
Dolce Vita – jeden Tag
In einer automobilen Welt, in der wöchentlich neue Marken angeschwemmt werden, scheint es nur mehr wenige Konstante zu geben. Ein hybrider SUV von Alfa Romeo wirkt ebenfalls wie ein emotionslos kalkuliertes Erfordernis dieser Zeit. Und doch: Zieht man einmal an einem der gigantischen Schaltpaddles aus Aluminium wirkt das wie ein Anker, der seinem Piloten emotionalen Halt gibt.
VW Tiguan, BMW X1, Cupra Ateca, Mercedes-Benz GLA, Audi Q3, Ford Kuga, Hyundai Tucson, Kia Sportage – das Konkurrenzfeld in der Klasse der kompakten SUV könnte kaum dichter sein. Seit Jahren ist es das Boom-Segment der Branche, viele Hersteller fahren gleich mehrere Modelle in dieser Kategorie auf. Und von den rein elektrischen Wettbewerbern aus China möchte man gar nicht anfangen. Wo steht hier eine Marke wie Alfa Romeo, die man eher diesseits hochbeiniger Stadt-Allradler verorten möchte? Mit dem Tonale wollen die Mailänder Überzeugungsarbeit leisten. Er will mehr sein als eine Alternative. Er will Herz und Seele ansprechen. Den Verstand sollen andere bedienen. Denn die unbequeme Wahrheit ist: Mit preußischer Tugend vermessen wird der schöne Italiener den Vergleich nicht gewinnen. Höher, schneller, weiter, günstiger, das können andere jeweils besser. Die Frage muss deshalb lauten, warum man auf dem Papier nach Talenten strebt, die im wahren Leben nur eine untergeordnete Rolle spielen?
Man darf natürlich nicht alles nur mit Schönheit verargumentieren, wovon der Tonale allerdings wahrlich viel von seinen Designern mit auf den Weg bekommen hat. Auch sollte man nicht nur die schönen Retro-Zitate aus der Alfa-Geschichte anführen, wie etwa die sündig filigranen Fünfloch-Felgen, den schwebenden „Trilobo“, also den Kühlergrill, die vorderen Lampen, die an den SZ erinnern wollen, die liebevolle hintere Lichtsignatur oder die Dach-Linie im Stil der Bertone-Giulia. Denn das alles schätzt zwar der Alfisti, nicht aber der Impulskäufer, der nicht in die Vergangenheit, sondern bloß in die Zukunft blickt. Für ihn spielt die Größe und der Raum eine wesentlichere Rolle. Zum Glück punktet der Tonale hier mit seinem doch recht harmonischen Verhältnis von Länge (4,53 Meter), Breite (1,84 Meter) und Höhe (1,60 Meter). Er bietet für seine Klasse ein gutes Raumangebot, auch der Kofferraum packt einiges weg. Gerade unter dem Gesichtspunkt des Platzangebots verdient die Stilistik-Abteilung noch größeren Respekt: Denn das, was nach Mailänder Maßschnitt aussieht, trägt sich bequem wie der Trainingsanzug aus Herzogenaurach.
Und so zieht es sich durch alle Bewertungskriterien. Ob Motor, Chassis, Qualität oder Infotainment, der Tonale mag auf den ersten Blick oft nicht das verkörpern, was der Sportwagenfahrer oder der Alfaclub- Veteran von ihm erwarten würde. Am Ende ist er dann aber doch in Summe bemerkenswerter als die Konkurrenz, weil er seine Talente neu interpretiert und den Geist des „Cuore Sportivo“ für eine völlig neue Generation zugänglich macht. Etwa beim Antrieb. Der Tonale Q4 ist ein Plug-In-Hybrid, der seinen Antrieb mit einem 132 kW / 180 PS starken Vierzylinder-Turbo aus schmalen 1,3 Litern Hubraum auf die Vorderräder und einer 122 PS starken Elektromaschine auf die Hinterräder kombiniert. Im System bringt er es auf 206 kW / 280 PS und 520 Newtonmeter, die ihn in gut sechs Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und maximal 206 km/h schnell machen. Er drängt diese Werte im Alltag nie auf, sein DNA- Fahrprogrammschalter startet am Morgen stets im „N“-Modus, der den gelungenen Spagat der optimalen Kombination von Elektrokraft und Benzinpower spreizt, ohne dabei ständig neue Ladedruckrekorde aufzustellen. Wer den Golf GTI an der Ampel versägen möchte, der klickt besser in das „Dynamic“- Programm. Hier fährt nicht nur der Motor mit scharfer Kennlinie vor, auch die Lenkung verhärtet sich und die adaptiven Dämpfer schalten auf ungefilterten Fahrbahnkontakt. Im „Advanced Efficiency“-Modus holt der Tonale PHEV dann alles aus seinem elektrischen Kraftspeicher heraus, in unserem Test waren das locker 40 Kilometer, die man rein aus der Kraft der Lithium-Ionen zurücklegen konnte. Sein Normverbrauch liegt bei 1,3 Litern Super auf 100 Kilometern. Nachgeladen werden kann mit maximal 7,4 kW.
Italienischer Chic
Im Alltag geht es allerdings selten um Zahlen. Es geht darum, dass man den Alfa am Abend an die Steckdose hängt und am Morgen wieder die volle E-Unterstützung ausnutzen kann. Ob das Fahrprofil dann viel rein elektrischen Betrieb vorgibt, oder die gemischte Fahrweise: Man merkt es eher selten. Im Stop- and-Go des Berufsverkehrs verliert sich die Ortung der jeweils laufenden Maschine schnell und man genießt stattdessen die wunderbar filigranen Tachouhren im Stil der legendären Giulia der Sechziger, dreht den Lieblingssong aus der famosen Harman/Kardon-Anlage lauter und nickt anerkennend ob der kristallklaren und überraschend einfach dargestellten Menüstruktur des großen Zentral-Touchscreens. Der Preis des Plug-in-Hybriden: mindestens 50.600 Euro. Die edle Tributo-Edition ist nochmals 9.000 Euro teurer.
Plötzlich stellt man fest, wie gut das Lenkrad in der Hand liegt, wie fein das Leder verarbeitet ist und wie unglaublich edel die mächtigen Aluminium-Schaltwippen hinter dem Lenkrad aufragen. Denn es sind genau diese Dinge, die den Reiz des Alfa Romeo Tonale ausmachen: die kleinen Details, die am Ende das große Ganze ausmachen. Und sie sind es, die zeigen, dass man in Mailand auf dem richtigen Weg ist. Man hat kein Auto für die Hardliner gebaut, für die Besserwisser und die Erbsenzähler. Man hat ein Auto für Genießer des Jetzt gebaut. Ein Auto, das in die Zeit passt, ohne zu langweilen. Ein Auto mit Charakter. Ein Auto, dass jede Fahrt und jeden Tag ein bisschen schöner macht. Autor: Fabian Mechtel
Autor:Zaid Hamid, Frankfurt, Stand: 2024-06-12 20:24:00
Fotos: Zaid Hamid / Stellantis










