
Die schwarze Seele
Rolls-Royce überarbeitet den derzeit teuersten Geländewagen der Welt dezent und spendiert dem Cullinan ganz nebenbei eine noch schwärzere Seele.
Nach ein paar Jahren, zumeist sind es drei bis fünf, bekommt ein Auto in den meisten Fällen eine Überarbeitung, um sich an neue Technologien anzupassen und fit für die zweite Hälfte des Lebenszyklus zu sein. In den meisten Fällen beinhaltet die Modellpflege neue Leuchteinheiten an Front sowie Heck, einen geänderten Innenraum mit größeren Displays sowie eine aufgefrischte Motorenpalette. So weit jedoch nur das dröge Alltagsgeschäft zwischen Allerweltsautos wie VW Passat, Toyota Prius oder Hyundai EV6. Bei den Luxusmarken sieht es zumeist nicht viel anders aus, denn auch hier wird mit der Modellpflege entsprechend nachgeschärft. Und selbst Rolls-Royce, edelster aller Luxushersteller, macht hier keine Ausnahme.
Doch wer sich nach dem grandiosen Elektrocoupé des Rolls-Royce Spectre beim Cullinan auf neue Triebwerke, einige entsprechende Elektrifizierung und einen Designsprung gefreut hatte, der kennt den Autobauer aus Goodwood schlecht, denn dieser geht nur allzu gerne seinen ganz eigenen Weg: luxuriös, elitär und abseits der meisten Normen. So gibt es nur leichte Retuschen an Front wie Heck, auf Wunsch mächtige 23-Zöller und einige Spirit-Bedienungen des elektrischen Spectre. Doch ein nennenswerter Leistungsnachschlag bleibt ebenso außen vor wie ein spürbar reduzierter Verbrauch, ein Hochvoltnetz oder gar ein Elektromodul. Der Cullinan bleibt dabei auch als Cullinan Series II in Sachen SUV oder Geländewagen das Maß aller Dinge. Ein 441 kW / 600 PS starker Kraftprotz, für den es bei allem Luxusambiente im Innern auf und abseits befestigter Pisten ein Halten gibt. Der Verbrauch ist mit 16 bis 16,8 Litern Super auf 100 Kilometern gewaltig – stören wird das keinen der Kunden. Sie genießen die einzigartige Detailliebe, die nach der Modellpflege noch imposanter erscheint als ohnehin schon.
Wem der Cullinan nicht ungewöhnlich genug sein mag, steigt ins Große Schwarze. Rolls-Royce war einigen Kunden und solchen, die es werden sollten schlicht zu zahm. Wer sportliches begehrte, der wechselte vor Jahren allzu gerne ins Bentley-Lager. Doch mit der Black-Badge-Baureihe lockten die bayrischen Briten einige neue Kunden an. Jenes Klientel, dass es gerne etwas jünger, etwas wilder und etwas düsterer mochte. Der Name Black Badge konnte treffender nicht sein und jenes Topmodell ist gerade auch bei dem gigantischen Über-SUV, dem Rolls-Royce Cullinan, beliebter denn je. Viel geändert hat sich mit der Modellpflege des Cullinan auch als Black Badge nicht – die Qualitäten sind optisch wie technisch bekannt. Wenn er im Rückspiegel auftaucht, heißt es schleunigst verschwinden, denn die Frontansicht könnte auch aus Downtown Manhattan mit seinen gigantischen Wolkenkratzern stammen. Die Detailänderungen an Front und Heck sind das eine; die imposanten Fahrleistungen des 6,8 Liter großen V12-Kraftpakets das andere. Unverändert bietet der über 2,5 Tonnen schwere Allradkoloss 441 kW / 600 PS und ein maximales Drehmoment von 900 Nm.
Nadel und Faden
Doch Rolls-Royce sind scheinbar ganz andere Details wichtig. So wurde eine Lederperforation erschaffen, die ihresgleichen sucht und eher einer Leinwand denn einer Sitzbespannung gleichkommt. So wurde von den Kreativkräften des BMW-Ablegers ein spezielles Muster entworfen, das von den Formen und Schatten der Wolken über der Heimat von Rolls-Royce in Goodwood inspiriert sein soll: die insgesamt 408.284 Perforationen mit Größen zwischen 0,8 und 1,2 Millimeter sorgen neben der ungewöhnlichen Optik für eine Klimatisierung der Bestuhlung. Auf Wunsch sind Sitze und Oberflächen mit einem Stoff bezogen, der aus natürlichen Bambusfasern hergestellt wurde. Dieses Material mit der Bezeichnung Duality Twill kann je nach Kundenwunsch aus bis zu 2,2 Millionen Stichen und 18 Kilometer an Faden bestehen.
Um ein gleichmäßiges Muster zu gewährleisten, wird jedes Modul in 20stündiger Handarbeit einzeln gefertigt, bevor es mit einem speziell entwickelten Laser geschnitten wird. Das Basistextil ist in drei Farben erhältlich – Flieder, Schokolade und Schwarz – zudem können Kunden aus 51 verschiedenen Garnfarben wählen. Perfekt abgestimmt darauf: der beleuchtete Cullinan-Schriftzug vor dem Beifahrer mit seiner filigranen Cityscape-Grafik auf 7.000 Elemente. Wer lieber ein eigenes Motiv eingearbeitet sehen möchte: den Wünschen sind kaum Grenzen gesetzt. Das gilt auch für den Preis.
Autor:Stefan Grundhoff, Stand: 2024-05-07 14:00:00
Fotos: Rolls-Royce










