
Im Osten nichts Neues
Auf der Istanbul Autoshow präsentiert Fiat die einzige Weltpremiere. Wesentlich sehenswerter und vor allem informativer sind allerdings die Hostessen neben den vielen bereits bekannten Fahrzeugen.
Die Türkei wird immer wichtiger für Automobilhersteller aus aller Welt. Doch anders als vielleicht gedacht, liegt die zunehmende Liebe für das Land am Bosporus darin begründet, dass hier viele Fahrzeuge produziert, aber nicht wirklich verkauft werden. So wundert es kaum, dass sich auf den rund 100.000 Quadratmetern der Istanbul Autoshow nahezu keine automobile Neuheit ausmachen lässt. Einzig Fiat lässt mit dem Project-Aegea eine echte Weltpremiere von der Kette. Anders als vermutet stellt er jedoch nicht den Nachfolger des in der Türkei erfolgreichen Linea dar, sondern eine komplett neue Modellreihe. Soll heißen, die Chance auch weiterhin in einem der zahllosen Linea-Taksis, türkisch für Taxi, im Verkehrschaos der 14 Millionen-Metropole im Stau zu stehen, ist weiterhin gewaltig.
Der im türkischen Bursa produzierte Italiener ist 4,50 Meter lang, 1,78 Meter breit und 1,48 Meter hoch. Er bietet fünf Personen und 510 Litern Gepäck Platz und verfügt über ein fünf Zoll kleines Infotainmentsystem. Weitere Details zur einzigen Messe-Neuheit gibt selbst auf Nachfragen leider nicht. So verläuft ein Interview mit Luca Napolitano, Fiat Chef Europa, Mittlerer Osten und Afrika, recht inhaltslos. „Ist der Aegea Project ober- oder unterhalb des Linea anzusiedeln?“ Antwort: „Kein Kommentar.“ Ob er sich die vier Motoren mit Leistungen von 95 bis 120 PS mit weiteren Fiat-Modellen teilt: „Würde Sinn machen. Aber: Kein Kommentar.“ Und selbst auf die Friedensangebot-Frage, ob denn wenigstens der Name des im November in der Türkei und im kommenden Jahr in Deutschland auf den Markt kommenden Fiats schon feststehe, gibt es nur ein „Eher nicht… oder… Kein Kommentar.“
Wenn es denn schon nichts über die einzige, fest verschlossene, Weltneuheit zu berichten gibt, dann doch über die Tatsache, dass hier so manches Vorurteil gnadenlos bestätigt wird. So verrät Can Mete Paker, BMW Group Verkaufs- und Produktmanager in der Türkei: „Der 3er BMW läuft hier bei uns am besten. Knapp 8.000 Dreier-Limousinen und -GT verkaufen wir pro Jahr. Auf Platz zwei liegt der Fünfer. Zudem versuchen wir den Touring hier im Limousinen-Land Türkei auf den Markt zu bekommen.“ Dass die kleinen Motoren die vorderen Verkaufsplätze einnehmen, ist bei einem Super-Preis von umgerechnet 1,63 Euro und dem Diesel-Preis von 1,39 Euro pro Liter äußerst nachvollziehbar. Zumal der Verkehr, in dem sehr gern der Vordermann per Hupkonzert zum aktiven Lückenfüllen angetrieben wird, den Normverbrauch vollends zur Utopie verwandelt.
Politische Käufe
Von den im Westen bereits bekannten Fahrzeugen, sorgen Modelle wie der frische Skoda Superb, der Mercedes GLA Coupe oder der neue VW Bus für die größten Menschenaufläufe. Zwei Fahrzeuge, die zu ihrer Zeit wahre Stars auf der Straße waren, sind jedoch noch beliebter: Da wäre zum einen eine französische Königin, die Citroen DS und das Wunderauto K.I.T.T. aus der Erfolgsserie Knight Rider. Letzterer versetzt nicht nur die kleinen Gäste der Istanbul Autoshow in Aufruhr. Wird von dem Menschenauflauf während der Fiat-Pressekonferenz einmal abgesehen, liegt der schwarze TransAm unangefochten auf dem vordersten Platz der Publikumslieblingsliste. Und auch ein aus dem Harry Potter-Film bekannt gewordener Ford Anglia 105 E sorgt für den einen oder anderen verwunderten, aber sofort danach durch eine Kameralinse schielenden Blick.
Aktuell beherrscht jedoch ein ganz anderes Thema die türkischen Autokäufer von morgen: Die Wahl steht an. Nein, nicht die des Autos des Jahres. Sondern die des Staatschefs. Mit unzähligen Fähnchen und Wimpeln wird auf den großen Tag hingefiebert. Das Fieber geht dabei soweit, dass vor allem die Städter sich kurz vor dem großen Schritt zurück gen Mittelalter sehen. Weswegen einige von ihnen einen längst anstehenden Fahrzeugkauf noch auf den Tag nach dem Tag X verlegen. „Sollte Erdogan an die Macht kommen, werden wir davon absehen uns einen neuen Mercedes zu kaufen. Dann werden wir uns einen alten Gebrauchten holen und so schnell wie möglich das Land verlassen“, verrät eine um die einst so fortschrittliche Zukunft besorgte Lehrerin. Vielleicht muss es nicht unbedingt ein alter Gebrauchter sein. Ab November steht ja ein neuer, eventuell namenloser aber dafür eigenständiger Fiat Irgendwas zum Kauf bereit. Solange die Hupe funktioniert, kann alles andere eigentlich auch egal sein.
Autor:Marcel Sommer, Stand: 2015-05-22 08:16:00
Fotos: Marcel Sommer









