bügelt der Stromer Straßenunebenheiten jedoch gelassen glatt.

Nachholbedarf besteht hingegen bei der Lenkung, an der die europäischen Ingenieure im Entwicklungszentrum Raunheim noch feilen müssen. Die Lenkung arbeitet spürbar zu indirekt, gibt kaum Rückmeldung von der Fahrbahn und verlangt in Kurven nach ständigen Korrekturen. Zudem machen sich beim kräftigen Beschleunigen deutliche Antriebseinflüsse des Frontantriebs im Volant bemerkbar.

Beim Preis bläst der Jaecoo 5 EV zum Angriff auf die etablierte Konkurrenz. Die Basisversion Select startet bei äußerst attraktiven 32.400 Euro, während die gehobene Exclusive-Ausstattung für 35.400 Euro unter anderem belüftete Kunstledersitze, ein großes Panoramadach und ein Sony-Soundsystem bietet. Damit unterbietet der Chinese Konkurrenten wie den Kia EV3 oder den Skoda Elroq spürbar, muss sich allerdings dem Leapmotor B10 stellen. Kann Jaecoo das noch überschaubare deutsche Händlernetz zügig ausbauen und bei der Lenkungsabstimmung nachbessern, hat der stilvoll gezeichnete Preisbrecher beste Chancen, etablierten E-SUVs spürbare Marktanteile abzujagen.

Technische Daten Jaecoo 5 EV

  • Motor: Elektro, vorn
  • Leistung in PS (kW) bei U/min-1: 211 (155)
  • Max. Drehmoment (Nm) bei Umin-1: 288
  • Höchstgeschwindigkeit (km/h): 175
  • Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 7,7
  • Getriebe: 1-stufiges Reduktionsgetriebe
  • Antrieb: Front
  • Tank (L): 61 kWh
  • Verbrauch EU-Drittelmix (l/100 km): 16,5
  • CO2-Ausstoß (g/km): 0
  • Gewicht, Herstellerangabe (kg): 1.785
  • max. Zuladung (kg): 400
  • Abmessungen (L/B/H): 4380 / 1860 / 1650
  • max. Ladevolumen (L): 384
  • Preis (Euro): 35.400
  • Basismodell (Euro):  32.400
  • Effizienzklasse: A
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