
Für Focus: Oberklasse
In der oberen Mittelklasse kann es anscheinend nur Einen geben: Die E-Klasse von Mercedes-Benz belegt in allen drei Laufleistungsbereichen den Spitzenplatz. Das schafft im Gebrauchtwagenreport 2014 sonst kein Fahrzeug. Wen wundert’s also, dass die Dekra den Stuttgarter zum „Besten aller Klassen“ kürt? Ansonsten zeigt sich auch in der Oberklasse ein ähnliches Bild, wie bei den Mittelklasseautos: Audi, BMW, Mercedes – und Volvo auf ein Neues. Wer genau hinschaut, der entdeckt jedoch so was wie eine kleine Sensation. Denn unter all den luxuriösen Mängelasketen vorwiegend eher neuen Baujahres findet sich ein – Kenner wissen es: zu Unrecht – viel Verschmähter: Der zwölf Jahre alte VW Phaeton. VWs Vorstoß in die Oberklasse kam zwar bei den Käufern nie so richtig an. Aber offensichtlich ist die Qualität des Phaeton gut genug, um ihn auch nach einem Dutzend Jahre noch auf den 3. Platz im Laufleistungsbereich bis 100.000 Kilometer zu hieven. Respekt.
Da steht er also, der Sieger aller Klassen: Die E-Klasse von Mercedes-Benz schlägt locker selbst die Luxusklasse aus dem eigenen Hause: Daimlers teure S-Klasse-Limousinen schaffen es gerade mal auf Platz 3 bei den Langläufern über 100.000 Kilometern. Die E-Klasse des Baujahres 2009 dagegen: Einmal quer durch auf allen ersten Plätzen. Limousine, Kombi, Coupé und Cabrio mit dem „E“ am Heck begeistern die Dekra-Prüfer fast schon unmoralisch: „Selbst an vier Jahre alten Modellen sind dank hochwertiger Materialien in der Regel kaum Gebrauchsspuren zu erkennen.“ Auch bei der Zuverlässigkeit liefere Mercedes mit der E-Klasse „eine Spitzenleistung“. Was es an Mängeln trotzdem hin und wieder gebe, sei das Standardrepertoire: verschlissene Bremsen und verstellte Scheinwerfer.
Der beste Audi im Oberklasse-Segment ist der A6 aus dem Baujahr 2011 – bis zu einer Laufleistung von 50.000 Kilometer. Danach? Bei Audi Fehlanzeige. Sobald es um größere Zahlen auf dem Tacho geht, findet sich kein Ingolstädter Luxusliner mehr in den Top Rängen des Dekra-Gebrauchtwagenreports. Bis dahin sind die Mängel allerdings eher zu vernachlässigen: Die üblichen falsch eingestellten Scheinwerfer und die Bremsanlage. Dort allerdings ist es weniger der Verschleiß, der auffällt. Audifahrer bremsen offensichtlich ungern: Die Bremsscheiben zeigen eher Korrosion. Bei älteren A6 sorgen Mängel an Karosserie und Elektrik für ein unterdurchschnittliches Abschneiden des „einstigen Musterknaben“.
BMW taucht in der Oberklasse gleich mit zwei Modellreihen an der Spitze auf. Der 7er aus dem Jahre 2008 schafft den 3. Platz bei den Laufleistungen bis 50.000. Waren beim Vorgänger noch ausgeschlagene Spurstangen und Querlenker anzutreffen, so ist das bei der aktuellen Generation des Münchner Flaggschiffs kein Thema mehr. Gelegentlich zeigt der Motor allerdings „zum Teil starken Ölverlust“. Und ein Fehler im bordeigenen Diagnosegerät sorgt für zu hohe Abgaswerte. Klar, auch beim 7er sind immer wieder mal die Scheinwerfer verstellt.
Der BMW 5er des Jahres 2009 schafft es im Dekra Gebrauchtwagenreport auf Platz 2 bei den Fahrzeugen mit Mittlerer Laufleistung. Die Mängelliste ist erfreulich knapp: Nebelscheinwerfer verstellt, taucht da als einziger Posten auf. Ansonsten, befinden die Prüfer, „wird die BMW typische Freude am Fahren von der Hauptuntersuchung nicht getrübt“. Bei den älteren 5ern ab Baujahr 2003 sieht es dann nicht mehr so freudig ungetrübt aus. Da sorgen dann öfters Rost an der Heckklappe und ausgeleierte Spurstangengelenke für Punkteabzug. Und ein Fehler im Diagnosesystem führt immer wieder mal zu hohen Abgaswerte.
Der VW Phaeton also. Eine „solide Mängelbilanz“ über „alle Baugruppen hinweg“ bescheinigen die Prüfer dem Volkswagen-Primus, an den bei seinem Erscheinen niemand so richtig glauben mochte. Nach wie vor ist die schwere Limousine kein Verkaufsschlager – liefert aber sehr solide Qualität. Doch wenn dann mal was kaputt geht, dann wird’s gleich teuer. Die häufigsten Mängel bei dem seit 2002 gebauten Phaeton sind ausgeschlagene Stabilisatorlagerungen, verschlissene Bremsscheiben und -beläge sowie verölte Motoren und Getriebe. Stress fürs Konto ist vor allem beim 10-Zylinder Diesel und beim V12-Benziner vorprogrammiert.
So erfolgreich die E-Klasse von Mercedes-Benz im Dekra-Ranking der Oberklasse auf die ersten Plätze schoss, so schwer tut sich das Stuttgarter Flaggschiff. Die S-Klasse des Modelljahres 2005 eroberte gerade mal Platz 3 bei den Langläufern über 100.000 Kilometern. Vor allem die hohe Belastung der Bremsanlage durch die schiere physikalische Wucht des Schlachtschiffes mit seinen bis zu 2,2 Tonnen Leergewicht sorgt immer wieder zu erhöhtem Verschleiß dieser Baugruppe. Und nicht nur da: Auch das Spiel der Radlager sollte regelmäßig überprüft werden. Ein Fehler in der Bordelektronik sorgt zudem immer wieder für unnötig hohe Abgaswerte.
Auch in der Oberklasse kann Volvo sicher punkten: Bei den Langläufern mit mehr als 100.000 Kilometern Laufleistung sicherte sich der S80/V70 noch vor der Mercedes-Benz S-Klasse den zweiten Platz. Schwedens Klassiker gehört zwar seit 2009 dem chinesischen Autokonzern Geely, doch die 2006 gebaute Limousine und ihre Kombiversion haben damit naturgemäß keinerlei Probleme. Solide Qualität, hohe Sicherheit – der Oberklasse-Volvo punktet mit beidem. Die Prüfer fanden keine wesentlichen Mängel – nur die üblichen Verdächtigen tauchen in den Listen auf: verstellte Scheinwerfer und verschlissene Bremsbeläge.
Autor:Jürgen Wolff, Stand: 2014-03-25 13:52:00
Fotos: Hersteller






