
Teures Vergnügen
Wer am Donnerstag zu schnell unterwegs ist, hat große Chancen zur Kasse gebeten zu werden. Beim Blitzermarathon gehen 13.000 Polizisten auf die Jagd nach Verkehrssündern.
Noch mal eben schnell zum Einkaufen fahren oder das vergessene Kind vom Fußballplatz abholen – wer am Donnerstag, den 18. September, nicht wenigstens ein Auge auf dem Tachometer hat, für den könnte es teuer werden. Denn beim Blitzermarathon in allen 16 Bundesländern wird nach Temposündern Ausschau gehalten. Und das, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sei es die feste oder die mobile Radarfalle in Form einer Laserpistole, oder einfach nur simple Verkehrskontrollen, dem deutschen Autofahrer wird 24 Stunden lang genau auf die Finger und den Gasfuß geschaut. Damit möglichst viele Sünder und noch mehr Euros dingfest gemacht werden können, stehen 13.000 Polizeibeamte von morgens sechs Uhr parat. Im vergangenen Jahr wurden auf diese Art und Weise rund 80.000 Verkehrssünder geschnappt.
Wer jetzt glaubt, dass nur auf das Tempo geachtet wird, der irrt jedoch. Die Temposünderjagd steht zwar im Vordergrund der hauptsächlich öffentlichkeitswirksamen Aktion, doch wird auch auf alle anderen Verstöße geachtet. So steigt mit der Benutzung einer modernen Laserpistole die Chance unangeschnallte oder mit einem Smartphone hantierende Autofahrer zu stellen. Denn ein Blick durch die Optik eines solchen Messgerätes zeigt nicht nur Entfernung und Tempo an, sondern gewährt einen lupenhaften Einblick ins Fahrzeuginnere. Rund 500 Meter weit entfernte Fahrzeuge können so schon unter die Laserpistolen-Lupe genommen werden, lange bevor der Fahrer die Kontrolle überhaupt bemerkt. Von der Thekenweißheit, dass für eine gültige Geschwindigkeitsmessung zwei mehrere Meter auseinanderliegende Punktmessungen benötigt werden, muss sich im Falle einer Laserpistole verabschiedet werden. Ein einzelner Knopfdruck reicht und die Geschwindigkeit inklusive Übertretungs-km/h ist abzulesen. Übrigens: ob telefoniert, gesimst oder sonst irgendetwas mit dem Smartphone gemacht wurde, ist völlig unerheblich. Es reicht, das an- oder auch ausgeschaltete handliche Büro in der Hand gehalten zu haben. Ein Satz wie „Sie können gern in mein Handy reinschauen, ich habe nicht telefoniert“ sind daher völlig nutzlos.
Wem ein angekündigter Blitzermarathon Grund genug ist, um auf das Fahrrad umzusteigen, sollte auch gewarnt sein. Denn mit dem Kaffee in der einen, dem Smartphone in der anderen Hand und womöglich noch mit Kopfhörern bestückt steht einem Bußgeld ebenfalls nichts im Wege. Selbst zu schnelles Fahrradfahren kann mithilfe einer Laserpistole nachgewiesen werden. Eine kleine reflektierende Fläche wie ein vorgeschriebenes Katzenauge reicht schon aus. Hat die Radarfalle zugeschnappt, geht in vielen Fällen eine wahre Schmierenkomödie los. „Bin gerade auf dem Weg zum Arzt. Das ist mein erstes Mal. Ich bin doch gerade erst losgefahren…“ Polizisten haben schon alles gehört. Besonders beliebt ist natürlich der Hinweis, dass „doch lieber vor Kindergärten, als an der Hauptstraße geblitzt werden solle“. Ob die Polizisten noch vor fünf Minuten dort standen und innerhalb von zwei Stunden lediglich einer autofahrenden Mutter sagen mussten, dass ihr Scheinwerfer falsch eingestellt ist, spielt dabei keine Rolle.
Wie auch schon beim letzten Blitzermarathon im Jahr 2013 werden die Messstellen zuvor bekannt gegeben. Zudem konnten sich auch in diesem Jahr Einwohner spezielle Standorte wünschen. In Essen und Mülheim an der Ruhr wurden verstärkt Kinder befragt und sich nach ihnen richtend zehn beziehungsweise fünf gewünschte Messstellen eingerichtet. Prinzipiell ist es Polizeibeamten jedoch gestattet, an jeder noch so wenig befahrenen Stelle ihren Messpunkt zu installieren. Und auch ein Positionswechsel ist normalerweise nicht an eine Weisung gebunden. An den heutzutage sehr schnell informierten Radiostationen und ihren Warnungen stören sie sich allerdings nicht. Nicht alles, was dort als Radarfalle gemeldet wird, ist auch tatsächlich eine. Ob in diesem Jahr der letztjährige, zugegeben traurige Rekord gebrochen wird, steht in den Sternen. Damals fuhren zwei Autofahrer auf der Autobahn 1 bei Schwelm mit 250 Kilometern pro Stunde durch eine 120er-Zone – und wurden geschnappt.
Autor:Marcel Sommer, Stand: 2014-09-17 10:44:00
Fotos: Marcel Sommer
