Reportage: Transporter werden elektrisch

Immer mehr setzen sich bei Lieferdiensten elektrische Transporter durch. Das Angebot reicht vom gepanzerten MAN-Geldtransporter bis zu Massenauslieferungen von Amazon, DHL und Co. Für die Produktionsstätten ist die Umstellung dringend notwendig, doch alles andere als einfach.
Foto: Mercedes
Mercedes eSprinter 2024 (Foto: Mercedes)

Große Stadtrundfahrt

Immer mehr setzen sich bei Lieferdiensten elektrische Transporter durch. Das Angebot reicht vom gepanzerten MAN-Geldtransporter bis zu Massenauslieferungen von Amazon, DHL und Co. Für die Produktionsstätten ist die Umstellung dringend notwendig, doch alles andere als einfach.

Auf langen Routen haben Transporter mit elektrischem Antrieb so ihre liebe Mühe, doch im citynahen Umfeld sieht das ganz anders aus. Kein Wunder, dass immer mehr Nutzfahrzeughersteller ihre Transporter mit einem elektrischen Antrieb anbieten. Marken wie MAN, Mercedes, Fiat, Ford oder VW haben Erfolgsmodelle wie Transit, Ducato oder Sprinter nicht nur mit drehmomentstraken Dieseltriebwerken, sondern längst auch mit Elektromotoren im Portfolio. Einige Modellgenerationen werden in den kommenden zwei Jahren schrittweise komplett elektrisch.

Bestes Beispiel ist der neue Mercedes Sprinter, der seit kurzem nicht nur in seinem Stammwerk in Düsseldorf, sondern nunmehr auch in Charleston / South Carolina vom Band läuft. Seit Mitte 2006 liefen aus dem Südstaatenwerk mehr als 200.000 Transporter vom Typ Mercedes Sprinter und Metris vom Band – vorrangig für den US-Markt. Doch die einstige Fertigungsstelle von SKD-Fahrzeugen mit seinen gerade einmal hundert Mitarbeitern wurde in North Charleston ein neues Werk für den elektrischen Sprinter mit mehr als 1.600 Angestellten. So wurde die einstige SKD-Stätte für mehr als 500 Millionen Dollar unter anderem um eine neue Karosseriewerkstatt, Lackiererei und Montagehalle erweitert. „In Zukunft werden wir der stetig steigenden Nachfrage für batterieelektrische Transporter schnell nachkommen und, dank unseres intelligenten und flexiblen Produktionssystems, sehr präzise auf die Anforderungen der verschiedenen Märkte antworten und zugleich unsere Kapazitäten optimal nutzen können“, sagt Ingo Ettischer, Leiter Mercedes-Benz Vans Global Operations.

Ford E-Supervan 2023 Pikes Peak (Foto: Ford)
Fiat E-Ducato 2024 (Foto: Stellantis)
Fiat E-Ducato 2024 (Foto: Stellantis)
Mercedes eSprinter 2024 (Foto: Mercedes)
Ford E-Transit 2024 (Foto: Ford)
Ford E-Transit 2024 (Foto: Ford)
Ford E-Transit 2024 (Foto: Ford)
Ford E-Transit 2024 (Foto: Ford)
Ford E-Transit 2024 (Foto: Ford)

Der neue eSprinter ist zunächst in den USA und Kanada als langer Kastenwagen mit Hochdach und einer 113 kWh starken Batterie erhältlich. In den europäischen Märkten werden zwei weitere Batteriegrößen mit 56 kWh und 81 kWh nutzbarer Kapazität angeboten. Zusätzlich wird der eSprinter zu einem späteren Zeitpunkt erstmals auch als offenes Baumuster verfügbar sein, das in Marienfelde gefertigt wird. Das soll ihn für neue Branchen sowie für Aus- und Aufbauhersteller attraktiver machen. Der 130 Kilogramm schwere Permanentmagnet-Synchronmotor wird in den beiden Leistungsstufen mit 100 kW / 136 PS und 150 kW / 204 PS angeboten, die maximal 400 Newtonmeter Drehmoment leisten. Das Ladevolumen des eSprinters liegt bei 14 Kubikmetern, das zulässige Gesamtgewicht beträgt bis zu 4,25 Tonnen. Die maximale elektrische Reichweite liegt bei 430 Kilometern.

