Sportversionen als Mogelpackung

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VonStefan Grundhoff

26. Mai 2026

Gespielte Sportlichkeit

GTI, GSE, Alpine oder JCW – einst lief gerade jüngeren Autofans bei diesen Buchstabenkombinationen ein wohliger Schauer über den Rücken. Die Sportversionen von kompakten Volumenmodellen waren das eigentliche Salz in der Suppe – die Traumwagen, die sich viele irgendwie leisten wollten. Doch die einstigen Sportabzeichen sind im Elektrozeitalter zu müden Buchstabenkombinationen verkommen. 

Volkswagen hat mit seiner ID-Familie in den vergangenen Jahren mächtig Prügel einstecken müssen – mit den neuen Generationen soll das anders werden. Und wenn der vermeintliche VW ID 2 schon zum ID Polo umgewidmet wird, um an gute alte Zeiten zu erinnern, dann soll ein GTI auch gleich das Aushängeschild sein. Die drei magischen Buchstaben haben zwar eher den Golf zur kompakten Sportwagenlegende werden lassen, doch auch als Polo war das Topmodell ein wahrer Energieriegel. Ging es einst bei 120 PS los, erstarkte der Polo GTI über die Jahre mächtig. 150, 180 und schließlich 200 PS. Mit knapp 240 km/h Spitze machte der kleinste Spaßmacher im Hause Volkswagen Jagd auf andere Vitaminbomben wie Mini John Cooper Works oder Peugeot 207 GTI oder Opel Corsa OPC. Die Preise lagen bei 23.000 bis 28.000 Euro. Sportausstattung und Doppelkupplungsgetriebe inklusive.

Davon ist beim elektrischen VW ID Polo GTI nicht viel mehr als der Namensannex geblieben. 166 kW / 226 PS und eine achsparallele Anordnung des Elektromotors vom Typ APP 290 – steht für 290 Nm maximales Drehmoment – hören sich erst einmal ganz gut an. Doch während bereits die Beschleunigung 0 auf Tempo 100 in unter sieben Sekunden in heutigen Zeiten kaum jemanden die Augenbraue hochziehen lässt, sieht es bei der Höchstgeschwindigkeit ganz bitter aus. Bei 175 km/h ist Schluss. Da war selbst der erste VW Golf GTI im Jahre 1976 mit seinem 81 kW / 110 PS starken 1,6-Liter-Vierzylinder schneller: 182 km/h. Was bringen Hightech-Motor, ausgetüfteltes Fahrwerk und Retrocharme, wenn es an der einfachsten Messgröße eines Sportwagens hapert: der Höchstgeschwindigkeit. Ganz bitter: selbst der aktuell schwächste VW Golf 1.5 TSI mit gerade einmal 85 kW / 116 PS schafft 203 km/h. Bereits die vermeintlich auf Sportlichkeit getrimmten GTX-Versionen der Wolfsburger wurden bei Geschwindigkeiten abgeriegelt, die mit der Schnelligkeit vergangener Jahrzehnte nur wenig zu tun hatten.

Doch der unangenehme Lapsus ist keine Ausnahme, denn bei vielen Wettbewerbern sieht es kaum anders aus. Opel macht es kaum besser. Die Rüsselsheimer verbauen im neuen Corsa GSE mit 207 kW / 281 PS einen nochmals deutlich stärkeren Elektromotor an der Vorderachse. Sportfahrwerk, eng anliegende Sportsitze und allerhand Marketing-Reminiszenzen an die Nordschleife sollen die Dynamik unterstreichen. 345 Nm Drehmoment und 0 auf Tempo 100 in 5,5 Sekunden sind durchaus gute Werte. Doch auch die neue Sportskanone wird bei 180 km/h eingebremst. Da wird auf der linken Spur der Autobahn bereits eng, wenn die weiße Lieferantenarmee mit Mercedes Sprinter oder Fiat Ducato im Rückspiegel auftaucht. 

Auch Alpine kann seiner Sportversion des schicken Renault 5 nur mäßig Beine machen. Der Alpine A 290 ist in zwei Versionen zu bekommen. Die Normalversion mit 132 kW / 180 PS verbreitet nicht viel mehr Sportlichkeit als die 150 PS starke Standard-Version. Die GTS-Variante bietet zumindest auf dem Papier schnelle 160 kW / 220 PS – wird jedoch bei müden 170 km/h gestoppt. Einst liefen die benzingetriebenen Sportversionen aus La Dieppe 220 km/h und schneller. Dass sich Cupra mit dem Raval VZ hier nicht abheben kann, mag schon wegen des Fahrzeugdesigns, der Positionierung und nicht zuletzt dem stattlichen Basispreis überraschen. Technisch identisch mit dem VW ID Polo GTI gibt es zwar ein scharfes Design, doch trotz 166 kW / 226 PS ist auch hier bei Tempo 175 Schluss mit lustig. Das Ganze für mehr als 43.000 Euro. So wird es schwer anspruchsvolle Kunden zu gewinnen, die einen Kleinwagen mit schnittigem Sportabzeichen fahren wollen.

Fiat hat bei seinen elektrischen Abarth-Modellen das gleiche Problem. So scharf sich die Modellbezeichnung Abarth 600e Scorpionissima oder ein 600e Tourismo anhört, so zahnlos ist der Nachfahre von Bruno Abarth trotz 177 kW / 240 PS auf der Autobahn. Der 280 PS starke Abarth 600e Competizione hat den identischen Antrieb wie der Opel Corsa GSE, darf jedoch immerhin 200 km/h schnell rennen. Der Abarth 500e mit immerhin 115 kW / 155 PS ist sogar nur 155 km/h schnell. 

Mini ist ebenfalls bekannt für seine besonders dynamischen John-Cooper-Works-Modelle, die seit einiger Zeit ebenfalls als Elektroversionen angeboten werden. Die sind nicht ganz so langsam wie die Modelle von Renault, Fiat oder Volkswagen, bleiben aber ebenfalls hinter den Erwartungen der meisten Interessenten zurück. Während die 170 kW / 231 PS starke Verbrennerversion des Mini John Cooper Works Cabrio auf Wunsch bis zu 250 km/h schnell rennt und einem spätestens ab Tempo 160 jede Frisur zerstört, kann der stärkere Mini John Cooper Works Electric trotz 190 kW / 258 PS mit maximal 200 km/h nicht annähernd mithalten. Das können auch 0 auf Tempo 100 in 5,9 Sekunden und ein exzellentes Fahrgefühl in schnell gefahrenen Landstraßenkurven nicht ausgleichen. Ähnlich schmerzhaft sieht es für das elektrische Topmodell Mini Countryman SE All4 mit seinem 230 kW / 313 PS starken Allradantrieb aus. Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h. 

Unter dem Strich sind die elektrischen Sportmodelle eher Sondermodelle mit einer sportlichen Ausstattung und bisweilen flotten Beschleunigungswerten. Doch wer wirklich schnell auf der Autobahn und längeren Strecken unterwegs sein, sollte sich besten Gewissens für einen Verbrenner entscheiden, denn wer bei einem Elektromodell wirklich schnell auf der Autobahn unterwegs ist, pulverisiert die Reichweitenangabe in Minuten. Einer der Gründe, weshalb die E-Sportmodelle so früh abgeregelt werden.

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