Aston Martin Vanquish Volante

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VonWolfgang Gomoll

10. August 2025

Helm ab zum Gebet

Der Aston Martin Vanquish Volante ist der britische Gegenentwurf zum Ferrari 12Cilindri. Er ist elegant und dynamisch zugleich. Wenn der Zwölfzylinder mit seinen 614 kW / 835 PS zum Tanz bittet, bricht eine einzige Urgewalt über den Fahrer herein, die ihresgleichen sucht.

Manche Dinge sind zeitlos. Sei es die Hermes Birkin Bag bei den Damenhandtaschen oder die Omega Speedmaster Professional als Moonwatch, die einzige Uhr, die mit den Apollo-Missionen auf dem Erdtrabanten war. Der Retrotrend ist auch bei den Automobilen ungebrochen. Zumindest bei den Supersportwagen, für deren Preis man sich auch ein Einfamilienhaus kaufen könnte. Der Ferrari 12Cilindri Spider ist bereits jetzt ein in Blech gepresster Klassiker. Der Antrieb ist dementsprechend. Ein Zwölfzylinder sorgt auch bei der Oben-Ohne-Version aus Maranello für den angemessenen Vortrieb. Danke Ferrari, dass ihr auf einen jammernden Vierzylinder-Verbrennungsmotor mit Elektromotorunterstützung verzichtet habt. Nominelle Leistung hin oder her. Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch mehr Hubraum.

Aston Martin wäre nicht Aston Martin, wenn die Briten da nicht mitziehen würden. Der Aston Martin Vanquish Volante ist der britische Gentleman-Gegenentwurf zum Heißsporn aus Maranello. Ebenfalls mit einem prächtigen 5,2-Liter-Zwölfzylinder-Biturbomotor unter der Haube, der 614 kW / 835 PS auf die Hinterachse bringt. Aber eben ein ganz anderer Typ. Nicht derart auf Sportlichkeit getrimmt. Souverän und dennoch flott. Es ist ein bisschen wie bei den Musikern: der britische Pop-Barde Sting und die Italo-Rockröhre Gianna Nannini. Doch wer glaubt, dass der Vanquish Volante lediglich ein gediegenes Herrenfahrer-Cabrio ist, irrt sich gewaltig. Edel, elegant, stilsicher. Definitiv. Langweilig? Mitnichten! Das Kraftwerk aus Gaydon ist zwar keine Neuentwicklung, aber ein Meisterwerk, das jedem klassischen Motortuner als Blaupause dienen kann. Die Ingenieure haben den Zylinderblock und die Pleuel verstärkt, die Zylinderköpfe neu gestaltet, die Nockenwellen sowie die Ein- und Auslasskanäle neu profiliert. Leichtere Turbolader als bei den bisherigen V12-Aggregaten drehen um 15 Prozent schneller als bisher, was mehr Leistung bringt. Die geringere Trägheit wirkt sich zudem positiv auf das Ansprechverhalten aus. Um die Emissionsziele zu erreichen, haben die Techniker neue Einspritzdüsen mit einer um zehn Prozent höheren Durchflussrate verbaut. Für Zwischenspurts steht die Boost-Funktion zur Verfügung, bei der der Ladedruck für eine begrenzte Zeit erhöht wird. Doch das tritt alles in den Hintergrund, sobald die zwölf Töpfe zum Leben erwachen.

Der Antritt dieses Oben-ohne-Gentleman-Sportlers ist animalisch brutal. Auch wenn es sich bei einem stilvollen Briten wie dem Aston Martin Vanquish Volante nicht geziemt, solche Vergleiche in den Mund zu nehmen, beschreiben sie doch das Szenario, wenn man die zwölf Zylinder zum Tanz bittet. Öffnet man das Dach, heißt es „Helm ab, zum Gebet!“ Das maximale Drehmoment von brachialen 1.000 Newtonmetern prügelt derart unbarmherzig auf die 21-Zoll-Pneus ein, dass die Gummis kurz verzweifelt nach Grip suchen, ehe es unwiderstehlich voran geht. Selbst Anzeigen des digitalen Tachos, haben Schwierigkeiten, mit der Urgewalt mitzuhalten. Die letzte Ziffer der Geschwindigkeitsanzeige mutiert zu einem Strich. Nach 3,4 Sekunden knackt der Volante die 100-km/h-Marke und lässt es erst bei 345 km/h gut sein. Wenn andere von der Elastizität des Motors zwischen 80 km/h und 120 km/h schwärmen, lächelt der Vanquish Volante nur müde. Für ihn beginnt der Spaß erst da, wo bei vielen Elektromobilen der Vortrieb aufhört. Sobald man bei 160 km/h auf das Gas steigt, verpasst einem der Brite einen derart heftigen Magenschwinger, dass einem die Luft wegbleibt. Der Aston Martin Vanquish hat wenige Gegner und ist ein Asphalt-Alphatier. Das ist mobiler Darwinismus in Reinkultur.