Fiat Ducato

Einen ähnlichen Weg wie Mercedes geht auch Renault mit seinem Master. Mehr denn je soll es bei der kommenden Generation um mehr Reichweite, hohe Zuladung und niedrige Betriebskosten gehen. Um diese Ziele zu erreichen, bietet der französische Hersteller seinen Transporter mit zwei in Bezug auf Kapazität, Größe und Masse angepasste Batterien an. Dafür baut der Master auf einer neu entwickelten Plattform auf, deren aerodynamischer Aufbau mehr Reichweite bringen soll, da Luftwiderstand und Stirnfläche um 20 Prozent verbessert wurden. Für die neuen Elektroversionen wurde die Produktionsstätte Batilly in der Nähe von Metz umfangreich umgebaut. Nach der Umstellung können im Osten Frankreichs auf einer Fertigungslinie flexibel die unterschiedlichen Varianten mit Verbrennungsmotor, Elektro- und Wasserstoffantrieb in den entsprechenden Karosserievarianten hergestellt werden. Damit ist der Transporter mit zwei Akkuoptionen mit Kapazitäten mit 40 und 87 kWh erhältlich. Mit einem Normverbrauch von 21 kWh / 100 km mit der größeren 87-kWh-Batterie verbraucht der Master 27 Prozent weniger Energie als sein Vorgänger und soll mit einer Nutzlast von mehr als 1,6 Tonnen und einer Anhängelast von 2,5 Tonnen zunehmend eine Alternative zu Dieselversionen sein. Angetrieben wird der neue Renault Master mit Elektromotoren, die wahlweise 96 kW/130 PS oder 105 kW/143 PS / 300 Nm leiten. Während mit dem kleinen Akkupaket 200 Kilometern bis zum nächsten Ladestopp drin sind, schafft die Version mit 87-kWh- Akku bis zu 460 Kilometer.

Ford Transit

Fiat produziert seinen weltweit so erfolgreichen Ducato seit fast vier Jahrzehnten im Werk Sevel Sud im italienischen Val di Sangro. Unter Führung des Stellantis Konzerns stellte Fiat seine Nutzfahrzeug- Produktion in den vergangenen zwei Jahren auf eine größere Flexibilität in Sachen Elektrifizierung um. Sevel in der Nähe von Pescara ist mit knapp 6.000 Arbeitskräften und einer Produktionsfläche von 300.000 Quadratmetern eine der größten Fabriken von leichten Nutzfahrzeugen. Von hier aus werden die verschiedenen Ducato-Modelle in mehr als 80 Länder exportiert – in knapp 40 Jahren waren es mehr als 3,5 Millionen Fahrzeuge. Ging es viele Jahre allein um die effizienten Commonrail-Diesel, so wird auch der Ducato zunehmend elektrisch. Die neue Generation des E-Ducato aus dem Werk in Sevel hat mit 200 kW / 272 PS / 400 Nm deutlich mehr Leistung als alle Wettbewerber. Dabei soll der 110-kWh-Akku Reichweite von 420 Kilometern ermöglichen – in Relation zum Vorgänger ein Plus von 30 Prozent. Wie bisher bietet der Fiat E-Ducato mit den drei Fahrmodi unterschiedliche Gewichtungen von Reichweite, Leistung und Höchstgeschwindigkeit. Zudem lässt sich die Rekuperation über Schaltwippen am Lenkrad variabel beeinflussen, um zwischen Bremsenergierückgewinnung und Freilauf zu wählen. Auf den Fertigungslinien wird neben dem elektrischen Fiat Ducato auch die Dieselversionen der Emissionsnorm Euro 6E gefertigt, die wahlweise mit 120, 140 und 180 PS verfügbar sind.

Ford offeriert den elektrischen Transit künftig in allen möglichen Variationen: Von 5,5 bis 6,7 Meter Länge, von gut 2,4 bis fast 2,8 Meter Höhe – als Kasten mit und ohne Fenster, mit Doppelkabine, als Kühlfahrzeug oder für eigene Aufbauten, von 7,2 bis 15,1 Kubikmeter Ladevolumen. Die Bandbreite der Elektromotoren reicht von 135 kW / 184 PS bis zu 198 kW / 269 PS / 430 Nm. Die Reichweiten variieren mit dem vergleichsweise kleinen 60-kWh-Akkupaket zwischen 238 und 305 Kilometern. Gefertigt wird der Transit im für zwei Milliarden Dollar umgebauten Werk Ford Otosan Gölcük im türkischen Kocaeli. Neben den Elektroversionen wird der Transit unverändert auch als Diesel sowie im Unterschied zur internationalen Konkurrenz ab Sommer auch als Plug-in-Hybride angeboten.

Autor:

Stefan Grundhoff, Stand: 2024-02-11 13:09:00
Fotos: Mercedes