Kleiner Hubraum, große Ambition
Mit dem Junior will Alfa Romeo im stark besetzten Feld der kleinen SUV Marktanteile von Konkurrenten wie dem VW T-Roc abgewinnen. Dabei zielt er mit einem 48V-Hybridsystem überraschend stark auf den Verstand. Doch was sagt das Herz?
Alfa Romeo steht seit jeher für Temperament, Leidenschaft und den feinen Unterschied, der aus einem Auto eine Persönlichkeit macht. Doch der neue Junior Ibrida schlägt ein anderes Kapitel auf. Statt glühender Vierzylinder und fauchender V6 will er als ein kompakter SUV mit Dreizylinder und Mildhybridtechnik überzeugen. Technisch teilt sich der Junior seine Basis mit Konzernmodellen wie dem Peugeot 2008 oder dem Jeep Avenger, doch wer jetzt an beliebige Gleichteilestrategie denkt, täuscht sich. Alfa hat das Chassis neu abgestimmt, die Lenkung gestrafft, die Dämpfer härter ausgelegt und das Fahrprogramm eigenständig kalibriert. Unter der Haube arbeitet der bei Stellantis vielfach eingesetzte 1,2-Liter-Dreizylinder-Turbobenziner mit 136 PS, unterstützt von einem 21-kW-Elektromotor, der direkt in das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe eingreift. Zusammen ergibt sich eine Systemleistung von 145 PS und ein maximales Drehmoment von 230 Nm.

Die Daten machen klar, dass der 48 Volt-Mildhybrid mit seiner nur 0,89 kWh fassenden Lithium-Ionen-Batterie kein elektrisches Kraftwerk ist. Die kleine E-Maschine füllt Drehmomentlöcher, ermöglicht kurze elektrische Sekunden beim Anfahren und spart damit im Stadtverkehr messbar Kraftstoff. Beim Ampelstart schiebt der Junior fast lautlos an, das Turboloch bleibt aus, so gelingt der Standardsprint in 8,9 Sekunde. Beim Rollen im Stop-and-Go pausiert der Verbrenner sicher die Hälfte der Zeit. Ob das häufige Pausieren allerdings wirklich gewünscht ist? Der Junior Ibrida überrascht positiv. Das Fahrgefühl ist direkter als bei seinen Stellantis-Brüdern, die Rückmeldung präziser, das Fahrwerk spürbar sportlicher abgestimmt. In schnellen Kurven bleibt der Aufbau neutral, die Federung arbeitet straff, aber nie unkomfortabel. Das gilt besonders dann, wenn man den Dynamic-Modus des DNA-Schalter gewählt hat. Hier zeigt der 4,17 Meter lange SUV, dass er mehr ist als ein Marketingprodukt. Gasannahme, Schaltcharakteristik und Lenkkräfte wirken wie nachgeschärft, der Junior fühlt sich lebendig an. Nicht laut, aber hellwach. Auf der verwinkelten Landstraße fühlt sich der Junior klein, präzise und willig an. Zwar nicht messerscharf wie der große Stelvio QV oder andere Sport-SUV, aber spürbar engagierter als viele direkte Rivalen.

Der Bremsdruckpunkt ist schwammig, das Pedalgefühl nicht immer sauber dosierbar, was auch an der Einsteuerung der Rekuperation des 48V-Hybridsystems liegen könnte. Das Doppelkupplungsgetriebe dürfte in gemächlichen Situationen ebenfalls etwas geschmeidiger agieren; beim Rangieren oder Stop-and-Go zeigt es bisweilen leichte Entscheidungsschwächen. Auf der Autobahn wiederum überzeugt der Antrieb durch eine überraschende Laufruhe. Das kleinvolumige Dreizylinder-Aggregat arbeitet im Alltag leise und vibrationsarm, solange man es nicht überfordert. Wer ihn ausdreht, bekommt den typischen rauen Unterton eines Dreienders zu hören. Im Hybrid-Zusammenspiel funktioniert das Gesamtsystem überzeugend, bleibt insgesamt aber blass. Im realen Mischbetrieb pendelt sich der Verbrauch zwischen 5,3 und 6,0 Litern ein. Respektabel für ein Auto dieser Leistungsklasse. Wer viel Stadtverkehr fährt und den Hybrid sinnvoll nutzt, kann den Wert noch etwas drücken. Der 48-Volt-Mildhybrid zeigt sich genügsam, wenn man ihn nicht permanent fordert.
Innen zeigt sich der Junior Ibrida eigenständiger als seine Plattformgeschwister. Das Cockpit ist fahrerorientiert gestaltet, mit tiefem Sitz, klaren Anzeigen und der für Alfa typischen Doppelinstrumentenform. Das 10,3-Zoll-Infotainmentdisplay ist leicht zum Fahrer geneigt, die Bedienlogik ordentlich, wenn auch nicht ganz so flüssig wie bei manchem deutschen Wettbewerber, Apple CarPlay und Android Auto retten die meisten Nutzer deshalb im Alltag. Harte Kunststoffe verzieren die Türverkleidungen, einfache Oberflächen Griffleisten. Vorne sitzt man sportlich-tief, mit sehr gutem Seitenhalt der sündhaft schönen Sabelt-Schalensitze und ordentlicher Beinfreiheit. Im Fond wird es eng; da sind Kamiq oder T-Roc großzügiger, doch der Junior will eben eher zu den stilvoll Kompakten als zu den Familienpraktikern gehören. Der Kofferraum fasst 415 Liter. Das ist mehr als ein Jeep Avenger, aber etwas weniger als Peugeot 2008 oder ein T-Roc. Die Rücksitzlehnen lassen sich 60:40 umklappen.

Auf der Kostenseite bleibt der Junior fair positioniert: solide Serienausstattung mit Abstandstempomat, Notbremsassistent, Verkehrszeichenerkennung und automatische Klimaanlage. Optional lassen sich Matrix-LED-Scheinwerfer, Totwinkelwarner, Spurhalte- und Stauassistent hinzubuchen, deren Aufpreise moderat bleiben. Dazu kommt eine Wertstabilität, die dank Alfa-Romeo-Design und Hybridtechnik besser ausfallen dürfte als in früheren Jahren. Die Garantie läuft über drei Jahre ohne Kilometerlimit, was Vertrauen schaffen soll und eine bewusste Geste einer Marke ist, die in puncto Zuverlässigkeit einen gewissen Ballast mitschleppt.
Datenblatt Alfa Romeo Junior Ibrida
- Motor: Dreizylinder-Turbo, 48V-Hybrid
- Hubraum in ccm: 1.199
- Leistung in PS (kW): 136 (100)
- Drehmoment in Nm: 230
- Elektromotor: Permanentmagnet-Synchron-Elektromotor
- Leistung in PS (kW): 29 (21)
- Drehmoment in Nm: 55
- Systemleistung in PS (kW): 145 (107)
- Höchstgeschwindigkeit (km/h): 200
- Beschleunigung 0-100 km/h (sek.): 8,9
- Getriebe: 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe eDCT6
- Antrieb: Front
- Tank (l) und Batteriekapazität (kWh) : 44 und 0,42 netto
- Verbrauch EU-Drittelmix (l/100 km): 4,8
- Gewicht, Herstellerangabe (kg): 1.380 / 485 kg Zuladung
- max. Ladevolumen (l): 415 bis 1.280
- Grundpreis (Euro): 30.450 (Junior)
















