Herzenssache
BYD setzt die Mission „Deutschland erobern“ fort. Der BYD Seal 6 DM-i Touring soll den Durchbruch bringen. Der Plug-in-Hybrid-Kombi macht seine Sache gut, leistet sich jedoch ein paar kleine Schwächen.
Bei Ankündigungen sind die chinesischen Hersteller schnell dabei. Nicht immer folgen den großen Worten auch die entsprechenden Taten. Deshalb war der Erfolg in Deutschland bisher mehr als überschaubar. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „活到老,学到老“ – auf Deutsch sinngemäß: „Man lernt nie aus.“ Das beherzigt BYD und nimmt in Deutschland einen neuen Anlauf. Dieser Schuss muss sitzen. Das weiß man auch in Shenzhen. Eine Schwäche war bisher das zu grobmaschige Händlernetz. „Wir wollen in Deutschland nachhaltig und stufenweise wachsen“, sagt Deutschlandchef Lars Bialkowski. Bis Ende 2025 sollen hierzulande mindestens 120 Händler aktiv sein, bis Ende 2026 rund 300. Laut dem Manager sei man auf einem guten Weg, diese Ziele zu erreichen.
Zur Wahrheit des Autogeschäfts gehört aber auch, dass die größte Zahl an Schauräumen und Werkstätten nichts nützt, wenn das Produkt die Erwartungen der Kunden nicht erfüllt. Nimmt man die Verkaufszahlen, ist der chinesische Autobauer noch ein gutes Stück von den eigenen Ambitionen entfernt. Die für Europa verantwortliche Managerin Stella Li hatte rund 50.000 verkaufte Einheiten in Deutschland als Ziel für das Jahr 2025 ausgegeben. Bis Ende August kam BYD zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen nur auf 8.412 Neuzulassungen. Ein eklatanter Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mit dem Seal 6 DM-i Touring soll es nun der Kombi richten. Vor der SUV-Welle war der Kombi des Deutschen liebstes Kind und ist bei Dienstwagenfahrern immer noch gefragt. „Wir wollen in Deutschland als europäischer Hersteller wahrgenommen werden. Dazu zählt dieses Auto, da es in das Herz der deutschen Nachfragestruktur zielt“, strahlt Lars Bialkowski.

Die Daten des Plug-in-Hybrids in der Topversion Comfort lesen sich vielversprechend: 156 kW / 212 PS Leistung, ein Akku mit einer Kapazität von 19 Kilowattstunden, der eine rein elektrische Reichweite von 100 Kilometern ermöglicht, sowie einen Durchschnittsverbrauch von 1,7 Litern pro 100 Kilometer. Dank des 65-Liter-Benzintanks kommt der Teilzeitstromer bis zu 1.350 Kilometer weit. Das ist Musik in den Ohren eines jeden Langstreckenfahrers. Allerdings hat der Marathon-PHEV mit mindestens 49.990 Euro auch seinen Preis. Wer 1.000 Euro weniger in die Hand nimmt, bekommt die Comfort-Lite-Version, mit der wir unterwegs waren. Sie hat zwar den identischen Antriebsstrang, doch in der Ausstattung gibt es ein paar Unterschiede. Zum Beispiel misst der zentrale Touchscreen lediglich 12,8 statt 15,6 Zoll, und ist BYD-untypisch nicht rotierbar Das virtuelle Cockpit ist bei beiden Versionen mit 8,8 Zoll identisch groß.
Das Kürzel DM-i steht bei BYD für Dual-Mode-Intelligence. Das verbindet die alte mit der neuen Antriebswelt: Ein Verbrennungsmotor kombiniert mit einer E-Maschine. Während bei den meisten Konkurrenten der Benziner die Oberhand hat, stellt BYD dieses System auf den Kopf. „Electro first“ lautet die Devise. Also hat der 145 kW / 197 PS starke E-Motor die meiste Zeit das Kommando, und der 72 kW / 98 PS starke Verbrenner greift bei Bedarf ihr unter die Arme. Das führt zu einem stromerähnlichen und damit angenehm unangestrengten Fahrgefühl – zumindest, solange man es entspannt angehen lässt. Die Fahrleistungen sind dementsprechend: Nach 8,5 Sekunden erreicht der 1.805 Kilogramm schwere Kombi aus dem Stand Landstraßentempo und ist bis zu 180 km/h schnell. Passt also. Genauso wie der Durchschnittsverbrauch von 1,7 Litern pro 100 Kilometern. Wir kamen auf 5,8 l/100 km, waren aber auch schneller auf Autobahnen unterwegs. Die DC-Ladeleistung ist mit 26 kW in Ordnung; an der Wallbox sind es maximal 6,6 kW.