Allen Agilitätsfetischisten, die jetzt reflexartig „Geradausbolzen kann jeder, in den Kurven liegt die Wahrheit“ einwerfen, können wir ganz entspannt den Wind aus den Segeln nehmen. Zugegeben, der Aston Martin Vanquish Volante ist mit seinen 1.880 Kilogramm Lebendgewicht (96 Kilogramm mehr als beim Coupé, hauptsächlich wegen der Dachmechanik) und einem Radstand von 2,885 Metern kein Serpentinen-Floh wie der Mazda MX-5. Aber der britische Gentleman schwingt auch in engen Serpentinen fröhlich das Tanzbein. Dabei hilft auch die fast perfekte Achslastverteilung von 49,5 : 50,5 (vorne/hinten, Coupé: 49 : 51). Das liegt auch daran, dass sich das Heck an dem schnellen Walzer beteiligt. Das liegt auch am E-Differenzial, das innerhalb von 135 Millisekunden von vollständig geöffnet auf 100 Prozent Sperrwirkung umschalten kann und so der Hinterachse Beine macht. Die Domstrebe im Motorraum und der im Vergleich zum Coupé etwas stärkere Stabilisator an der Vorderachse machen sich beim Einlenken positiv bemerkbar. Gänzlich kaschieren können sie das Gewicht aber auch nicht. Lange Kurven sind das natürliche Habitat des Oben-Ohne-Sportlers. Nervig ist allerdings, dass die Sicherheitsgurte bei höherer Geschwindigkeit flattern, sobald die Seitenfenster unten sind.

Das Fahrwerk mit den adaptiven Billstein-Dämpfern, die bereits im DB12 zum Einsatz kommen, haben die Techniker für den Vanquish  anders abgestimmt. „Wir haben die hydraulische Dämpfung reduziert, weil wir dem Fahrer die Kontrolle überlassen wollen“, erklärt Chefingenieur Simon Newton. Auch wenn die Vanquish-Karosserie per se ziemlich steif ist, muss bei einem fehlenden Dach etwas nachgebessert werden. „Wir haben auf großartige Versteifungen verzichtet“, so Simon Newton. Ganz ohne geht es nicht. Die Techniker haben unter anderem die Karosseriestruktur im Bereich der hinteren Stirnwand verstärkt und zudem noch eine Strebe aus Carbon eingezogen. Die Wandstärke der seitlichen Schwellerprofile ist mit sechs Millimeter doppelt so dick wie beim Coupé. Um das Zusatzgewicht im Heck auszugleichen, haben die Ingenieure die Federhärte beim Roadster um etwa sieben Prozent erhöht (74 Newton pro Millimeter beim Volante und 69 N/mm beim Coupé) und die Software der adaptiven Dämpfer entsprechend angepasst. Das Feintuning ist gelungen und das Fahrwerk ist harmonisch.

In den beiden Dynamik-Programmen Sport und vor allem Sport+ ist das Ganze natürlich straffer, aber dennoch nicht unkomfortabel. Die Lenkung fügt sich nahtlos in dieses gelungene Gesamtbild ein, da die Sportlichkeit nicht mit extrem großen Rückstellkräften gleichgesetzt wird. Die Rückmeldung über den Straßenzustand beziehungsweise die Traktion ist jedenfalls eindeutig. Apropos: Der GT-Fahrmodus verdient seinen Namen und ist für entspannte lange Touren gedacht. Allerdings werden die Befehle des Gaspedals mit gebremstem Schaum umgesetzt. Wir fühlten uns beim Sport-Programm am besten aufgehoben. Auch der Verbrauch steigt nicht ins Unermessliche. Nach der langen Testfahrt stand ein Verbrauch von 15,8 l/100 km auf der Uhr. Beim Infotainment gibt es ebenfalls Neuigkeiten. Im Volante kommt auf Wunsch Apple CarPlay Ultra zum Einsatz. Mit diesem System stehen auch neue Ansichten im 10,25 Zoll großen Instrumentendisplay zur Auswahl und über den ebenso großen Touchscreen lässt sich nun auch die Klimaanlage steuern. Bleibt noch der Preis: Der Vanquish Volante kostet 417.000 Euro und ist damit geschmeidige 31.000 Euro teurer als das Coupé. Dafür darf man sich dann beim Kofferraum einschränken, der bei geschlossenem Dach ein Ladevolumen von 219 Litern hat. Ist die Stoffmütze unten, sind es 187 Liter. Damit ist der Chronistenpflicht Genüge getan. Das Volante-Erlebnis entschädigt für solche Praktikabilitäts-Nachteile.

Datenblatt Aston Martin Vanquish Volante

  • Typ: Supersportwagen
  • Motor: V12-Biturbo
  • Hubraum (cm3): 5,2 Liter
  • Leistung in PS (kW) bei U/min-1: 835 (614) bei 6.500 
  • Max. Drehmoment (Nm) bei Umin-1: 1.000 bei 2.500 bis 5.000
  • Höchstgeschwindigkeit (km/h): 345
  • Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 3,4
  • Getriebe: Achtgang-Automatik
  • Antrieb: Hinterradantrieb
  • Treibstoffsorte: Super Plus
  • Tank (L): 82
  • Gewicht, Herstellerangabe (kg): 1.880
  • Abmessungen (L/B/H): 4.850 / 2.044 / 1.296 (L/B/H)
  • max. Ladevolumen (L): 219
  • Preis (Euro): 417.000

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