Reportage: Qualitätsprobleme bei Mercedes

Bei Mercedes jagt aktuell eine Rückrufaktion die nächste. Gerade erst musste der Autobauer rund 850.000 Fahrzeuge in die Werkstätten beordern. Was ist mit den Schwaben los?
Foto: Mercedes-Benz
Mercedes S Klasse (Foto: Mercedes-Benz)

Verblasst der Stern?

Bei Mercedes jagt aktuell eine Rückrufaktion die nächste. Gerade erst musste der Autobauer rund 850.000 Fahrzeuge in die Werkstätten beordern. Was ist mit den Schwaben los?

Deutschlands Qualitäts-Ikone hat ganz offensichtlich ein massives Qualitätsproblem. Mercedes-Benz hat ein Rekordjahr hinter sich, was Rückrufe betrifft – quer durch alle Baureihen. Allein das Kraftfahrtbundesamt (KBA) listet 2021 über 20 Rückrufaktionen für die Schwaben auf. Das ging im Januar mit dem Flaggschiff los. Nicht passende Spurstangen an der Lenkung der neuen S-Modelle könnten die Verschraubung überlasten und sich lösen. Weiter ging es im März. Mehr als 264.000 Autos der C- und GLC-Klasse wurden zurückgerufen wegen eines möglichen Fehlers an einem Brandschutzsystem. Im gleichen Monat gab es einen Rückruf für C- und E-Klasse, CLK und CLS, die zwischen Dezember 2005 und September 2006 gebaut wurden. Wegen einer fehlerhaften Verklebung könnte sich das Glas-Schiebedach ablösen. Mit der G-Klasse ging es weiter. Dort konnten sich „bei bestimmten Fahrmanövern“ die Fondtüren unbeabsichtigt öffnen oder verklemmen. Schuld seien „Fertigungstoleranzen“. Eine nette Umschreibung für Pfusch in Produktion und Qualitätskontrolle.

Weitere amtliche Probleme im Lauf des Jahres: Eine falsch verklebten Blende des Panoramadachs kann während der Fahrt wegfliegen, wegen einer fehlerhaften Verschraubung am Starter kann es zu einem Kurzschluss und in der Folge zu einem Brand kommen, bei der S-Klasse mussten ein undichter Kraftstofftank ausgetauscht und eine Fond-Kopfstütze überprüft werden, eine fehlerhafte Düse könnte bei C- und S-Klasse zum Ausfall der Kraftstoffpumpe führen, beim Smart Fortwo mussten die Verklebungen von Dach und Frontscheibe nachgeprüft werden, in der X-Klasse könnte es wegen einer scheuernden Rücklaufleitung des Ölkühlers zu Ölverlust kommen, eine fehlerhafte Verschraubung am 12V und 48V-Leitungsnetz kann zu Bränden führen, eine fehlerhafte Düse in der Kraftstoffpumpe zum Antriebsausfall, die fehlerhafte Befestigung der Bremssättel an der Vorderachse könnte die Bremsleistung einschränken, fehlerhafte Software des Antriebsstrangsteuergerätes kann bei der C-Klasse zum Motorausfall während der Fahrt führen – und mehr.

Mercedes G Klasse (Foto: Mercedes-Benz)
Mercedes EQS (Foto: Mercedes-Benz)
Mercedes C Klasse (Foto: Mercedes-Benz)
Mercedes X Klasse (Foto: Mercedes-Benz)
Mercedes E Klasse (Foto: Mercedes-Benz)
Mercedes GLC (Foto: Mercedes-Benz)

Der umfangreichste Rückruf stammt von Mitte November und betrifft beinahe alle Modellreihen: Aufgrund eines fehlerhaften Umschaltventils der Abgasrückführung kann es zu Bränden kommen. Die Folge: Mercedes musste 848.517 Fahrzeuge zurückrufen, 239.832 davon in Deutschland. Was das Problem noch verschärft: Mercedes kann nicht genügend Ersatzteile in die Werkstätten schaffen. Bis dahin rät Mercedes den Kunden, besonders umsichtig zu fahren „und die Nutzung auf das erforderliche Minimum zu beschränken“. Übersetzt heißt das: Lasst euer Auto möglichst stehen. Die Zahl der 2021 insgesamt von Rückrufen betroffenen Mercedes-Fahrzeuge ist längst siebenstellig geworden.

Immer schneller

Und ein Ende ist nicht abzusehen. Auch das Jahr 2022 ging für Mercedes unerfreulich los. Schon am 03. Januar rief das KBA weltweit 1.788 Fahrzeuge von C-Klasse, EQS, GLC und S-Klasse zurück, in Deutschland sind 664 Fahrzeuge betroffen. Der Grund: Ein fehlerhaftes Ladekabel könnte zum elektrischen Schlag oder zum Fahrzeugbrand führen. Noch völlig unklar ist, inwieweit Mercedes hunderttausende von Dieselmodellen zurückrufen muss, die womöglich mit unzulässiger Abgastechnik unterwegs sind. Noch streitet sich der Hersteller juristisch mit dem KBA – hat seine Rückstellungen aber vorsichtshalber schon mal kräftig aufgestockt.

Als Gründe für die zahlreichen Rückrufe nennt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach unter anderem den hohen Veränderungsdruck auf die Branche. Toleranzen werden immer enger. Neue Produkte kommen schneller und unfertig auf den Markt und reifen erst beim Kunden.

Das „Takata-Risiko“

Dazu kommen unter anderem Effekte der Gleichteilestrategie und einer weltweit vernetzten Automobilindustrie: Fehlerhafte Komponenten sind nicht mehr nur in einem Modell eingebaut, sondern oft in ganzen Modellfamilien über mehrere Konzernmarken, was die Zahl der betroffenen Fahrzeuge erhöht. Neben alledem sieht Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer auch einen folgenschweren Kostendruck in der Branche: Wenn Autokonzerne Geld einsparten, gehe dies zulasten der Zulieferer. Je höher der Kostendruck, umso stärker steige das Fehler- und damit das Rückrufrisiko.

Manchmal gar über verschiedene Autobauer hinweg. Dudenhöffer spricht vom „Takata-Risiko“: „Wenige Zulieferer verantworten Bauteile, die in riesigen Mengen von Neuwagen bei nahezu allen Autobauern eingesetzt werden.“ Weil Takata-Airbags nicht richtig funktionierten, mussten weltweit 50 Millionen Autos verschiedener Hersteller teuer nachgebessert werden. Für entsprechende Rückrufe musste allein Mercedes eine Milliardensumme in der Bilanz zurückstellen. Bei Takata selbst ist mittlerweile nichts mehr zu holen. Das japanische Unternehmen ist pleite.

Es ist im übrigen nicht das erste Mal, dass Mercedes wegen massiver Qualitätsmängel um seinen guten Ruf fürchten muss. In schlechter Erinnerung ist das Desaster mit der E-Klasse in der Ära Schrempp. Zahlreiche Modelle wurden nicht zuletzt wegen eines rigiden Sparprogramms zu fahrenden Rostlauben. Zum Teil schon nach zwei Jahren bildete sich vor allem an den Türen großflächiger Rost. Die Werkstätten kamen mit dem Austauschen der Türen kaum noch nach.

Autor:

Jürgen Wolff, Stand: 2022-01-17 17:57:03
Fotos: Mercedes-Benz