Geht man die Sache ambitionierter an, offenbart der Seal 6 DM-i Touring ein paar Schwächen. Tritt man etwa bei 100 km/h voll aufs Gas, ist es mit der ganz großen Herrlichkeit vorbei. Erst meldet sich der Benziner hörbar zu Wort, dann dauert es knapp drei Sekunden, ehe es merklich vorangeht. Bei konstant 145 km/h arbeitet der Verbrennungsmotor dauerhaft und hörbar. Apropos: Will man einen Blick auf das Aggregat werfen, muss man die schwere Motorhaube mit eigener Körperkraft nach oben wuchten. Gasdruckdämpfer? Fehlanzeige. Das dürfte vor allem zierlichen Personen nicht besonders gefallen. Apropos Dämpfer: Das Fahrwerk macht seine Sache im Großen und Ganzen gut. Allerdings wippt die Karosserie bei Bodenunebenheiten leicht nach, und auf schlechten Straßen agieren Federn und Dämpfer etwas bockig.
Im Innenraum spielt der BYD-Kombi seine Stärken aus. Die Verarbeitung ist gut, und die Materialien wirken wertig. Kleine Details wie die verkleideten Innenrahmen der Türen und das Brillenetui über dem Seitenfenster neben dem Fahrer gefallen uns. Wenn man über 1,85 Meter groß ist, kommt man dem Längsholm mit dem Kopf allerdings ziemlich nah. Platz ist im 4,84 Meter langen Rucksack-Fahrzeug ohnehin kein Thema. Im Fond kann man es sich durchaus bequem machen. Auch der Kofferraum ist mit einem Fassungsvermögen von 675 Litern geräumig. Klappt man die Lehnen der Rückbank um, steigt der Ladeboden leicht an, und das Volumen wächst auf 1.535 Liter. Der Kleiderhaken in der Heckklappe ist eine gute Idee – genauso wie die beiden Haken, um die Einkaufstaschen zu fixieren. Dank der V2L-Funktion dient der BYD Seal 6 DM-i Touring auch als Stromquelle für Haushaltsgeräte.

Das Infotainment folgt dem üblichen BYD-Schema. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit findet man sich gut zurecht. Wie beim Smartphone genügt längeres Drücken auf die Kacheln, um sich den Homescreen selbst einzurichten. Wer will, kann sein Smartphone per Android Auto oder Apple CarPlay integrieren. Bei unserem iPhone klappte das auch drahtlos problemlos. Der BYD Seal 6 DM-i Touring kommt in diesen Tagen in den Handel. Wer kein Kilometerfresser ist, sollte einen Blick auf die Boost-Version werfen. Sie hat eine Systemleistung von 135 kW/184 PS und einen Akku mit einer Kapazität von 10,8 kWh, der für 50 km reicht. Damit ist diese Version des Teilzeitstromers von der 0,5-Prozent-Regelung ausgeschlossen. Der Preis: mindestens 42.990 Euro.
Technische Daten BYD Seal 6 DM-i Touring
- Typ: Mittelklasse‑Kombi
- Motor: Vierzylinder-Turbobenziner
- Hubraum (cm3): 1.498
- Leistung in PS (kW) bei U/min-1: 212 (156)
- Höchstgeschwindigkeit (km/h): 180
- Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 8,5
- Getriebe: Automatik
- Antrieb: Vorderradantrieb
- Treibstoffsorte: Suoer
- Tank (L): 65
- Verbrauch EU-Drittelmix (l/100 km): 1,7
- CO2-Ausstoß (g/km): 39
- Gewicht, Herstellerangabe (kg): 1.805
- Abmessungen (L/B/H): 4.840 / 1.875 / 1.505 (L/B/H)
- max. Ladevolumen (L): 675 bis 1.535
- Preis (Euro): 48.990
- Basismodell (Euro): 42.990












