BYD bläst mit seiner Luxus-Abteilung Yangwang zur Großoffensive. Nachdem man erst mit dem 503,17 km/h schnellen Supersportwagen U9 Extreme einen neuen Elektro-Weltrekord in Sachen Höchstgeschwindigkeit aufgestellt hat, gibt es nun mit dem Altior den Griff nach der Superluxusklasse. Dabei wirkt die große Limousine überraschend rückständig auf den zweiten Blick.
Allein mit seiner physischen Präsenz von 5,60 Metern Länge, 2,03 Metern Breite und einem gigantischen Radstand von 3,50 Metern überragt das elektrische Dickschiff selbst die Aristokraten des Westens bei den Außenmaßen spürbar. BYD-Vize Stella Li spricht selbstbewusst von nicht weniger als dem „Ausdruck erhabener Kraft“.
Das Phantomschmerz-Design: Fortschritt oder zahnloser Abklatsch?

Optisch will man sich auf die formgebende Inspiration des „Ding“, eines altchinesischen zeremoniellen Bronzegefäßes, dessen massive Statur Würde und Stärke ausstrahlen soll, beziehen. Zusammen mit einer nahezu senkrechten Frontpartie, 21-Zoll-Rädern in polierter Scheiben- oder Vielspeichen-Optik sowie einem 24-Karat-vergoldetem Kühlergrill-Emblem soll der Altior höchste Erhabenheit ausstrahlen.
Doch sobald man den Blick über die Silhouette gleiten lässt, verfliegt der Zauber der noblen Fernost-Kultur im Nebel der Kopieranstalt. Gegenläufig öffnende Coach Doors, die sich im Fond bis zu 90 Grad aufschwingen, und maßgefertigte Regenschirme im Türrahmen schicken einen grußlosen Wink gen Goodwood.
Man dachte, China sei weiter. Die Kopie nicht mehr nötig, weil man eigene Impulse, eigene Innovationen setzen kann. Der Yangwang Altior wirkt deshalb nicht wie ein Statement des Fortschritts, sondern eher wie ein Rückschritt. Egal aus welcher Perspektive man es betrachten will, man wird das Phantom nicht los, dass hier einfach nur das Abziehbild eines Rolls-Royce steht. Und das wirkt nicht besonders luxuriös, egal wie edel die verarbeiteten Materialien auch sein mögen.
Fernöstlicher Juwelier-Barock im Innenraum

Im Innenraum ziehen die Entwickler alle Register chinesischer Kunsthandwerkskunst, um das viersitzige Cockpit in ein rollendes Refugium zu verwandeln. Entlang der Mittelachse, die vom vorderen Breitwand-Display bis zur Lounge im Fond reicht, herrscht strikte Symmetrie. Die Ausströmer der Belüftung sind aus von Hand polierter gelber Hetian-Jade gefertigt, während die Polsterung Suzhou-Seidenstickereien mit feinen Wolkenmustern auf Semianilin-Leder vereint. Und die 48 metallenen Zierelemente wurden während der Entwicklung mit kleinen Hämmern angeschlagen, um Haptik und Ton bei der Bedienung zu perfektionieren.
Die Passagiere auf den zwei hinteren Zero-Gravity-Sesseln genießen gewaltige 1,21 Meter Beinfreiheit und ein mechanisches Vier-Kopf-Massagesystem. Ein auf Knopfdruck aktivierbarer Entspannungsmodus neigt die Sitze, schließt die Sonnenschutzrollos, dimmt das Licht und stimmt den Duft im Raum ab. Für Bespaßung sorgt ein elektrisch ausfahrbarer 21,4-Zoll-Dachbildschirm im Fond, untermalt von einem Dynaudio-System mit 39 Lautsprechern, dessen Hochtöner beim Motorstart dramatisch ausfahren. Zwei integrierte Kühlschränke – inklusive 5,5-Liter-Fach mit Heiz- und Kühlfunktion im Fond – runden das Luxus-Kabinett ab.
Überlegenes Tech-Feuerwerk unter der Blechhaut

Wo die barocke Optik spaltet, klotzt die Marke technisch ungeniert. Der Altior basiert auf der e⁴-Plattform mit vier unabhängig voneinander gesteuerten Elektromotoren, die das Drehmoment an jedem Rad mehr als 100-mal pro Sekunde anpassen. Auch die von Yangwang bekannten Tricks wie Schwimmfähigkeit, und Panzerwende beherrscht der Altior. Die Einsatzszenarios in China schein auf alles vorbeireitet. Das vollaktive Fahrwerk DiSus arbeitet überdies mit einem vorausschauenden Kamerasystemen und gleicht Karosseriebewegungen in Echtzeit aus.
Als Energiespeicher dient BYDs Blade-Batterie der zweiten Generation, gekoppelt an eine 1000-Volt-Architektur für Megawatt-Flash-Charging. Sie soll dem chinesischen Zyklus nach über 1000 Kilometer Reichweite garantieren, was realistisch für etwa 700 Kilometer reichen sollte. Das hauseigene Fahrassistenzsystem „God’s Eye A“ übernimmt auf Basis eines 4-Nanometer-Chips Autopilot-Navigationsaufgaben auf Level 2.
Vorbestellbar ab 280.000 Euro

In China ruft BYD für das neue Aushängeschild einen Vorbestellpreis von 2,08 Millionen Yuan auf – was umgerechnet etwa 280.000 Euro entspricht. Damit ist er kein Schnäppchen, aber zumindest etwas günstiger, als das britische Original. Mit den Stückzahlen dürfte es dennoch schwierig werden, auch wenn der Altior offiziell in erster Linie auf Staatskarossen-Flotten, Sammler sowie die Haute Volée im Nahen Osten und Asien zielt.
Dass es selbst für BYD im aktuellen Marktumfeld schwierig ist, zeigen die Verkaufszahlen in der eigenen Heimat: Konnte man im Premierenjahr 2024 noch deutlich über 1000 Einheiten pro Monat an den Mann bringen, haben sie die Zahlen seither kontinuierlich verschlechtert, selbst verglichen mit dem schwächelnden Gesamtmarkt. In diesem Jahr brachte es die Luxusmarke noch nicht einmal auf 5000 Einheiten insgesamt. Schiere Gigantomanie und ungehemmter Zitaten-Klau machen eben noch kein automobiles Kunstwerk.




